Mo, 20. August 2018

Live am Frequency

04.08.2018 07:00

Little Simz: Liebkind aller Hip-Hop-Größen

Mit authentischen Texten, sympathischer Ausstrahlung und ein in den Grime reichendes Rap-Korsett überzeugt Little Simz nicht nur ihre Fans, sondern auch Jay-Z und Kendrick Lamar. Am Frequency gibt es mit der talentierten Künstlerin ein Wiedersehen - wir haben mit ihr zuvor über ihre Karriere gesprochen.

Kendrick Lamar und Jay-Z sind bekanntlich zwei der allerschwersten Schwergewichte der Hip-Hop-Historie. Wer von den beiden attestiert bekommt, Talent und Qualität zu besitzen, der kann sich prinzipiell auf eine große Karriere vorbereiten. Genau das geschah der mittlerweile 24-jährigen Rapperin Simbiatu Ajikawo aus dem Nordlondoner Ortsteil Islington, die als Little Simz (vorher Lil Simz) seit mittlerweile acht Jahren unterwegs ist und zunehmend die Massen begeistert. Erste breitenwirksame Aufmerksamkeit verschaffte ihr ausgerechnet Jay-Z, der 2013 ihr Mixtape „Black Canvas“ auf seiner Webseite veröffentlichte - nur zwei Jahre später zog Lamar mit Lobhuldigungen nach und verschaffte der sympathischen Britin einen weiteren Karriereboost.

Konzeptionelles Gesamtkunstwerk
Musikalisch bewegt sich Little Simz im aus dem im Londoner Eastend entstandenen Grime, der seinen düsteren Hip-Hop-Sound mit Elektronik oder Dubstep-Elementen durchsetzt und somit zu einem weltweit respektierten und vielgehörten Subgenre mutierte. Mit ihrem Debütalbum „A Curious Tale Of Trials & Persons“ (2015) heimste sie eine Handvoll relevanter Preise ein und katapultierte sich auf die Shortlist aller kundigen Szenemagazine, der nicht minder gelungene Nachfolger „Stillness In Wonderland“ (2016) wurde gar zum ambitioniert-gelungenen Multiprojekt. Little Simz hat neben dem Album auch eine spezielle Liveshow, einen Kurzfilm und eine auf vier Teile angelegte Comic-Miniserie daraus kreiert. Ein konzeptioniertes Gesamtkunstwerk, das keine künstlerischen Grenzen kennt und die Vielseitigkeit der betriebsamen Sängerin offenbart.

„Sich um alles kümmern zu müssen und die Hand drauf zu haben, das verbraucht irrsinnig viel Zeit“, verriet sie uns im Zuge ihres Konzerts im Wiener Flex, „und manchmal wird mir diese ganze Flexibilität fast zu viel. Ich wusste schon immer, dass meine große Passion die Musik ist und richte darauf auch künftig meinen Fokus. Ich will alles andere nicht ad acta legen, aber zumindest zurückstellen.“ Mit „alles andere“ meint Little Simz vorwiegend ihre Schauspielkarriere. Bevor sie erfolgreich im Rap-Business reüssierte, spielte sie sehr erfolgreich in den britischen Kinder-/Jugendserien „Spirit Warriors“ und „Youngers“ mit. Das Rampenlicht lernte die Tochter zweier nigerianischer Einwanderer schon als Elfjährige in Jugendzentren kennen - damals noch besonders stark von ihren beiden größten Idolen Missy Elliot und Lauryn Hill inspiriert.

Eigener Boss
Aufgewachsen in einem Haus, in dem Flüchtlinge vom Sozialamt untergebracht wurden, hat Little Simz sehr schnell gelernt, ihren Platz im Leben finden und notfalls auch verteidigen zu müssen. So ist es auch zu erklären, dass sich das künstlerische Multitalent niemals mit einem „nein“ zufriedengab und schon sehr früh darauf bedacht war, nicht die Kontrolle über ihr Tun zu teilen oder gar zu verlieren. 2014 gründete sie ihr eigenes Label Age 101 Music Limited und nur in Vertriebsfragen darf der monumentale Dosenkonzern Red Bull Records vom Kuchen mitnaschen. „Ich bin mein eigener Boss und mache, was ich für richtig halte, ohne das Gefühl zu haben, jemanden zufriedenstellen zu müssen. Ich habe die totale kreative Kontrolle über meine Arbeit und bewege mich völlig frei.“

Dass ihr dabei immer wieder Steine in den Weg fallen oder die klassischen Vorteile wie globale Werbemaßnahmen großer Plattenfirmen fehlen, sieht sie nicht als Nachteil. „Mein Weg ist sicher ein harter, weil ich mir jeden Schritt zweimal überlegen muss und jeder Fehler gravierender endet, aber auch wenn manchmal Zweifel aufkommen bin ich glücklich darüber, ihn gewählt zu haben. Ich konnte dadurch so viele interessante Menschen kennenlernen und Erfahrungen sammeln, die unbezahlbar für mich sind. Hätte ich mich schon in jüngeren Jahren unter die Schirmherrschaft eines großen Labels gestellt, hätte ich niemals diese Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit in meinen Songs verbreiten können.“

Für alle da
Im Gegensatz zu den Dicke-Hose-Kollegen, die sich nur allzu gerne in ausufernden Disstracks verlaufen oder gar Gottkomplexe an den Tag legen, belässt es Little Simz textlich bei authentischen Lebensschilderungen ihres nicht immer einfachen Lebens. Offenheit, Ehrlichkeit und Verletzlichkeit sind ihre wichtigsten Prämissen - sie schont sich nicht und tritt damit ins öffentliche Licht. „Ich gebe in meinen Songs wirklich viel von mir preis und gehe manchmal wohl etwas zu weit. Andererseits kann ich damit anderen Menschen helfen, die Inspirationen aus meinen Songs ziehen oder zu mir kamen, um sich dafür zu bedanken. Wir alle sind im Endeffekt Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen und es tut doch jedem gut zu wissen, dass er mit seinen Problemen nicht alleine ist.“

Die Wahrheit ohne Filter - ein seltenes Gut im glattgebügelten Musikkosmos. Für Little Simz eine Selbstverständlichkeit. Anders wäre Songwriting für die 24-Jährige gar nicht möglich. „Die beste Musik entsteht immer aus gebrochenen Herzen und dunklen Zeiten. Für kreative Menschen ist die Negativität wichtig. Manchmal fürchte ich mich sogar, wenn ich zu lange gut drauf bin, dann gelingen mir keine vernünftigen Songs. Es ist viel einfacher, wirklich gehaltvolle Dinge an schweren und melancholischen Tagen auf Papier zu bringen.“ In Österreich konnten sich die Rap-Fans schon des Öfteren von den hochgelobten Live-Qualitäten der Entertainerin überzeugen. Kleines Flex, großes Flex, Donauinselfest und als Highlight letzten Herbst die Show im Vorprogramm der Gorillaz vor mehr als 10.000 Menschen in der Wiener Stadthalle. Mit Damon Albarns Band hat sie auch den Song „Garage Palace“ aufgenommen.

Next Stop: Frequency
„Ich war auf dieser Tour nur mit einem DJ auf der Bühne, ohne den Rückhalt einer vollständigen Band. Dann fokussieren sich 10.000 Menschen oder mehr auf deine Arbeit und sind noch nicht einmal für dich da. Ich kam aber mit jeder Tourstation besser rein und das Feedback der Fans war grandios.“ So mancher Zeitzeuge in Wien wertete die zwei Gorillaz-Songs mit Little Simz als Gastsängerin gar als Highlight der Show, weil sie für die nötige Frische und Unverbrauchtheit sorgte. „Mein Job ist es in erster Linie zu unterhalten und den Menschen eine gute Zeit zu liefern. Auch wenn mir die kleinen Shows besser behagen, weil sie meiner Musik näher sind.“ Die nächste Station heißt Frequency Festival - von einer kleinen Bühne wieder keine Spur. Little Simz wird am Donnerstag, 16. August, ab 16.20 Uhr auf der Green Stage zu sehen. Ein Feature mit den Headlinern Gorillaz am Abend ist nicht auszuschließen… Das Festival ist mittlerweile restlos ausverkauft.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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