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10.12.2016 - 09:13
Foto: Reinhard Holl

Haben Sie mit dem Leben gespielt, Herr Pröll?

28.12.2013, 16:00
Nur ein enger Kreis wusste es: Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (67) zog mit einer verengten Halsschlagader in den Wahlkampf. Mit Conny Bischofberger sprach er über die Operation im Mai und sein Gelübde.

Die Story klingt abenteuerlich: Politiker gibt alles im Wahlkampf, obwohl er sich eigentlich schonen sollte. Sieben Monate später kann er darüber lachen, denn beides ist gut ausgegangen - die Wahl und seine Krankheit...

Der Politiker ist Erwin Pröll, der natürlich auch zwischen den Feiertagen im Landhaus ist. "Ich versteh' die ganze Aufregung überhaupt nicht", meint er, "vor einer derartigen körperlichen Herausforderung stehen Tausende..." Verengte Halsschlagader, Basis für einen Schlaganfall. Pröll nimmt das Risiko in Kauf und wartet ab bis Mai. Er ist ein harter Knochen, auch zu sich.

Hier gibt's vier O- Töne aus dem Interview: Erwin Pröll über die verengte Halsschlagader , seine Wallfahrt nach Sonntagberg , den Tod von Liese Prokop  und seine Nahtoderfahrung .

Den Kaffee im sieben Meter hohen Büro des Landeshauptmanns serviert übrigens Ange von der Elfenbeinküste - er hat bei Starkoch Toni Mörwald gelernt und trägt jetzt Trachtenanzug. Zwei "Schwarze" führen Smalltalk über Niederösterreich. Das Gespräch über die medizinische Entscheidung geht tiefer - bis zurück in seine Kindheit, als er mit fünf vom Pferdefuhrwerk seines Vaters überfahren und lebensgefährlich verletzt wurde...

"Krone": Herr Landeshauptmann, warum haben Sie mit dieser Nachricht bis zum Jahresausklang gewartet?
Erwin Pröll: Ich habe nicht gewartet... Es war auch schon im Mai ein Thema, aber sehr verhalten. Das ist ja auch keine Sensation, ich hatte weder vor- noch nachher irgendwelche Probleme, das ist alles sehr, sehr schnell über die Bühne gegangen.

"Krone": Sie sind mit einer verengten Halsschlagader in den Wahlkampf gegangen...
Pröll: Ja, das stimmt. Das ist eine Tatsache.

"Krone": Warum?
Pröll: Dass ich mit der Carotis linksseitig ein Problem habe, weiß ich bereits seit vier Jahren. Ich gehe ja jedes Jahr einmal zur Vorsorgeuntersuchung, und wenn das Ganze hier einen Sinn haben soll, dann diesen: Ich kann nur jedem raten, diese Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen. Es ist dann stabil geblieben bis September 2012. Zu meiner Überraschung hat sich die Halsschlagader weiter verengt. Die Mediziner haben es mit einer Sandbank verglichen. Wenn sich in einem Fluss eine Sandbank anhäuft, dann wird diese auch immer größer. Es hat sich herausgestellt: Meine Halsschlagader ist zu 74 Prozent verengt.

"Krone": Aber die Wahlen standen praktisch schon vor der Tür, und Sie hatten keine Zeit, sich operieren zu lassen?
Pröll: Wir haben das gemeinsam beraten. Die Ärzte meinten: Man muss hier schon sehr wachsam sein. Und in absehbarer Zeit würde eine OP notwendig werden. Ihr Fazit war: Es ist ein kalkulierbares Risiko, den Eingriff nicht gleich durchzuführen. Eine OP mitten im Wahlkampf hätte natürlich eine Irritation für meine Umgebung und auch für die Bevölkerung bedeutet.

"Krone": Eine Verengung der Halsschlagader ist die Basis für einen Schlaganfall. Haben Sie da mit Ihrem Leben gespielt?
Pröll: Ich würde so sagen: Jemand, der für ein größeres Ganzes Verantwortung trägt, muss sich selber das eine oder andere Mal auch hintanstellen und ein persönliches Risiko eingehen. Das ist einmal so.

"Krone": Ist es nicht eher umgekehrt, dass der, der für ein größeres Ganzes Verantwortung trägt, besonders gut auf sich schauen sollte?
Pröll: Ja, aber in erster Linie durch seinen Lebensstil. Da bin ich sehr, sehr diszipliniert. Denn ich muss wissen, dass ich in der Politik einer besonderen Belastung ausgesetzt bin, physisch wie psychisch. Das Land Niederösterreich ist doch relativ groß, von Gmünd bis Bruck an der Leitha sind es schon einige Kilometer, und auch mehr als 50 Gemeinden, wie der Herr Stronach gemeint hat. (lacht laut und lange) Also habe ich diszipliniert zu leben, beim Essen, beim Trinken, und natürlich rauche ich nicht.

"Krone": Wie schaut diese Disziplin genau aus?
Pröll: Ich habe da meine Methoden, wo ich nicht unbedingt alles trinken muss... Wenn in einer Gemeinde die Marketenderinnen mit einer Musikkapelle und einem Stamperl Schnaps auf mich warten, dann versteht es mittlerweile jeder, wenn ich nur an diesem Stamperl nippe und es dann meiner Begleitung weiterreiche. Und in meinem Job ist es auch wichtig, Sport zu betreiben. Ich habe heuer nach der Operation bereits wieder 2.000 Kilometer am Rad zurückgelegt.

"Krone": Was wäre denn so schlimm gewesen, wenn Sie sich für eine OP entschieden hätten? Zeigt ein Politiker, der krank ist, in Ihren Augen Schwäche?
Pröll: Nein, aber wer lässt sich schon gern operieren, wenn es nicht unbedingt sein muss? Das ist in Wahrheit der Punkt.

"Krone": Hat Ihre Frau versucht, Sie zur Vernunft zu bringen?
Pröll: Meine Frau ist diplomierte Kinderkrankenschwester, auch ihr war klar, dass eine Operation unausweichlich ist. Wir sind den Weg gegangen, den wir mit den Ärzten beschlossen haben.

"Krone": Gab es Momente in diesem Wahlkampf, wo Sie dachten: Jetzt wird's kritisch?
Pröll: Überhaupt nicht, ich hab' keinerlei Reaktion des Körpers verspürt, auch keine Müdigkeit. Einmal hat mich Professor Brainin im Büro besucht, hat ein paar Übungen mit mir gemacht und hat gesagt: Alles okay, kein Problem. Und ich wusste, wenn meine Backen taub werden oder mein rechtes Bein, dann muss ich handeln.

"Krone": Wann und wo fand dann die Operation statt?
Pröll: Ich wurde im Landesklinikum Tulln betreut, die OP fand am 14. Mai im Rudolfinerhaus in Wien statt, weil Dr. Ammerer und sein Team mich gebeten haben, es dort zu machen. Da habe ich mich als Niederösterreicher erweichen lassen. (lacht)

"Krone": Warum erst sechs Wochen nach der Wahl?
Pröll: Weil ich erst eine Regierung bilden musste, dann ist leider der Tod von Siegfried Ludwig dazwischengekommen und dann ist es Mai geworden.

"Krone": Zu Pfingsten sind Sie dann wallfahren gegangen - was bespricht man nach so einer Geschichte mit dem Herrgott?
Pröll: Meine Frau und ich haben uns ein Gelübde gegeben: Wenn das gut ausgeht, dann machen wir am Pfingstsonntag eine Wallfahrt nach Sonntagberg. Das eine war der sehr herausfordernde Wahlkampf, das andere natürlich die erfolgreiche Operation. Für mich war das eine sehr bewegende Wallfahrt, auch weil ich einen guten Teil des Weges bereits wieder zu Fuß zurücklegen konnte. Nur der letzte Abschnitt war zu steil, da stand die Gefahr im Raum, dass die Operationsnaht sich wieder öffnen könnte. In der Basilika hatte ich dann ordentlich feuchte Augen.

"Krone": War es nicht eine Sünde, die Politik an die erste und die Gesundheit an die zweite Stelle zu setzen?
Pröll: Ich habe bei meiner Entscheidung ehrlich gesagt keine Rangordnung gespürt...

"Krone": Was hat sich seit dieser Operation in Ihrem Leben geändert?
Pröll: Ich denke nicht mehr und nicht weniger an das Lebensende wie jeder andere, wenn Sie das meinen. Ich bin im Glauben verhaftet und setze mich mit zunehmendem Alter intensiver mit dieser Frage auseinander. Aber ich denke nicht tagtäglich an den Tod.

"Krone": Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Pröll: Ja, das glaube ich.

"Krone": Wo und wie stellen Sie es sich vor?
Pröll: So wie ich es schon als Fünfjähriger erlebt habe, als mich mein Vater mit einem voll beladenen Pferdefuhrwerk überfahren hat. Ich war nach einer Lungenquetschung drei Tage bewusstlos. Offenbar eine Situation zwischen Leben und Tod. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern. Ich war in einer schönen Welt mit unglaublich viel Licht, farbenprächtig, rundum freudig... Und ich habe vom Pferd geträumt, das mir wahrscheinlich das Leben gerettet hat.

"Krone": Herr Landeshauptmann, in drei Tagen ist Silvester. An diesem Tag ist die ehemalige Innenministerin Liese Prokop an einem Aorta- Riss gestorben. Denken Sie an diesem Tag an sie?
Pröll: Ja, ich kann heute noch jenen Teil der Mauer der Wiener Staatsoper markieren, an den ich mit meiner Frau gelehnt war, nachdem wir die Todesnachricht bekommen hatten - wir waren in der "Fledermaus". Liese und ich waren wirkliche Freunde, keine politischen Freunde, und Silvester ist seither vom Gedanken an sie geprägt.

"Krone": Was wünschen Sie sich persönlich für 2014?
Pröll: Angesichts dessen, was ich da hinter mich gebracht habe: Vor allem Gesundheit für meine Familie und für mich. Abgesehen davon würde ich mir wünschen, dass die Vertrauensbasis zwischen der Bevölkerung und den Politikern breiter wird und wenn ich einen Beitrag dazu leisten kann, dann möchte ich das gerne tun.

"Krone": Stimmt es, dass sich ÖVP und SPÖ angeblich schon auf einen gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten namens Erwin Pröll geeinigt haben sollen?
Pröll: Erstens einmal: Soweit ich es kann, schließe ich das aus. Zweitens wissen Sie ganz genau, dass ich bis 2018 als Landeshauptmann von Niederösterreich gewählt bin. Diese Frage ist also überhaupt nicht aktuell. Und drittens: Es hat mich weder der Bundeskanzler noch der Vizekanzler mit einer derartigen Überlegung konfrontiert.

Zur Person

Geboren als "Christkind" am 24. Dezember 1946 als Sohn einer Weinbauerfamilie in Radlbrunn, Niederösterreich. Pröll studiert Agrarökonomie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Seine politische Karriere startet er 1972 beim Bauernbund. Mit nur 33 Jahren wird er Mitglied der NÖ- Landesregierung, im Jahr 1981 Landeshauptmann- Stellvertreter, 1992 Landeshauptmann und ÖVP- Landesparteiobmann. Bei den Wahlen im März erreicht die ÖVP mit 50,8 Prozent erneut die absolute Mehrheit. Erwin Pröll ist seit 9. Jänner 1972 mit Sissi, einer Kinderkrankenschwester, verheiratet. Das Paar hat vier Kinder (Bernhard, Astrid, Stephan, Andreas) und sechs Enkelkinder.

28.12.2013, 16:00
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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