Sa, 23. Juni 2018

AK-Chefin im Interview

01.05.2018 13:00

Sind Sie eine harte Kämpferin, Frau Anderl?

Zum „Tag der Arbeit“ spricht Renate Anderl, die neue Präsidentin der Arbeiterkammer, über Hackler und Bonzen, das Schreckgespenst Zwölfstundentag und ihre Vision einer „schönen neuen Arbeitswelt“.

Auf der Terrasse hinter der AK-Bibliothek im vierten Wiener Gemeindebezirk ist ein Frühstück gedeckt, der Wind weht die Blumenvase fast um. Renate Anderl (55) schafft es trotz Redefluss, die rote Gerbera immer wieder aufzufangen. Und dann lacht sie. Das „Krone“-Interview findet drei Tage nach ihrer Wahl zur obersten Vertreterin von 3,7 Millionen Arbeitnehmern in Österreich und einen Tag vor der 1.-Mai-Feier am Wiener Rathausplatz statt. „Beim Maiaufmarsch war ich schon als kleines Kind. Auf den Schultern meines Vaters“, erzählt die AK-Präsidentin, „er war Hausbesorger in einem Gemeindebau in Wien-Favoriten.“ Wenn die Tochter heute, am letzten 1. Mai von Bürgermeister Michael Häupl, eine der Festreden hält, wird er stolzer Zuhörer sein.

„Krone“: Frau Präsidentin …,
Renate Anderl: Es wird noch dauern, bis ich mich an diese Anrede gewöhnt habe (lacht).

… als Ihnen die Nachfolge von AK-Chef Rudi Kaske angeboten wurde, war da der geringste Zweifel?
Man sagt Frauen ja nach, dass sie sich eher hinterfragen als Männer.
Die Diskussionen begannen im Dezember. Im Frauenbereich haben wir schon letzten Sommer einmal darüber gesprochen. Als die Frage „Wer kann es sich vorstellen?“ kam, habe ich gesagt: Ich kann es mir vorstellen. Natürlich kamen dann Überlegungen dazu, ob das noch in die Lebensplanung passt, aber Zweifel hinsichtlich meiner Kompetenz gab es nie. Deshalb war das eine Entscheidung, die relativ schnell gefallen ist.

Ihr Vorgänger hat Ihnen rote Boxhandschuhe geschenkt. War das ein Wink mit dem Zaunpfahl?
Absolut nicht. Denn diese Boxhandschuhe hat Rudi Kaske schon von Lore Hostasch bekommen, als er Präsident der Arbeiterkammer geworden ist. Ich ziehe den Hut vor ihm, dass er das Amt aus familiären Gründen niedergelegt hat.

Im „Kurier“ stand folgender Satz: „Anderl gilt, im Gegensatz zu ihrem Vorgänger, als eher konfliktscheu.“ Ärgert Sie so was?
Ja! Weil ich Konflikten nicht aus dem Weg gehe, sondern sie anspreche und dann versuche, gemeinsam Lösungen zu finden, indem ich das direkte Gespräch suche.

Das klingt nicht so, als wären Sie eine harte Kämpferin. Sind Sie eine?
Ja, weil ich schon mein ganzes Leben kämpfe. Gegen Ungerechtigkeiten, für Fairness. Ich kämpfe dafür, die Ärmeren in diesem Land zu unterstützen und auch jene auf den Weg mitzunehmen, die es - aus welchen Gründen auch immer -  nicht so gut erwischt haben. Geld haben wir nämlich mehr als genug, es ist nur eine Frage der Verteilung.

Erster Seitenhieb gegen die Regierung?
Ja. Denn was mich so aufregt: Diese Regierung lässt die Reichen mit Unsummen davongaloppieren und spart bei denen, die eh schon nix haben.

Sie haben gleich nach Ihrer Wahl ein Veto gegen den Zwölfstundentag eingelegt. Stattdessen fordern Sie sechs Wochen Urlaub. Argumentieren Sie da nicht an der Realität vorbei?
Ich wüsste nicht - Stichwort genereller Zwölfstundentag -, wieso wir uns hundert Jahre zurückkatapultieren sollten! Der Wirtschaft geht es nur um ihre Aufträge. Aber mir geht es um die Menschen. Das ist eine Arbeitszeit, die wir so nicht wollen, auch eine Unplanbarkeit, die schlecht ist für das Familienleben und für die Gesundheit.

Aber braucht es in gewissen Branchen, zum Beispiel in der Gastronomie, nicht einfach flexiblere Arbeitszeiten? 
Dass es vielleicht in der einen oder anderen Branche eine Erleichterung sein könnte, das müsste man sich ansehen. Was es nirgends geben kann, ist eine Einbahnstraße. Ich kann mir ehrlich gesagt keinen Koch vorstellen, der ständig zwölf Stunden in der Küche steht, oder vielleicht sogar noch länger. Weil dazwischen gibt es ja noch Pausen.

Sie vertreten 3,7 Millionen Arbeitnehmer, da gibt es sicher auch solche, die das wollen.
Wenn der Arbeitnehmer, die Arbeitnehmerin, das entscheiden kann, wann er oder sie die Freizeit konsumiert, dann ist das okay. Was in dem Konzept fehlt, sind Überstundenzuschläge. Wir müssen aufpassen, dass das Einkommen also nicht verringert wird. Wenn die Rahmenbedingungen passen, kann man zu einem Konsens kommen. Aber vor einem generellen Zwölfstundentag warne ich.

Das wird die Regierung nicht beeindrucken. Die will schon Ende Juni eine Gesetzesnovelle vorlegen.
Ja, die Regierung agiert sehr schnell und ohne vorher mit jenen zu sprechen, die einen Einblick haben, was die Sorgen der Beschäftigten sind. Also wir, und die Sozialpartner insgesamt.

Messen Sie Ihren Erfolg daran, ob der Zwölfstundentag noch verhindert werden kann?
Wenn ich meinen Erfolg nur daran aufhängen würde, wäre das schlecht. Es geht um viel mehr - nämlich generell um faire Arbeitsbedingungen.

Wird es Gespräche geben?
Es gibt bereits einen Schriftverkehr dazu, also hoffe ich auf ein baldiges Treffen.

Wie ist das Gefühl, wenn ein 24 Jahre jüngerer Kanzler die Richtung vorgibt?
Ich hänge das sicher nicht auf seinem Alter auf. Ich habe Sebastian Kurz nur einige Male im Parlament erlebt und kann daher nicht beurteilen, wie die Zusammenarbeit mit ihm sein wird.

Ihr Parteivorsitzender Christian Kern hat ihn und den Vizekanzler als „zwei Besoffene, die einander stützen“ bezeichnet. Ist so was hilfreich bei der Annäherung?
Ich würde so was nicht sagen … Ich weiß nicht, wie diese Aussage entstanden ist. Was mich an der Regierung massiv stört, ist ihr Angriff auf einen Staat, der Menschen in Not auffängt und hilft, der ein tolles und weltweit anerkanntes Gesundheits- und Sozialsystem hat. Ein System, auf das wir eigentlich stolz sein sollten.

Was ist so schlecht daran, wenn 21 Sozialversicherungsträger auf fünf reduziert werden?
Die Frage ist, wie man es reduziert. Das weiß ich noch immer nicht. Im Moment geht es nur darum, Türschilder auszutauschen. Uns geht es um gute Leistungen für die Versicherten.

Sind 21 Versicherungen nicht absurd?
Nein, absolut nicht, die haben alle ihre Berechtigungen. Ich habe wirklich nichts gegen Sparen, aber ich frage mich, warum wir immer dort sparen wollen, wo wir wirklich gute Systeme haben.

Die Gewerkschaften haben Streiks angedroht, wenn die Selbstverwaltung der Kassen nicht mehr gegeben sein sollte. Stehen Sie dahinter?
Wenn wir bei Gesprächen zu keiner vernünftigen Lösung kommen, dann selbstverständlich. Dann hole ich die Boxhandschuhe raus (lacht).

Auf wen gehen Sie dann los.
Auf jene, die das umsetzen möchten.

Ihre Idee von sechs Wochen Urlaub bei zunehmender Digitalisierung: Ist das nicht anachronistisch?
Die sechste Urlaubswoche gibt es schon seit den 1980er-Jahren, nur erreichen sie viele nicht. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns das leisten können. Gerade nachdem der Druck auf alle Beschäftigungsverhältnisse immer größer wird, die Digitalisierung immer rascher voranschreitet, wird eine Arbeitszeitverkürzung die Chance sein, den Erholungswert der Menschen zu erhöhen. Gleichzeitig werden wir dafür sorgen müssen, dass die Menschen gute Aus- und Weiterbildung konsumieren können. Heutzutage ist es nicht mehr so, dass man einen Beruf lernt und damit in Pension geht. Heute müssen sich Menschen umorientieren, und dafür brauchen wir die Rahmenbedingungen.

Die Regierung hat auch die Arbeiterkammer aufgefordert zu sparen. Sitzen Sie schon mit dem Rechenstift?
Sicher nicht. Ich kenne kein einziges Mitglied, das meint, wir sollten sparen. Im Gegenteil: Die Arbeiterkammer wird in Zukunft neue Leistungen anbieten, wie sie von den Mitgliedern gewünscht werden.

Aber eine Reduktion der Kammerbeitrage wird zweifellos kommen.
Ich sage nein. Es soll mir jemand erklären, was eine Reduzierung der Kammerbeiträge bringen würde. Nicht einmal ein Kaffee geht sich für das einzelne Mitglied dafür aus! Wir könnten aber ganz viele Leistungen nicht mehr anbieten. In unserem Haus arbeiten die besten Experten und Expertinnen im Bereich Konsumentenschutz, bei Wohnungsanliegen, im Arbeits- und Sozialrecht. Warum sich eine Bundesregierung gerade da einmischt, ist mir unbegreiflich.

Wenn die Arbeiterkammer so toll ist, warum dann die Zwangsmitgliedschaft?
Wenn ich ein Auto habe, bin ich auch verpflichtet, es zu versichern. Weil es ein Vorteil für mich ist. Die Arbeiterkammer ist die Versicherung ihrer Mitglieder, der Arbeitnehmer.

Wie haben Sie eigentlich in den 90er-Jahren die Diskussion um die „Bonzen“ erlebt?
Diese Zeit ist lange vorbei. Alles, was es damals gegeben hat, ist längst beseitigt worden. Mein Zugang ist: ein Job, ein Einkommen. Ich bin jetzt noch bis Juni ÖGB-Vizepräsidentin ohne Bezüge, werde diese Funktion aber aufgeben. Ich werde in den nächsten zwei, drei Wochen auch aus dem Bundesrat ausscheiden.

Was bedeutet Ihnen persönlich Arbeit?
Ich bin ein Arbeiterkind, das sag ich immer wieder, und ich bin stolz drauf. Arbeit ist die Grundlage, dass ich mein Leben bewältigen kann, daher etwas ganz Wesentliches. Jeder, der heute arbeitet - egal ob als Putzfrau, Bauarbeiter oder Diplomingenieur -, zählt zu den Leistungsträgern unserer Gesellschaft. Arbeit muss so gestaltet sein, dass die Menschen sich einen gewissen Wohlstand schaffen und gesund in Pension gehen können.

Mögen Sie das Wort „hackeln“?
Ich habe nichts gegen hackeln. Solange man nicht den ganzen Tag hackelt und ein Einkommen hat, mit dem es kein Auskommen gibt.

Sie haben einst als Sekretärin begonnen. Hatten Sie damals schon große Pläne?
Ich wusste immer, dass ich zur Gewerkschaft will.

Wann haben Sie das Dienerinnen-Gen, das jede gute Sekretärin braucht, abgelegt?
Ganz habe ich es nie abgelegt. Zum Teil, als ich ÖGB-Vizepräsidentin wurde. Als Katzenbesitzerin braucht man es. Sie kennen ja den Spruch: Hunde haben Herrchen, Katzen haben Diener (lacht).

Sie sind in einem Gemeindebau aufgewachsen, Ihr Vater war Hausbesorger. Gibt es eine prägende Kindheitserinnerung?
Dass ich mich gegen meinen Vater aufgelehnt habe, wenn er mit den Kindern geschimpft hat, weil sie zu laut waren. Im Hof war Ballspielen verboten. Ich habe nie verstanden, wieso. Und habe deshalb trotzdem immer Ball gespielt.

Sollte die SPÖ wieder an die Macht kommen, würde es Sie dann reizen, Ministerin zu werden?
Nein, gar nicht. Da brauche ich gar nicht überlegen. Ich wollte immer in erster Linie Gewerkschafterin sein und erst in zweiter Linie Politikerin. Also wenn Sie mich fragen, ob ich meine beste berufliche Position noch vor mir habe, würde ich antworten: Nein, ich habe sie gerade erreicht.

Werden Sie am 1. Mai, wenn Michael Häupl mit dem roten Tuch zum Abschied winkt, auch eine Träne verdrücken?
Ich habe in den letzten Tagen stets versucht, Tränen zu vermeiden. Ich sehe Michael Häupls Abschied aber mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wien kann stolz sein auf ihn und er hat viel erreicht. Aber jetzt ist auch die Zeit für einen Wechsel gekommen.

Gehören Sie der Ludwig-Fraktion an?
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich bis zum Schluss überlegt habe, wem ich meine Stimme gebe: Ludwig oder Schieder. Ich schätze beide, aber es hat dann ein Hearing gegeben, nach dem ich mich für Michael Ludwig entschieden habe.

Ein Sohn, ein Enkel und zwei Katzen
Geboren am 5. September 1962 in Wien-Favoriten. Schon mit 16 Jahren tritt Anderl der SPÖ bei. 1980 beginnt sie bei der Gewerkschaft Metall-Bergbau-Energie als Büroassistentin, wird Betriebsrätin und macht eine Gewerkschafts-Karriere. 2014 bis 2018 ist sie geschäftsführende Bundesfrauenvorsitzende des ÖGB und Vizepräsidentin. Am Freitag wurde sie mit 94,9 Prozent der Stimmen zur Nachfolgerin von Rudolf Kaske gewählt. Verheiratet, ein Sohn (Jürgen, 31), ein Enkelkind (Louis, 3), zwei Katzen („Blacky“ und „Robby“).

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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