29.04.2004 12:08 |

Deutsches Debakel

Deutschland ließ sich von Rumänien abschlachten

48 Tage vor dem Ernstfall gegen die Niederlande hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft eines der größten Debakel ihrer Geschichte erlebt und die Zuversicht auf eine erfolgreiche Europameisterschaft zerstört. Nach einer Flut von kurzfristigen Absagen wurde die Elf von Rudi Völler am Mittwochabend beim 1:5 (0:4) gegen Rumänien in Bukarest regelrecht vorgeführt und erlitt die höchste Niederlage in der Amtszeit des Teamchefs seit dem 1:5 gegen England am 1. September 2001.
Vor 15.000 Zuschauern im Stadion Stanescu betriebder Vize- Weltmeister beim letzten Test vor der Nominierung desEM-Kaders 45 Minuten lang Rufschädigung und kam durch Torevon Mihaita Plesan (21.), Razvan Rat (23.) und Ionel Danciulescu(36./43.) und Gabriel Caramarin (84.) hochverdient unter die Räder.Erst zwei Minuten vor Schluss gelang dem Stuttgarter Philipp Lahmmit seinem ersten Länderspiel-Tor eine Ergebniskorrektur.Nur zwei Mal in ihrer Länderspiel-Historie (1909 gegen Englandund 1913 gegen Belgien) hatte eine DFB-Elf bis zur Pause vierGegentore hinnehmen müssen.
 
"Absolute Blamage"
"Für dieses Spiel gibt es überhaupt keineEntschuldigung. Das war eine absolute Blamage. Ich habe da keineWorte mehr. Wir haben uns abschlachten lassen", sagte KapitänOliver Kahn, der seinen Platz im Tor nach der Halbzeit fürden Stuttgarter Debütanten Timo Hildebrand geräumt hatte."Zur EM wollten wir mit breiter Brust fahren, das ist nach soeinem Spiel nicht mehr möglich", bekannte Dietmar Hamann.Und auch Völler nahm kein Blatt vor den Mund: "Das Ergebnistut uns weh. Es sind einfache und amateurhafte Fehler passiert,die gnadenlos bestraft wurden. Ich muss mich bei den deutschenZuschauern entschuldigen."
 
Notelf kam ins Rennen
Der viertletzte EM-Test war durch eine Serie vonVerletzungen und Absagen schon vor dem Anstoß zum Musterohne Wert geworden. Statt wie ursprünglich geplant eine Formationfür die EURO einzuspielen, musste Völler in der rumänischenHauptstadt eine Notelf ins Rennen schicken, für die die Aufgabevor allem zum Charaktertest wurde. Doch wie sich dieses Team gegendie im Umbruch befindlichen Rumänen beinahe ohne Gegenwehrin sein Schicksal ergab, brachte nicht nur den Teamchef auf diePalme. "Die einzige Lehre, die man im Hinblick auf die EM ziehenkann, ist die, dass es so nicht geht", wetterte DFB-PräsidentGerhard Mayer-Vorfelder. Auch Bundesinnenminister Otto Schilywar fassungslos: "Das war eine blamable Vorstellung. Man hat sichrichtig ausspielen lassen. Das eine Tor am Ende macht den Kohlauch nicht mehr fett."
 
Elementare Fehler im Defensivverhalten leitetendas Debakel ein. Durch den Einbau der gelernten MittelfeldspielerCarsten Ramelow und Jens Jeremies in die Innenverteidigung gingim Deckungsverbund jeglicher Zusammenhalt verloren. Auf der rechtenAußenposition leistete sich Philipp Lahm zahlreiche Stellungsfehler,links konnte Arne Friedrich nicht an seine Leistungen im Dressvon Hertha BSC anknüpfen. Der einzige, der in einer oft hilfloswirkenden deutschen Elf einigermaßen die Übersichtbehielt, war Hamann. Doch auch der Liverpooler konnte längstnicht alle Löcher stopfen. In der Offensive hatte alleinKevin Kuranyi einige gute Szenen, allerdings vergab der Stuttgarterdrei Möglichkeiten geradezu kläglich, Fredi Bobic gabin seinem 60-minütigen Einsatz keinen Schuss aufs Tor ab.
 
So viel Absagen wie in Bukarest hatte Völlerschon lange nicht mehr hinnehmen müssen. Michael Ballackund Frank Baumann meldeten sich nach der letzten Übungseinheitwegen Verhärtungen in der Wade nicht spielfähig undwurden durch Jeremies und Fabian Ernst ersetzt. Beim Warmlaufenunmittelbar vor Spielbeginn klagte dann auch noch Jens Nowotnyüber Kniebeschwerden und räumte seinen Platz im Teamfür Ramelow. Schon am Mittag hatte Jens Lehmann die Rückreisenach London angetreten. Der Torhüter des FC Arsenal, dereigentlich den an einem Bluterguss im Knie laborierenden OliverKahn nach der Pause ablösen sollte, hatte beim Training amDienstagabend Rückenprobleme bekommen, die sich im Laufedes Tages verschlimmerten. Dafür wurde kurzerhand Timo Hildebrandals zweiter Keeper nach Bukarest beordert.
 
Die erste Chance in einem Spiel, dessen Niveausich dem tristen äußeren Rahmen anpasste, bot sichKevin Kuranyi, der in der 13. Minute frei vor dem rumänischenKeeper Bogdan Lobont scheiterte. Danach häuften sich dieSchnitzer in der deutschen Defensive. Nach einem Fehlpass vonErnst umkurvte der erst 21-jährige Plesan Jeremies und Ramelowwie Slalomstangen und ließ auch Kahn keine Chance. ZweiMinuten später bahnte sich das Desaster für die deutscheElf an, als Rat am linken Flügel auf und davon ging und demBayern-Schlussmann mit einem Schlenzer zum zweiten Mal das Nachsehengab. Auch bei den Toren Nummer drei und vier durch Danciulescuwirkte die Abwehr völlig desorientiert. Nach Wiederbeginnwar die deutsche Mannschaft vor allem um Schadensbegrenzung bemüht.Doch nicht einmal das gelang wirkungsvoll.
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