Di, 21. August 2018

Stark wie die Liebe

01.11.2008 18:53

"Er wird immer bei mir sein"

Sieben Kilo hat sie abgenommen in den letzten, schweren Tagen und Wochen. Sehr zerbrechlich wirkt sie - und doch strahlt sie Größe aus. Und viel Stärke. „Krone“-Reporterin Gabriela Gödel traf Dagmar Koller zu einem sehr persönlichen Gespräch.

Beim „Bauer Gustl“, dem Lieblingswirt Helmut Zilks, gibt sie der „Krone“ das „erste persönliche Interview. Nicht am Telefon, nicht zusammengeschnipselt aus irgendwelchen alten Zitaten, wie das andere gemacht haben“, betont sie. Wir haben Dagmar Koller den gläsernen Schutzengel mitgebracht, der über dem Schreibtisch Helmut Zilks in der „Krone“-Ombudsman-Redaktion schwebte. Jetzt soll er sie beschützen.

„Es ist der perfekte Platz für Helmut, so, wie er gelebt hat“
Es war ein schwerer Tag für Dagmar. Sie hat noch einmal Abschied nehmen können von ihrem Mann. Und ihm persönliche Gaben in den Sarg legen können: „Einen Rosenkranz hat er von mir bekommen. Und meinen allerletzten Liebesbrief. Helmut ist so schön. So friedlich“, weint sie leise. Seine letzte Ruhestätte wird er auf dem Wiener Zentralfriedhof finden. An einem Platz, den Dagmar Koller aussuchen durfte. „Ich möchte Bürgermeister Häupl und allen danken. Sie haben mir sofort diese Stelle gezeigt mit den zwei Birken. Birken waren Helmuts Lieblingsbäume. Neben ihm ist Bruno Kreisky bestattet.“ Ein schwaches Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus: „Da hat er die Reibung über den Schluss hinaus. Die beiden haben einander gemocht, verehrt und manchmal auch misstraut. Weil der Helmut halt nicht jedem nach dem Mund geredet hat. Gleich um die Ecke ruht Curd Jürgens und auch der Komponist Schönberg. Es ist der perfekte Platz für Helmut, so, wie er gelebt hat. Für die Politik, für die Kunst, für die Musik.“

Und noch etwas ist ihr aufgefallen: „Da donnern Flugzeuge drüber. Wie in New York, wo wir waren, als mein Bruder dort gelebt hat. Ich konnte den Lärm fast nicht aushalten, aber der Helmut hat gesagt: ‚Geh, das ist doch herrlich! Das hat was mit Fernweh, mit Reisen, zu tun.‘ Er hat es so geliebt, in die Ferne zu fliegen. Auf diesem Platz hier, da kann er wieder abfliegen, wohin auch immer seine Reise geht.“ Reisen, diese Pläne haben sie bis zuletzt geschmiedet, im Wilhelminenspital. „Wir wollten es doch noch einmal schaffen in die Ferne. Ich hab das alles schon ausgekundschaftet, weltweit. Da gibt es sogar Schiffe mit Dialysestationen. Am 1. Dezember wären wir nach Moskau geflogen, wo der Bürgermeister eine große Ehrung für Helmut Zilk vorbereitet hat. Auch in Japan wollte die Universität von Tokio noch eine Ehrung vornehmen.“

„Er wird immer bei mir sein“
Es sollte nicht mehr dazu kommen. Die Infektion, die er sich in Portugal „durch einen Kaktus oder eine Spinne geholt hat, die war stärker. Mein Gott, Portugal. Sein Garten. Ein richtiger Hundertwasser-Garten. Alles durfte dort wachsen, jedes Naturpflanzerl. Da war nix Show, jede Pflanze hat ihr Recht und ihren Platz gehabt“, erinnert sich Dagmar wehmütig. Erstmals wird sie Weihnachten nicht im schönen Haus an der Algarve sein. „Das geht jetzt noch nicht. Weihnachten waren wir immer besonders glücklich. Wir waren meist allein, haben eingeheizt, uns zusammengekuschelt, geredet, gelesen.“

Sie spielt mit seinem Ehering, den sie jetzt trägt. Genauso wie sein Armband. „Mit dir beginnt für mich der Tag“, lautet die Gravur - ein Zitat aus „My fair Lady“. „Er wird immer bei mir sein“, sagt Dagmar Koller leise. „In der Wohnung, egal, wo ich steh oder sitz, schaut er mich überall an. Es ist ja alles voller Zeichnungen und Karikaturen über ihn.“ Auf Hochglanz wurde alles gebracht vor der Rückkehr aus dem Spital, die Teppiche weggerollt, damit er nicht stolpert. „Nur sein Nachthemd, das haben wir vergessen zu waschen. Das nehm ich mir jetzt jeden Tag und lege es mir um. Da ist noch sein Geruch, und der ist wie eine tröstende Umarmung.“ Stark will sie sein, die Frau, die heuer auch die Mutter verloren hat.

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