Der Ansturm auf schmelzende Gletscher wird zum Problem. Denn der Tourismus könnte die fragilen Eislandschaften bedrohen, die er den Menschen eigentlich näherbringen will.
Seit dem 18. Jahrhundert ziehen Gletscher Urlauber an. Doch die durch den Klimawandel beschleunigte Gletscherschmelze hat das touristische Interesse in den letzten Jahren stark ansteigen lassen. „Das Bewusstsein für den Klimawandel hat Gletscher als Touristenattraktion in einem Ausmaß befördert, wie es Jahrhunderte des Tourismus nie getan haben“, schreibt ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Lausanne (Unil) in einem am Montag veröffentlichten Kommentar in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“. Die Wissenschaftler warnen darin davor, dass die Gletscherlandschaften von Touristen „zu Tode geliebt“ werden könnten, die dann einfach zum nächsten angesagten Reiseziel weiterziehen, sobald die Gletscher verschwunden sind.
Mehr als 14 Millionen Menschen besuchen jährlich die zehn bekanntesten Gletscherstandorte. Der Begriff „Last-Chance-Tourism“ benennt dieses Verhalten, das laut den Forschenden von Alaska bis in die Alpen zu beobachten ist: Man will das Eis „noch einmal“ sehen, bevor es verschwindet. Touristische Anbieter reagieren laut den Forschenden darauf, indem sie das Narrativ erweitern: Wo früher vor allem die Schönheit der Gletscher im Zentrum stand, treten heute Information und Bildung stärker hinzu. So stehen vor vielen Gletschern etwa Tafeln, die ihren Rückzug quantifizieren.
hat das verheerende Folgen für die Natur.
Dazu zählen:
Technische Flickarbeit
Um diesen Tourismusbetrieb aufrechtzuerhalten, greift die Branche zu technischen Anpassungen. Dazu gehört einerseits die Infrastruktur, die es braucht, damit Touristen die Gletscher sehen können: Etwa Treppen und Stege, Seilbahnen oder Helikopterflüge. Parallel versucht die Tourismusbranche, ihre wirtschaftliche Basis mit technischen Maßnahmen zu sichern. So werden Gletscherzungen teils mit speziellen Geotextilien abgedeckt, um die Schmelze zu bremsen. Oder es wird „Snowfarming“ betrieben: Schnee wird über den Winter gelagert, um ihn im Sommer nutzen zu können.
Solche Maßnahmen sehen die Forschenden kritisch. Sie seien oft profitorientiert und würden die grundlegenden Ursachen des Klimawandels nicht angehen. So könnten sie laut den Wissenschaftern notwendige Veränderungen verzögern. Zudem bergen sie Risiken einer Fehlanpassung, also von Lösungen, die kurzfristig helfen, langfristig aber neue Probleme schaffen. Geotextilien könnten zu Mikroplastikverschmutzung führen, und Helikopterflüge erhöhen den CO2-Fußabdruck.
Außerdem stellt sich laut den Forschenden die Frage danach, wer von diesem „Gletscherboom“ profitiert. Es bestehe die Gefahr, dass lokale Gemeinschaften mit den negativen Folgen wie Wasserknappheit oder Naturgefahren alleingelassen werden, während die Gewinne an externe Akteure fließen.
Starke Symbole für den Klimaschutz
Neben den Risiken betont das Team aber auch: Gletscher entwickeln sich auf globaler Ebene zu starken politischen Symbolen für den Klimaschutz. Als Beispiele nennen die Forschenden die „Gletscher-Initiative“ in der Schweiz, oder eine Petition in Indien, die zum Schutz eines fragilen Ökosystems ein Kletterverbot an einem Berg durchsetzte.
Die Konfrontation mit den schwindenden Gletschern löse bei vielen Menschen emotionale Reaktionen aus. Die Forschenden sprechen von einer „ökologischen Trauer“. Dieses Gefühl des Verlusts vertrauter Landschaften führe auch zu neuen Ritualen. So fanden in den letzten Jahren in Island, der Schweiz und weiteren Ländern „Gletscher-Beerdigungen“ statt.
Diese Zeremonien verbinden Gedenken mit Protest und sollen das öffentliche Bewusstsein schärfen. Ob diese Erlebnisse aber zu einem dauerhaft umweltfreundlicheren Verhalten führen, ist laut den Forschenden noch unklar. Die Forschenden betonen, dass die Entwicklung des Gletschertourismus sorgfältig beobachtet werden müsse. Es brauche mehr Forschung, um gerechte und nachhaltige Lösungen für die betroffenen Regionen zu finden.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.