Fr, 17. August 2018

Fachkräfte wandern ab

04.08.2018 06:00

Warum die Löhne im Osten hinterherhinken

Die Einwohner profitieren kaum vom Aufschwung in Polen oder Ungarn. Sie wandern aus, und Fachkräfte fehlen.

In den vergangenen Jahren blickte der Westen neidvoll auf die „EU-MOE-8“ - Bulgarien, Kroatien, Polen, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn: Wachstumsraten von 4 Prozent und mehr waren keine Seltenheit, Vollbeschäftigung (z. B. in Tschechien) ebenso wenig. Arbeitnehmer profitierten davon jedoch nur bedingt, so eine Studie des Wiener Institutes für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

Kollektivverträge in Wirtschaftskrise aufgelöst
Denn um in der Krise 2008 zu bestehen, lösten Unternehmen die Kollektivverträge auf, so Studienautor Mario Holzner. In Rumänien, wo vor 20 Jahren noch 98 Prozent der Menschen mit Kollektivvertrag beschäftigt waren, sind es jetzt 35 Prozent. Slowenien baute von einer Vollabdeckung auf zwei Drittel ab.

Dadurch wachsen die Löhne weniger schnell, als die Produktion steigt. Nur in Bulgarien und Rumänien zeigt die Kurve steil nach oben. „Die beiden Länder holen auf, was sie durch massive Wirtschaftseinbrüche in den 1990er-Jahren versäumt haben“, erklärt Holzner.

Staatliche Mindestlöhne zwischen 215 und 791 Euro
Staatliche Mindestlöhne sollen den Wegfall der Kollektivverträge abfedern. Sie liegen zwischen 215 Euro in Bulgarien und 791 Euro in Slowenien und machen zwischen 36 (Tschechien) und 51 Prozent (Slowenien) des Durchschnittslohnes aus. „Stiegen die Mindestlöhne um zwei Prozent, zogen die Durchschnittsgehälter binnen zwei Jahren um 0,15 Prozent an“, so Holzner.

Ein Blick auf die Branchen zeigt: Mitarbeiter der Metallerzeugung fassen heute im MOE-8-Schnitt 35 Prozent mehr Lohn aus als 2010, die Auto-Industrie zahlt 29 Prozent mehr. Dagegen sanken die Löhne in der Mineralölverarbeitung um drei Prozent.

Regionen im Westen passen Löhne stärker an. So stiegen die Gehälter in und um Bratislava binnen vier Jahren um 1,7 Prozent, in der gesamten Slowakei um 1,1 Prozent. Um 4,3 Prozent mehr verdienen Arbeitnehmer in Niederschlesien an der deutschen Grenze, in Polen gesamt sind es 2,4 Prozent.

Junge Menschen wandern nach Westen aus
Diese Entwicklung ist ein Grund, warum vor allem junge Menschen ihr Leben nach Westen verlegen: Ukrainer wandern aus nach Polen, Rumänen nach Ungarn, Bosnier nach Kroatien. Ungarn und Polen dafür nach Österreich und Deutschland. So verzeichnen alle MOE-8-Staaten einen Bevölkerungsrückgang. „Vor allem die Altersgruppe von 15 bis 44 sinkt“, sagt Holzner. Zurück bleibt ein Mangel an Arbeitskräften - etwa bei Software-Entwicklern, Lkw- und Busfahrern, Köchen und Pflegepersonal.

Teresa Spari, Kronen Zeitung

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