Do, 18. Oktober 2018

In der Stadthalle Wien

10.06.2018 12:00

Lenny Kravitz: Zwischen Genie und Schlampigkeit

Rund 6.600 Fans lockte US-Rockstar Lenny Kravitz Samstagabend in die Wiener Stadthalle, um mit ihnen Fest der Freude und der Liebe zu zelebrieren. Neben all seinen großen Top-Hits experimentierte der 54-Jährige mit zwei brandneuen Nummern und zeigte sich besonders fannah.

Marketingtechnisch war die Tour-Positionierung gewiss ungeschickt gewählt. Eine „Raise Vibration“-Tour durch Europa zu machen, obwohl das gleichnamige Album erst Anfang September erscheinen wird -warum tut man denn so etwas? Die genauen Gründe dafür bleiben im Verborgenen, werden aber wohl etwas mit nicht eingehaltenen Deadlines oder Produktionsproblemen zu tun haben. So hat Rockstar Lenny Kravitz aus der Not eine Tugend gemacht und vor dem Tourstart in München noch schnell zwei neue Singles in den Orbit geschossen, um nicht nur mit den alten Kamellen am Start zu sein. Dabei wissen wir gerade bei Altrockern (und Lenny gehört mit 54 schön langsam dazu, auch wenn er immer noch locker 20 Jahre jünger aussieht), dass das Verwalten des kreativen Erbes meist mehr bringt, als neue Songs, die ohnehin nie an die Hittauglichkeit der Klassiker herankommen.

Spritzer statt Spielfreude
So passiert es auch, dass ausgerechnet die Debütanten dem an sich durchaus kraftvollen Konzert den Drive nehmen. Programmatischer könnten schon die Songtitel nicht sein. „It’s Enough“ denkt man sich des Öfteren, wenn Kravitz den Refrain zum x-ten Mal wiederholt und vergeblich auf euphorische Reaktionen wartet, „Low“ geht es dann bei der nächsten Single weiter. Dem funkig gedachten, aber stinklangweilig umgesetzten Durchschnittstrack helfen nicht einmal die posthumen Vocals von Michael Jackson. Ob man wirklich im musikalischen Leichenschauhaus eines alten Freundes graben muss, um die Verkaufsmaschinerie anzukurbeln, ist eine andere Frage, der Song selbst lockt kaum jemanden vor den Ofen. Als er vor der glitschigen Schmachtballade „It Ain’t Over `Til It’s Over“ auch noch gefühlte zehn Minuten für sich selbst auf der Gitarre herumklimpert und nicht in Schuss kommt, werden auch die ersten Fans nervös. „Bis der anfängt kann ich noch zwei Spritzer trinken“ war als Bestandsaufnahme jedenfalls nicht aus der Luft gegriffen.

Doch abseits dieser temporären Schwächephase erwies sich der Wahl-Pariser einmal mehr als geborene Rampensau, die für das Feilbieten ihrer Qualitäten gar keinen technischen Schnickschnack braucht. Im Gegensatz zu seiner letzten Wien-Visite vor etwa dreieinhalb Jahren hat Kravitz an diesem Abend noch nicht einmal eine Videowall zur Verstärkung seiner Präsenz installiert. Neben grellen Lichteffekten reicht ihm dieses Mal ein Teufelshorn hinten in der Bühnenmitte, vor dem er mit „Fly Away“ tatkräftig und klangvoll in den Abend führt. Die Hitdichte ist nach knapp 30 Karrierejahren natürlich groß und im Laufe des schwungvollen Stelldicheins wird dem Gelegenheitshörer erst wieder gewahr, welch Menge an memorablen Rocksongs Kravitz schon geschrieben hat.

Fintenreiche Musik
Da kann es sich der Zampano auch locker leisten, die quantitativ eher magere Setlist durch Jameinlagen, Instrumental-Stakkatos und Publikumsinteraktion auf mehr als zwei Stünden zu ziehen. Das hat vor allem am Ende durchaus seine Längen, aber Kravitz und seiner formidablen vierköpfigen Band gelingt es die meiste Zeit geschickt, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten und die Fans für sich einzunehmen. Etwa als er den legendären Guess-Who-Hit „American Woman“ in der Mitte plötzlich zum Bob-Marley-Reggaeklassiker „Get Up Stand Up“ verwandelt und dazu einen Trompeter und zwei Saxofonisten auf die Bühne bittet. Die nehmen auch fortwährend eine wichtige Rolle des Sets ein - vor allem beim zuvor angesprochenen „It’s Enough“ trompetet der Kanye-West-Verschnitt, als ob es kein Morgen gäbe.

Allgemein überlässt er seinen Instrumentalisten oft das musikalische Rampenlicht, um sich immer wieder in Posen zu werfen, oder seine berüchtigten Hüftschwünge in der engen schwarzen Lederhose zu zelebrieren. Den gerade 18 Jahre alt gewordenen Chris beschenkt er auf der Bühne mit einem Selfie, während er die rund 6.600 Fans in der Stadthalle ein Ständchen singen lässt. „Bitte die Wiener Version und nicht auf Englisch“. Dass durch all diese Einlagen und Unterbrechungen manchmal der Vibe des Konzerts verloren geht, ist ärgerlich, doch immer wenn man sich darüber mokieren möchte, knallt uns der Entertainer einen Megahit wie „Always On The Run“ oder „Where Are We Runnin‘?“ vor die Füße, um sofort jegliche Zweifel ad absurdum zu führen.

Qualitätsbollwerk
Am Ende läuft er auch noch für Selfies und Autogramme durchs Publikum und lässt mit einer Extended-Version von „Are You Gonna Go My Way“ Ekstase aufkommen. So mancher behauptet spöttisch, wenn das neue Album so wird wie die zwei ersten Single-Auskoppelungen, kämen nächstes Jahr nur mehr 4000 Fans. Zu wünschen wäre es Lenny nicht, denn in seiner Funktion als Musiker, Sänger und Entertainer ist er bei der richtigen Songauswahl noch immer ein Qualitätsbollwerk, das zusätzlich einen Überhang an Charme und Charisma besitzt. Wie nur wenig andere schafft er es, mit seiner bloßen Anwesenheit, abseits von massiven Bühnenproduktionen und Effekthaschereien, für Stimmung zu sorgen. Und diese Magie ist zunehmend vom Aussterben bedroht.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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