Sa, 21. Juli 2018

Das große Interview

01.07.2018 06:00

Was war da los, Herr Minister Hofer?

Blaulicht-Einsatz beim Verkehrsminister: Als vor zwölf Tagen (siehe Videobericht oben) ein Handy aus dem Fenster von Norbert Hofers Privatwohnung in der Wiener Josefstadt fiel, schlugen Passanten Alarm. Was an dem Dienstagabend genau passierte und was an den Gerüchten dran ist, hat er Conny Bischofberger erzählt.

Der Mann hat schon einiges durchgemacht: Paragleiterabsturz, Beinahe-Querschnittlähmung, eine drohende Fußamputation, Lungenembolie im Türkei-Urlaub. Daran gemessen war sein Kollaps am 19. Juni ein Klacks.

Allerdings hat der Polizei-Einsatz in seiner Privatwohnung, bei dem ein Smartphone vom vierten Stock auf die Straße fiel, die Gerüchteküche so richtig angeheizt. „Mir wurde alles Mögliche unterstellt“, sagt Hofer beim „Krone“-Interview in seinem Büro in der Wiener Radetzkystraße, „von Alkohol bis Herzinfarkt.“ Hass bekam er auch zu spüren. So schrieb ein User auf Facebook: „Schade, dass nicht mehr passiert ist.“

Der Minister trägt ein kariertes Sakko, dazu eine karierte Krawatte und ein kleinkariertes rosarotes Stecktuch. Seine Mitarbeiter stellen ihm ein Glas mit Wasser hin. „Der Chef soll jetzt viel trinken!“ Dann spricht Hofer über den besagten Abend, die Arbeitsbelastung eines Spitzenpolitikers und seine Pläne, bald zu 90 Prozent ohne Stock gehen zu können.

Krone: Wie geht es Ihnen?
Norbert Hofer: Wieder sehr gut. Ich habe Sie heute ohne Stock begrüßt. Wenn ich noch weitere fünf Kilo abnehme und meine Muskulatur durch das Training noch mehr gestärkt wird, hoffe ich, den Stock bald weglassen zu können.

Das heißt, Sie sind auf Diät?
Ich arbeite schon sehr, sehr lang an den Folgen meiner Querschnittlähmung und habe sehr viel trainiert, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber es fehlt so etwas wie der letzte Schritt, und dabei spielt das Gewicht eine große Rolle. Vor fünf Wochen bin ich auf die Waage gestiegen und hatte 99,9 Kilo. Das war ein Weckruf. Jetzt bin ich schon bei 90.

Am Dienstagabend, den 19. Juni haben Sie Feuerwehr, Rettung und Polizei auf Trab gehalten. Was war da los?
Es war eigentlich ein völlig normaler Arbeitstag, mit relativ vielen Terminen. Am Ende des Tages kam ich in die Wohnung, hab meine Liegestütze gemacht und mir ein Bad eingelassen. Das muss so in etwa um 20.30 Uhr gewesen sein.

Was passierte dann?
Ich wollte ein bisschen frische Luft reinlassen, es war recht heiß in der Wohnung, deshalb habe ich das Fenster aufgemacht. Dabei dürfte ich gegen den Fensterstock geknallt sein, dann bin ich zusammengegangen. Noch bevor ich am Boden aufgekommen bin, ging bei mir das Licht aus. Du bist komplett weg! Ich hab keine Ahnung, wie lange ich ohnmächtig war.

Wie kann dabei ein Handy aus dem Fenster fallen?
Durch den Sturz wahrscheinlich, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat es ein Passant gefunden und die Polizei alarmiert. Ich hatte die Wohnung Gott sei Dank nicht zugesperrt, da war es der Feuerwehr schnell möglich, sie aufzubrechen.

Im Einsatzprotokoll steht, dass eine Journalistin mit Ihnen telefoniert habe.
Ich weiß nicht mehr, ob es dieses Telefonat war, das ich zuletzt geführt habe. Ich bin erst wieder aufgewacht, als der Notarzt zu mir gesprochen hat.

Unser Foto eines Leserreporters zeigt drei Feuerwehrautos vor Ihrem Haus. Was empfinden Sie, wenn Sie es anschauen?
Das gibt einem schon zu denken. Ich bedanke mich bei allen, die da mitgewirkt haben. Für mich war es ein ordentlicher Schock.

Haben Sie sich übernommen?
Offenbar war alles zu viel. Beginnend mit dem Bundespräsidentenwahlkampf, gleich danach der Nationalratswahlkampf, dann Regierungsverhandlungen, jetzt das Ministeramt und schließlich die Vorbereitung für die EU-Ratspräsidentschaft, das sind schon sehr große Belastungsphasen.

Es gab böse Gerüchte, dass Sie betrunken gewesen sein sollen. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe auch gelesen, ich wäre cracksüchtig, ich hätte einen Schlaganfall gehabt und vieles mehr. Darüber ärgere ich mich nicht, das muss man einfach ausblenden.

Ist Ihnen so ein Kollaps eigentlich schon öfter passiert?
Zuletzt, als ich ein Kind war. Wenn man schnell wächst, kippt man manchmal um (lacht).

Zuletzt sind einige der Regierungsmitglieder krank geworden: Josef Moser, Hartwig Löger, Karin Kneissl. Ist Politik, wie Matthias Strolz in seinem Abschiedsinterview gesagt hat, ein „brutales Geschäft“?
Man darf sich nicht darüber beklagen. Es ist niemand gezwungen, in der Politik zu bleiben. Die Arbeit am Hochofen oder als Luftfahrzeugwart, der um drei in der Früh den Flieger abnimmt, ist auch ein brutales Geschäft. Oder der Beruf einer Pflegefachkraft, die wickelt und füttert. Von einem Politiker wird halt immer erwartet, dass er Stärke zeigt.

Und Sie hatten einen Schwächeanfall.
Darf ein Politiker auch einen Moment der Schwäche haben? Er ist letztlich ein Mensch wie jeder andere auch. Beurteilen muss es der Wähler.

Wie erklären Sie sich, dass Ihr Kollaps die meistgeklickte Geschichte auf den Online-Plattformen war?
Weil es eine zutiefst persönliche Sache ist … Ich kann mich erinnern, wie groß das Interesse nach meinem Paragleiter-Unfall war, und damals war ich nicht in der Funktion eines Ministers.

Herr Hofer, an diesem Sonntag beginnt die EU-Ratspräsidentschaft, und ein großes Thema wird die Migrationsfrage sein. Wie geht es Ihnen, wenn der Vizekanzler Ihrer Partei mit einem Innenminister kooperiert, der gesagt hat: „Diese Leute sind“ - für die Schlepper - „Menschenfleisch“?
Ich glaube, dass das Schleppergeschäft eines der schmutzigsten überhaupt ist, weil diese Leute in Kauf nehmen, dass Menschen sterben. Deswegen ist es schon klug, Maßnahmen zu setzen, mit denen man den Schleppern das Handwerk legt. Da muss man sehr entschieden handeln.

Aber trotzdem sind es Menschen, die in diesen Schlauchbooten sitzen.
Natürlich. Ich habe verstanden, dass Salvini gesagt hat, für die Schlepper seien diese Leute sozusagen nur eine Ware. Aber natürlich sind das Menschen und Schicksale, denen wir uns stellen müssen.

Dieses Wochenende ist auch geprägt vom Widerstand gegen den Plan der Regierung, per Gesetz die höchstzulässige Arbeitszeit auf zwölf Stunden auszuweiten. Haben Sie dafür Verständnis?
Ich verstehe die Sorgen, aber ich glaube, wenn das dann umgesetzt ist, wird man sehr schnell sehen, dass diese Sorgen unbegründet waren.

Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?
Ich bin weit über dem drüber, wogegen hier protestiert wird. Also 80 Stunden sind keine Seltenheit.

Sie haben immer offen gelassen, ob Sie bei der nächsten Bundespräsidentenwahl noch einmal antreten. Haben Sie sich schon entschieden?
Ich lasse es weiter offen. Natürlich hoffe ich, dass bis dahin alles gut geht. Die Entscheidung werde ich aber gemeinsam mit der Familie und mit der Partei treffen.

Fit genug wären Sie?
Ich sage „Ja“. Aber ich habe keine Ahnung, was in vier oder fünf Jahren alles passieren kann. Deshalb arbeite ich hart daran, fit zu bleiben. Ich mache mittlerweile 40 Liegestütze am Stück und 100 pro Tag. Dafür habe ich eine App, die mitzählt und die vor allem unbestechlich ist. Und ich halte Diät.

Welche?
Ich habe ein Buch gelesen, das „Weizenwampe“ heißt. Da habe mir gedacht: „Okay, die Methode versuche ich.“ Seither esse ist nichts mehr, wo Weizen drinnen ist. Kein Brot, keine Nudeln, kein Gebäck, kein Kuchen. Dafür viel Obst, Gemüse und Fisch.

Und viel Wasser?
Danke fürs Erinnern. Man vergisst so schnell, was einem gerade passiert ist.

Ein Absturz veränderte sein Leben
Geboren am 2. März 1971 in Vorau, aufgewachsen in Pinkafeld. Ausbildung zum Flugtechniker, danach Systemingenieur bei der Lauda Air. In der Politik seit 1994 (FPÖ-Vizebundesparteiobmann, Dritter Präsident des Nationalrates, Bundespräsidentschafts-Kandidat).  Seit Dezember 2017 ist er Verkehrs- und Infrastrukturminister in der türkis-blauen Regierung. Hofer ist Vater von insgesamt vier Kindern und in zweiter Ehe mit der Pflegefachkraft Verena verheiratet. Nach einem Paragleiter-Unfall 2003 war er fast querschnittsgelähmt.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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