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08.12.2016 - 12:21
Foto: APA/EPA/MARISCAL

Getretener Flüchtling: "Sind euch ewig dankbar"

04.10.2015, 07:44
Er stolperte buchstäblich in sein neues Leben: Osama Abdul Mohsen, dem eine TV-Reporterin an der ungarischen Grenze vor laufenden Kameras ein Bein gestellt hatte, unterschrieb am Donnerstag seinen Vertrag als Fußballtrainer in Spanien. Conny Bischofberger hat mit dem Syrer, der über Österreich geflüchtet war, gesprochen.
Sein Spanisch klingt schon ganz passabel. "Ich und mein Sohn nehmen dreimal pro Woche zwei Stunden Unterricht bei einer Lehrerin. Momentan machen wir gerade Grammatik", erzählt Osama Abdul Mohsen, als wir ihn am Handy erreichen (Rami Ali hat aus dem Arabischen gedolmetscht). Dabei wollte Mohsen, der Mitte August von der Türkei Richtung Europa aufgebrochen war, wie die meisten Syrer nach Deutschland. Aus Ungarn gingen dann am 8. September die Bilder um die Welt, auf denen eine Kamerafrau den Flüchtling mit Füßen tritt, als er mit seinem kleinen Sohn vor der Polizei in Röszke davonläuft.  In Spanien las Miguel Angel Galán die Geschichte und stellte Mohsen, der in Syrien den Erstligaclub Al- Futowa SC aus Deir ez- Zor im Osten des Landes betreut hatte, einen Job als Trainer in Aussicht. "Ich habe gerade einen Einjahresvertrag unterschrieben", freut sich Mohsen, "es geht mir gut, aber ich vermisse meine Familie." Seine Frau und die zwei anderen Kinder sind noch in der Türkei, sollen aber bald nachkommen.

"Krone": Herr Mohsen, Hunderttausende Ihrer Landsleute hatten nicht so viel Glück wie Sie. Was ist das für ein Gefühl?
Osama Abdul Mohsen: Dass ich die Chance bekommen habe, hier zu arbeiten, ist ein Segen von Gott. Ich bin unheimlich glücklich. Ich telefoniere oft mit Freunden in Syrien. Vielen geht es sehr schlecht, aber sie danken stets Allah für alles, was sie haben.

"Krone": Die Kamerafrau, die Sie getreten hat, wurde mittlerweile gefeuert. Spüren Sie Genugtuung?
Mohsen: Es ist mir egal, ob sie ihren Job verloren hat oder nicht. Mir geht es nur darum, dass sie ihre gerechte Strafe bekommt für das, was sie getan hat.

"Krone": Warum, glauben Sie, hat die Frau Ihnen und Ihrem Sohn ein Bein gestellt?
Mohsen: Ich glaube nicht, dass sie eine schlechte Person ist. Ich habe gehört, dass die Zeitung, für die sie arbeitet, sehr rassistisch ist. Mein Eindruck war auch, dass die ungarische Regierung und das Volk überwiegend rassistisch eingestellt sind. Bestimmt ist es schwierig, sich dagegen aufzulehnen...

"Krone": Wie ging es Ihrem Sohn nach dem Vorfall?
Mohsen: Zayd hat nach dem Unfall zwei Stunden lang geweint, er konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen. In seinem Gesicht war Panik und Furcht, auch noch lange danach. In Ungarn war er depressiv, sein Wesen hat sich richtig verändert. Erst als wir nach Österreich kamen, wurde er gesund. Jetzt geht es ihm besser, er erholt sich gut von den ganzen Strapazen.

"Krone": Wie haben Sie die Flucht durch Ungarn erlebt?
Mohsen: Wir wurden dort sehr schlecht behandelt. In einem Camp haben sie uns wie Sklaven gehalten, es war grauenhaft. Wir haben sehr gelitten. In einem anderen militärischen Lager wurde ich dann vor die Wahl gestellt: Fingerabdruck, oder sie stecken mich mit meinem Sohn neun Tage lang ins Gefängnis und schieben mich dann ab. Das haben sie auch den Frauen mit kleinen Kindern gesagt. Kurz habe ich sogar daran gedacht, in die Türkei zurückzufahren, oder sogar nach Syrien. Wir haben dort den Gipfel der Ablehnung erlebt. In Österreich aber eine 180- Grad- Wende: Hier haben wir den Gipfel der Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft erlebt. Ich bin dem österreichischen Volk und der Regierung so dankbar, auch der Polizei. Alle waren hilfsbereit. Wir werden diese Hilfsbereitschaft niemals vergessen. Wir sind euch auf ewig dankbar.

"Krone": Wie lange hat Ihre Flucht insgesamt gedauert?
Mohsen: Insgesamt zwei Jahre. Sechs Monate lang war ich an der türkischen Grenze. Dann, etwas mehr als eineinhalb Jahre, an verschiedenen Orten in der Türkei. Ich entschloss mich dann, Richtung Europa zu fahren. Ein zwei Meter langes Boot brachte uns nach Griechenland.

"Krone": Wieviel haben Sie dafür bezahlt?
Mohsen: Das kostete mich 1000 Dollar. Dann ging es über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland, wo wir aber nur drei Tage lang waren. In diesen Ländern mussten wir weitere 700 Dollar bezahlen. Nur in Deutschland und Österreich haben sie alle Kosten für uns übernommen.

"Krone": Wollen Sie zurück nach Syrien?
Mohsen: Keiner kann jetzt zurück, es ist zu gefährlich. Das Regime führt Krieg gegen die Zivilisten. Irgendwann vielleicht, wer weiß.

"Krone": Im Internet kursieren böse Gerüchte über Sie. Sie sollen islamischen Extremisten nahestehen, für den Tod von Kurden verantwortlich sein...
Mohsen: Das sind typische Verleumdungsstrategien des Regimes. Es geht mit eiserner Faust gegen alle vor, die gegen Assad sind. Ich habe mir all das erwartet, ich wusste, dass man diese Dinge über mich sagen wird. Ich hätte mir sogar gedacht, dass es Schlimmeres wäre. Was die Kurden betrifft, sie sind meine Freunde! In Syrien hat meine Fußballmannschaft zu einem kurdischen Verein eine sehr enge Beziehung gepflegt. Wir hatten diese Konflikte zwischen den Völkern nicht. Erst als ich nach Europa kam, bekam ich diesen vermeintlichen Konflikt mit. Kurden und Syrer haben dieses Problem nicht, sie sind friedliche Menschen.

"Krone": Was vermissen Sie an Syrien?
Mohsen: Alles! In Gedanken bin ich bei all jenen die noch immer dort sind. Vor allem jenen, die in Bashars Gefängnissen sind. Er ist kein Mensch. Möge Allah ihnen allen beistehen und ihnen Geduld verleihen. Danke für das Telefonat! Ich schicke die besten und wärmsten Grüße an des österreichische Volk und an die österreichische Regierung.

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04.10.2015, 07:44
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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