Fr, 19. Oktober 2018

Live am Frequency

29.06.2018 07:00

Gorillaz: Die Comic-Band tritt auf die Soundbremse

Es hat sich was getan im Hause Gorillaz - wenn man das bei einer Cartoon-Band so sagen darf. Bassist Murdoc sitzt aus obskuren Gründen im Gefängnis. Also musste der blauhaarige Frontmann 2D einen grüngesichtigen, spitznasigen Ersatzmann namens Ace rekrutieren. Immerhin: Die japanische Gitarristin Noodle und der farbige Schlagzeuger Russel Hobbs sind - zumindest offiziell - weiterhin mit an Bord.

Soweit die neueste Geschichte der vor 20 Jahren gegründeten, weltweit sensationell erfolgreichen britischen Comic-Band Gorillaz um Blur-Sänger Damon Albarn und Zeichner Jamie Hewlett („Tank Girl“). Dahinter steckt ein Kurswechsel, der für viele Fans überraschend kommen dürfte: Nicht nur, dass das sechste Album gut ein Jahr und damit extrem kurz nach dem fünften herauskommt - es unterscheidet sich auch bei Sound und Songwriting erheblich von allen anderen Gorillaz-Platten.

Ende des Versteckspiels
„The Now Now“, mit kurzer Ankündigungszeit veröffentlicht, ist ein reduziertes, ruhiges Album, fast wie ein Albarn-Solowerk. Gerade im Vergleich zu dem mit Gaststars überladenen Vorgänger „Humanz“ (2017) fällt auf, dass dieser längst dem Britpop entwachsene Musiker nun gar nicht mehr verbergen will, wer die kreative Kraft im Gorillaz-Kosmos ist.

„Meistens singe ich diesmal. Es geht sehr um die Welt von 2D“, betonte Albarn in einem Vorab-Radiointerview. „Er klingt sehr ausdrucksstark“, sagte der 50-Jährige lobend über sein Alter-Ego in der virtuellen Welt. Und fügte hinzu: „Ich fühle mich richtig wohl dabei.“ Im Gespräch mit „Entertainment Weekly“ warnte Albarn allerdings auch: „Wer meine Stimme nicht mag, sollte besser kein Geld für diese Platte ausgeben.“

Tatsächlich dominiert die nasale, melancholische Albarn-Stimme fast alle Stücke dieses sehr luftig produzierten Gorillaz-Albums, darunter zum Ende hin mehrere schöne Balladen. „Lake Zurich“ ist ein weitgehend instrumentaler Electro-Funk-Track im Stil der 80er Jahre, der an Prince oder Janet Jackson erinnert. „Hollywood“ teilt sich Albarn mit dem Rapper Snoop Dogg und House-Music-Pionier Jamie Principle.

Highlight zu Beginn
Das war‘s diesmal auch schon mit den Promi-Auftritten. Jedenfalls fast. Denn den Höhepunkt des Albums haben die Gorillaz - bei den Aufnahmen in einem Londoner Studio neben Albarn vor allem die Produzenten James Ford und Remi Kabaka - gleich an den Anfang gesetzt.

„Humility“ ist ein perfekter Sommerhit, und zur allgemeinen Überraschung taucht dabei nicht nur Hollywood-Schauspieler Jack Black neben 2D im Video auf, sondern auch die stilprägende Soft-Jazz-Gitarre von George Benson. Wie einst bei Bobby Womack auf „Plastic Beach“ (2010) oder zuletzt bei Grace Jones und Carly Simon auf „Humanz“, hat Albarn wieder mal einen fast vergessenen Altstar für eine Gorillaz-Gastrolle ausgegraben.

Weniger schrill
„The Now Now“, das textlich voller Anspielungen auf die USA und den aktuellen Zustand der Welt steckt, ist also im Kern vor allem ein Vehikel für Albarns Songschreiber-Künste. Man darf daher durchaus fragen, was dieses sehr angenehme, aber auch etwas unspektakuläre Popalbum zu einer Gorillaz-Platte macht. Denn die knalligen, schrillen Tracks von früher - angefangen beim grandiosen Debüt mit „Clint Eastwood“ (2001) - fehlen völlig.

Damon Albarn ist nach dem Überraschungscoup indes schon wieder ganz woanders unterwegs: Nach seiner visuell und musikalisch atemberaubenden Gorillaz-Tournee, die ihn im Sommer auch zum Frequency Festival nach St. Pölten (16. August) führen wird, soll bald das zweite Album von The Good, The Bad & The Queen herauskommen, einer Supergruppe mit Bassist Paul Simonon (The Clash), Gitarrist Simon Tong (The Verve) und Afrobeat-Legende Tony Allen am Schlagzeug. Seine jahrelange Kooperation mit Musikern aus Mali und Südafrika setzt er auch fort. Nur von einem neuen Blur-Album, dem Nachfolger des tollen „The Magic Whip“ (2015), ist derzeit nicht die Rede.

 krone.at
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