So, 24. Juni 2018

„Hatte aufgegeben“

16.04.2018 14:47

17 Jahre Lehrer, konnte nicht lesen und schreiben

John Corcoran wuchs in den 1940er-Jahren im US-Bundesstaat New Mexico als eines von sechs Kindern auf. Nach der Highschool absolvierte er ein Uni-Studium und wurde anschließend Lehrer. 17 Jahre lang führte er diesen Beruf aus. Dabei hatte er ein unglaubliches Geheimnis: Er konnte weder lesen noch schreiben.

„Als ich ein Kind war, erzählten mir meine Eltern, ich sei ein Sieger, und für die ersten sechs Jahre meines Lebens glaubte ich, was meine Eltern mir sagten.“ So beginnt John Corcoran seine Geschichte. Die Geschichte eines Lehrers, der nicht lesen konnte. „Ich begann erst spät zu sprechen, aber ich ging mit großen Hoffnungen in die Schule“, erzählt er der BBC weiter.

„In der fünften Klasse habe ich mich aufgegeben“
Doch die Dinge liefen nicht so, wie es sich der kleine John vorgestellt hatte. „Ich habe nicht verstanden, was das für Linien waren.“ Doch die Lehrer ließen John trotzdem Jahr für Jahr aufsteigen. Seinen Eltern erzählten sie, dass er ein cleverer Bursche sei und das schon schaffen würde. Doch er schaffte es nicht. „Als ich in der fünften Klasse war, habe ich mich aufgegeben. Ich stand jeden Tag auf, zog mich an und ging in die Schule. Ich zog in den Krieg. Ich hasste den Klassenraum, das war feindliches Gebiet.“ Dennoch schloss er Jahr für Jahr positiv ab.

In der siebenten Klasse verbrachte John Corcoran die meiste Zeit im Büro des Direktors und wurde zwischenzeitlich auch der Schule verwiesen. „Ich wollte das nicht. Ich wollte jemand anderes sein. Ich wollte ein guter Schüler sein, aber ich konnte nicht.“ Er schwindelte sich dennoch durch und stieg abermals eine Klasse auf. „In der achten Klasse entschied ich mich, mich zu benehmen. Wenn du dich in der Highschool benimmst, findest du einen Weg durch das System.“

„Ich hatte Leute - meistens Mädchen -, die die Hausaufgaben für mich machten“
Corcoran war sehr sportlich und hatte soziale Kompetenzen. Dadurch hatte er bei den Mädchen großen Erfolg. „Ich datete die Schülerin mit den besten Noten, die bei der Abschlusszeremonie der Highschool eine Rede hält.“ Auch das nütze er, um die Schule zu bestehen. „Ich hatte Leute - meistens Mädchen -, die die Hausaufgaben für mich machten.“

Corcoran konnte seinen Namen und ein paar weitere Wörter schreiben. Er konnte jedoch keine ganzen Sätze bilden und auch nicht lesen. Er erzählte niemandem davon. Er schloss die Highschool ab und bekam wegen seiner sportlichen Fähigkeiten ein Universitätsstipendium.

„Oh mein Gott, wie soll ich das schaffen?“
In der Highschool war es für Corcoran ziemlich einfach, Möglichkeiten zu finden, wie er die Tests bestehen könnte, doch an der Universität sah das anders aus. „Ich dachte: Oh mein Gott, das ist viel zu hoch für mich. Wie soll ich da durchkommen?“

Er schloss sich einer Studentenverbindung an, die Kopien von alten Tests hatte. Etliche Professoren verwendeten Jahr für Jahr die gleichen Tests. So brauchte er nur die Lösungen abzuschreiben. Er verstand jedoch nie, was er da gerade geschrieben hatte, schließlich konnte er nicht lesen.

„Ich war verzweifelt“
Auch für die anderen Tests fand er mit Unterstützung von anderen Studenten immer wieder Wege zu schummeln. Das war aber nicht einfach für den jungen Mann. „Ich war verzweifelt. Ich musste die Kurse bestehen. Das war ein Risiko.“

Eines Nachts brach Corcoran in das Büro eines Professors ein, um die Lösungen einer anstehenden Prüfung zu stehlen. „Ich hatte eine Grenze überschritten. Jetzt war ich nicht mehr ein Student, der schummelt, sondern ein Krimineller.“ Er konnte die Lösungen aber nicht finden und brach in den darauffolgenden Nächten wieder in das Büro ein, um danach zu suchen.

Mehrere Einbrüche in Büro von Professor
Weil er wieder nichts fand, holte er ein paar Freunde zur Unterstützung, und sie stahlen einen Aktenschrank aus dem Büro. Anschließenden riefen sie einen Schlüsseldienst. „Ich zog Anzug und Krawatte an und gab mich als Geschäftsmann aus, der am nächsten Tag nach Los Angeles musste. Ich erzählte dem Mann vom Schlüsseldienst, dass er meinen Job retten würde, wenn er den Schrank öffnen könnte.“

Der Auftrag wurde ausgeführt und als Draufgabe gab es auch noch einen Schlüssel für den Schrank. Die jungen Männer fanden mehr als 40 Kopien des Tests und Corcoran nahm sich eine, bevor sie den Schrank wieder zurückbrachten.

Immer wieder fand der verzweifelte junge Mann Mittel und Wege, um Tests zu bestehen und Semester positiv abzuschließen, bis er schlussendlich sein Studium absolviert hatte. „Nachdem ich die Uni absolviert hatte, gab es einen Lehrermangel und mir wurde ein Job angeboten“, erklärt Corcoran, wie die verrückte Geschichte ihren weiteren Lauf nahm.

„Niemand erwartet, dass ein Lehrer nicht lesen kann“
Für ihn war das die perfekte Möglichkeit, sein Geheimnis zu bewahren. „Niemand erwartet, dass ein Lehrer nicht lesen und schreiben kann.“ Er unterrichtete unter anderem Sport, soziale Fächer und Maschinenschreiben. „Ich konnte 65 Wörter in der Minute schreiben aber ich wusste nicht, was ich geschrieben hatte.“ In der Klasse zeigte er viele Filme und ließ die Studenten über verschiedenste Themen diskutieren. So musste er nie etwas an die Tafel schreiben.

Auch seiner Frau konnte er lange Zeit nicht beichten. Eines Tages versuchte er es dennoch, doch sie verstand nicht recht, als er sagte: „Cathy, ich kann nicht lesen.“ „Sie dachte, ich meinte, dass ich nicht viel lese. Sie wissen ja, Liebe ist blind und taub.“ Erst als er ihrer gemeinsamen Tochter Märchen vorlesen sollte, realisierte seine Frau, dass John Corcoran wirklich nicht lesen konnte.

Eines Tages hörte er zufällig, wie eine Frau ihrer Freundin begeistert davon erzählte, dass ihr erwachsener Bruder in der Bibliothek lesen gelernt hatte. An diesem Punkt fasste der verzweifelte Mann all seinen Mut zusammen. Er erzählte der Bibliothekarin von seinem Problem und diese brachte auch ihm das Lesen und Schreiben bei, sodass er auf dem Level eines Sechstklässlers war. „Es dauerte sieben Jahre, bis ich mich wie eine intelligente Person gefühlt habe.“

Mit 48 Jahren verstand John Corcoran schließlich doch noch, was das für Linien sind. Seither setzt er sich mit seiner Stiftung für andere Menschen mit ähnlichen Problemen ein.

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