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23.04.2017 - 19:58
Foto: udr, afp/georges gobet

Unvergessen: Motörhead- Legende Lemmy Kilmister

28.12.2016, 08:00

Er war der personifizierte Rock 'n' Roll, scherte sich zeit seines Lebens nicht um gängige Regeln oder dogmatisierte Konventionen und wurde nicht nur, aber vor allem deshalb zur größten Ikone des Stromgitarrenmusik. Vor genau einem Jahr starb Motörhead- Frontmann Lemmy Kilmister und mit ihm der ausgestreckte Mittelfinger eines ganzen Genres. Wir erinnern uns an unsere letzte Begegnung mit "The Lem" und haben seinen einstigen Gitarristen Phil Campbell zum Gespräch gebeten.

Er war integer, einzigartig und meinungsbildend. Wenn Lemmy Kilmister sich in Interviews zu Wort meldete, dann hatte das stets inhaltliche Substanz und wurde von seinem typisch dreckigen Lachen begleitet. Vor exakt einem Jahr, am 28. Dezember, geschah das Undenkbare. Lemmy verstarb im Alter von 70 Jahren. Nur vier Tage nach seinem Geburtstag und nicht, wie von so vielen Fans, Kritikern und Experten vermutet an einem irreparablen Leberschaden, sondern an Prostatakrebs. Den körperlichen Verfall sah man Lemmy schon in den letzten Konzertjahren an. Der bullige, mit einer markanten Gesichtswarze ausgestattete Hutträger rutschte immer lockerer in seine Lederhose, den geplanten Stadthallen- Auftritt in Wien erlebten die Fans leider nicht mehr.

Tough and loud

Seine unerwartete Abschieds- Matinee feierte Lemmy auf den staubigen Feldern des Nova Rock im Juni 2015. Zittrigen Schrittes schleppte er sich zum Mikro, begrüßte die frenetisch jubelnden Fans gewohnt trocken und lieferte genau das, was ihn zeit seines Lebens auszeichnete: Play it tough and loud. Gitarrist und Freund Phil Campbell forderte ihn in der Gluthitze immer wieder zum Wassertrinken auf, alle paar Songs stapfte die Rock- 'n'- Roll- Ikone, die sich stets vehement gegen das Etikett Heavy Metal verwehrte, hinter die Bühne, um zu pausieren und zu Kräften zu kommen.

Vor dem Auftritt empfing er die "Krone" als einziges Medium zum Interview. Mit seinem berühmten Spielautomaten, einem Wodka- Orange statt dem obligaten Cola- Whisky ("Die Ärzte meinten, der Zucker im Cola würde mir schaden") und seinen geliebten Zigaretten, deren Konsum er drastisch herunterschraubte, aber nicht völlig darauf verzichten konnte. "Mit zunehmendem Alter ist das Rocken nicht mehr so einfach", gab Lemmy schon damals unverständlich nuschelnd zu, "aber wie bei allen Sachen im Leben musst du verdammt noch mal dein Bestes geben, ansonsten kannst du gleich sterben."

Foto: APA/EPA/PETER KLAUNZER

Würdiger Live- Abschied

Damals ahnte man noch nichts von dem bitteren Beigeschmack dieses Zitats, schließlich galt der einstige Hüne als unsterblich. Mehr als vier Dekaden Drogenkonsum konnten ihm nichts anhaben - in punkto Immortalität setzten Kritiker höchstens Keith Richards auf eine Stufe mit "The Lem". Am 11. Dezember spielten Motörhead schließlich ihre letzte Show in der Berliner Max- Schmeling- Halle, gut zwei Wochen vor seinem Tod. In der Nachbetrachtung ein würdiger Abschied für den geradlinigsten Typen des Musikgeschäfts, denn wenn ihm schon nicht der ewige Traum vom Tod auf der Bühne zuteilwurde, so fand das Abschlusskonzert zumindest in seinem Lieblingsland statt. Dort, wo die Motörhead- Manie noch ein bisschen größer war als in allen anderen Ecken des Erdballs.

Sprung in die Gegenwart. Simm City, Wien. Phil Campbell ist das erste Mal seit Lemmys Tod wieder live in Österreich und empfängt uns zum Interview. Der oft als grantelnd- einsilbig verschriene Waliser ist bester Laune, was möglicherweise an seinem Projekt liegt. Phil Campbell & The Bastard Sons rekrutieren sich aus Campbell, Sänger Neil Starr und seinen drei Söhnen Tyla, Dane und Todd. "Ich kenne niemanden, der derzeit mit seinen drei Söhnen in einer Band die Welt betourt. Prinzipiell müssen sie auf mich hören, aber wenn es um die Musik geht, sind wir ein demokratischer Haufen. Aber auch wenn sie bereits ausgezogen sind - manchmal sind sie immer noch kleine Arschlöcher."

Tiefe Freundschaft

Der trockene, zutiefst britische Humor entwickelt einen unfassbaren Charme, wenn man sich darauf einlässt. Wie Lemmy schafft es auch Campbell mühelos, seinen Gesprächspartner auszutricksen oder auf die Schaufel zu nehmen, ohne mit der Wimper zu zucken. Die beiden gingen bei Motörhead 32 Jahre durch dick und dünn - aufgrund Lemmys schlechten Gesundheitszustands sorgte in den letzten Jahren hauptsächlich Campbell für die Songs. "Ich habe ungefähr 70 Prozent aller Riffs beigesteuert und Lemmy hat dann seinen Senf dazu abgegeben. Richtig prickelnd wurde es immer dann, wenn ich eine Idee für gut hielt und die anderen sie für scheiße. Man muss das aber sportlich nehmen, denn am Ende zählt nur die Musik."

Foto: Andreas Graf

Campbell und Lemmy fand neben der Tätigkeit in einer der größten Rock- 'n'- Roll- Bands der Welt aber auch eine langjährige, ehrliche Freundschaft. Wenn Campbell über seinen Kumpel redet, geht ihm der Sarkasmus verloren und eine gewisse Traurigkeit schleicht sich ein. "Der Schmerz ist einfach immer noch extrem intensiv, ich denke unheimlich oft an ihn." Dass die Band ohne seinen Kopf nicht weitergeführt werden kann, war Campbell und auch Drummer Mikkey Dee, der mittlerweile bei den Scorpions unter Vertrag steht, klar. Ein neues Projekt gemeinsam weiterzuführen kam ebenfalls nicht infrage. "Wir haben beide unsere neuen Projekte am Laufen. Ich denke, es gibt einfach keinen Grund etwas weiterzutragen, das nach Lemmys Tod so stark nach Motörhead riecht."

Nostalgische Huldigung

Während Mikkey Dee mit den Scorpions noch größere Hallen und sogar manche Stadien bespielt, stellt sich Campbell in der Gegenwart etwas aus dem Rampenlicht. Seine Bastard Sons sind bisweilen doch mehr Motörhead- Coverband als eigenständiges Rock- Extrakt, sein Soloalbum soll auch melancholische Piano- Songs beinhalten und Ende 2017 erscheinen und außerdem arbeitet er auch noch an einem Buch. "Es wird keine klassische Autobiografie werden, wie es alle anderen machen. Es gibt 30 kurze Geschichten aus meiner Motörhead- Ära, die unvergessen und unvergleichbar sind."

Wenn Campbell an die alten Zeiten zurückdenkt, beginnt er wieder feurig zu gestikulieren und findet die gute Laune wieder. "Als wir einmal mit Testament, Heaven & Hell und Judas Priest auf Tour waren, bin ich als edler Ritter mit einem Pferd auf die Bühne geritten. Ich glaube nicht, dass das in der Rockgeschichte oft passiert ist. Solche Ereignisse vergisst du nie wieder." Nostalgische Momente, die angesichts der gemeinsamen Vergangenheit und einer unvergesslichen Karriere nur recht und schlüssig sind. Lemmy wird sich das von ganz woanders ansehen und voller Stolz auf seine alten Kumpel blicken. Denn schon immer waren ihm der Rock und die Bühne am wichtigsten - und dieses Vermächtnis tragen Campbell und Dee mit viel Liebe und Hingabe weiter. R.I.P., Lem.

Redakteur
Robert Fröwein
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