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25.09.2016 - 12:39
Ilona Lesjak (60) mit ihrem "Mobbing-Tagebuch" an ihrem Lieblingsplatz
Foto: Sepp Pail

Mobbingopfer: "Mein Chef wollte mich zerstören"

17.08.2016, 16:50

Wenn man einen Frosch in einen Topf mit kaltem Wasser setzt und diesen langsam erhitzt, bleibt er sitzen und harrt aus - so lange, bis er verbrüht. Warum ich dieses Gleichnis erzähle? Weil ich mich, sinnbildlich gesehen, zwei Jahre lang genauso verhalten habe. Ich habe weitergemacht, obwohl ich jeden Tag Panik hatte, in meine Arbeit ins Gartencenter zu gehen. Die permanente Angst verfolgte mich jede Minute. Mein Chef hat mich gequält und wollte mich psychisch zerstören.

So durfte ich mein Auto nicht wie meine Kollegen auf den Firmenparkplatz stellen. Seine Begründung: "Die alte Blechschüssel will ich nicht sehen." Also musste ich entweder 13 Kilometer mit dem Rad fahren oder weit abseits parken. Im Laufe des Tages folgte eine Beleidigung der anderen.

Ilona mit Brigitte Quint
Foto: Sepp Pail

Viele Stammkunden wussten, dass ich gelernte Landschaftsgärtnerin bin, und wollten meinen Rat, welche Pflanzen sie wo in ihrem Garten platzieren sollen. Oder sie interessierten sich für ökologische Zusammenhänge. Meine Beratung hat der Firma viel Umsatz beschert. Lob vom Chef? Im Gegenteil! Dauerte ein Kundengespräch zu lang, wurde ich zum Gießdienst strafversetzt.

"Sie Schnecke! Seien Sie schneller"

Damit nicht genug. Er hat gedroht, mich zu entlassen, wenn ich es wagte, während der Gießzeit zu sprechen. Er selbst war leider nicht stumm geblieben und sagte Sätze wie: "Sie sind zu dumm, um die Pflanzen zu wässern." Oder: "Sie Schnecke! Seien Sie schneller." Oder: "Sie nutzlose Person." Gerne schickte er mich auch bei strömendem Regen zum Umtopfen ins Freie. Auch im Urlaub hatte ich keine Ruhe und musste die Sträucher im Gartencenter betreuen.

Tochter Saskia (34) hatte Ilona während der Krise beigestanden
Foto: Sepp Pail

Warum ich mir das alles habe gefallen lassen? Ich fürchte, ich hatte am Ende dieselbe Meinung von mir wie mein Chef. Er hat mich unterdrückt, gedemütigt, und ich habe mich klein und wertlos gefühlt. Meine Kollegen bekamen das alles natürlich mit. Aber einmischen wollte sich keiner von ihnen.

Schicksalstag brachte Veränderung

Es war ein Schicksalsschlag, der mich letztlich aus meiner Passivität gerissen hat. Mein Neffe kam 2015 mit nur 24 Jahren durch einen Unfall ums Leben. Es war ein Schock. Während ich um ihn trauerte, dachte ich auch über mein Dasein nach. Ich fragte mich: Willst du wirklich weiter deine Zeit in einem Job verschwenden, der dich kaputtmacht? Die Antwort lag auf der Hand.

Nach ihrer Kündigung stellte Ilona diese Sonne in ihren Garten: "Sie steht für den Neustart."
Foto: Sepp Pail

Ich musste kündigen - obwohl ich wusste, dass ich mit meinen 60 Jahren wohl keine neue Stelle mehr finden werde und mir nur die Mindestpension bleibt. So ist es auch gekommen. Heute pflege ich meinen eigenen Garten und bin glücklicher denn je. Lange habe ich überlegt, ob ich meinen Ex- Chef verklagen soll. Ich habe mich dagegen entschieden. Ich habe meinen Frieden gefunden und ihm verziehen. Einen Unterschied zum Frosch im Kochtopf gibt es also doch: Mir ist der Absprung gelungen!

Tipps und Infos

  • In Österreich wird "Mobbing am Arbeitsplatz" als ein Verhalten definiert, das darauf abzielt, eine Person einzuschüchtern, zu entmutigen, auszugrenzen oder aus dem Job zu drängen
  • Rund 93.000 Personen (2,4 Prozent der Erwerbstätigen) fühlen sich selbst von Mobbing betroffen
  • Das erste Mobbingverbot trat 2010 in Kraft
  • Mobbing- Folgen sind mitunter schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen
  • Betroffene finden Hilfe auf www.mobbingberatung.at 
  • Mobbing- Opfer Ilona hat mit www.sich- selbst- finden.at  eine eigene Webseite gestartet

Haben Sie auch ein Schicksal gemeistert und können damit anderen Mut machen? Bitte schreiben Sie mir: brigitte.quint@kronenzeitung.at 

17.08.2016, 16:50
Brigitte Quint, Kronen Zeitung/red
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