Vorher hatten sich regelrechte Jagdszenen in Lavelanet abgespielt. Bergtrikot-Träger Ricco wollte am Startort im Wagen seines Teams flüchten, die Polizei verfolgte ihn und nahm ihn in Gewahrsam. Der 24-jährige Italiener, für große Sprüche und Provokationen bekannt, wurde die Verwendung des neuen EPO-Präparats CERA nach dem Zeitfahren am vergangenen Dienstag in Cholet, das der Deutsche Stefan Schumacher gewonnen hatte, nachgewiesen.
"Wir werden noch keine drakonischen Maßnahmen gegen die Teams einleiten, solange wir nicht mehr wissen", hatte vor dem selbst gewählten Tour-Aus der spanischen Mannschaft ASO-Direktor Patrice Clerc erklärt. "Für uns ist das ein weiterer von isolierten Fällen."
Ricco von Anfang an unter Verdacht
Ricco war bereits zu Tour-Beginn in Verdacht geraten, nachdem sein Name auf einer Liste von fünf Fahrern erschienen sein soll, die nach Kontrollen der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD "Auffälligkeiten" aufgewiesen hätten, wie die "L'Équipe" berichtete. Der diesjährige Zweite des Giro d'Italia hatte seinen Hämatokritwert außerhalb der Norm mit natürlichen Ursachen erklärt. Danach gewann Ricco zwei Bergetappen, das sechste Teilstück mit einem Schlussanstieg nach Super Besse und nach einem Solo-Ritt die erste Pyrenäen-Etappe (9. Teilstück) nach Bagneres de Bigorre.
Trotz der neuesten dramatischen Ereignisse sah Hans-Michael Holczer, der Manager des Teams Gerolsteiner, am Donnerstag keine Gefahr für die Fortsetzung der Tour de France, die 2006 und 2007 ähnliche Doping-Erdbeben erlebt hatte. "Die Tour geht weiter, sie steht hinter den Kontrollen und hat sie initiiert. Uns stehen wahrscheinlich noch weitere Unbelehrbare ins Haus. Interessant wird, aus welchen Teams sie kommen könnten", sagte der Mathematiklehrer und Teamchef des auf Platz vier liegenden Österreichers Bernhard Kohl.
Kritik an Doping-Stichproben
Der Doping-Experte Rasmus Damsgaard hatte vor Bekanntwerden des neuesten Falles ein düsteres Bild von der Tour gemalt. Der Däne, der die internen Anti-Doping-Programme im CSC-Saxo-Team und bei der US-Equipe Garmin leitet, kritisierte den Tour-Veranstalter ASO und die AFLD, die die Tests beim Juli-Spektakel vornimmt. "Ich befürchte, sie würden 10, 20 oder 30 Prozent der Fahrer mit EPO überführen, wenn sie jetzt das komplette Feld testen würden. Die zwei Fälle Beltran und Duenas zeigen, dass ihre Dopingkontrollen nicht funktionieren, solange sie sich mit Stichproben begnügen", hatte Damsgaard einem dänischen Internetportal erklärt.
Über die Art der in Duenas Gepäck sichergestellten Präparate wollte dessen Teamleitung von Barloworld weiter nichts mitteilen. Team-Chef Claudio Corti beteuerte noch einmal, dass es sich um einen "Einzelfall" handelte und das auch Duenas' Zimmer-Kollegen Felix Cardenas und Paolo Longo Borghini, inzwischen nach Stürzen ausgestiegen, auf Befragen nichts Verdächtiges mitgeteilt hätten.
AFLD-Chef Pierre Bordry wies den Vorwurf zurück, dass man Riccos Testergebnisse - wie die von Duenas - bereits am Mittwoch hätte bekannt geben müssen: "Das ist eine Frage der Kapazitäten. Die Laboratorien haben sehr viel zu tun."
Italiener bestritt Fehlverhalten
Ricco war sich am Donnerstag nach Angaben des französischen Staatsanwalts Antoine Leroy keiner Schuld bewusst: "In seinen ersten Stellungnahmen hat er jegliches Fehlverhalten abgestritten", sagte Leroy.
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