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03.12.2016 - 15:26
Foto: Bluatschink

Bluatschink: "Man sollte ruhig Stellung beziehen"

24.07.2015, 17:00
Bandboss Toni Knittel hätte es sich selbst nie gedacht, dass sein umweltpolitisch motiviertes Musikprojekt Bluatschink einmal über die Landesgrenzen hinaus bekannt werden würde und 25 Jahre nach dem Beginn beliebter ist denn je zuvor. Auf dem brandneuen Album "Aufstrich" haben der Lechtaler und seine Frau Margit erstmals mit einem Streicherquartett gearbeitet und neue Songs mit den großen Klassikern verknüpft. Wir haben Toni Knittel zum großen Gespräch gebeten und dabei nicht nur über das neue Werk, sondern auch über Kinder, Tagespolitik, Religion und alte Liebeslieder gesprochen.

"Krone": Toni, die Band Bluatschink gibt es mittlerweile genau 25 Jahre. Hättest du anfangs gedacht, dass dieses Projekt eine derartige Wertigkeit und Dauerhaftigkeit entfachen würde?
Toni Knittel: Das war überhaupt nicht geplant, von einem Musikprojekt leben zu können. Ich bin eigentlich Hauptschullehrer und hatte einen fixen Job im Tonstudio. Sehr virulent war damals das Lechtal- Thema. Wir haben versucht, den Lech mit Liedern vor der Verbauung zu schützen. Heute ist der Lech unter Schutz gestellt und das Vorhaben gelang, aber am 6. Juni 1990 war das alles andere als sicher. Da gingen die Wogen hoch, es ging um Kraftwerks- und Verbauungsprojekte. Wir haben es mit Liedern versucht und weil das im Lechtal war, mit Lechtalern auf der Tribüne und im Publikum, war auch der Lechtaler Dialekt naheliegend. Frei von der Leber und vom Herzen weg ohne Übersetzungsfilter zu singen, das war für uns und das Publikum ein intensives Erlebnis. Das hat dann immer weitere Kreise gezogen – auch thematisch. Anfangs waren es traditionelle Umweltthemen, dann aber auch soziale Geschichten und Unterhaltung. Aber Unterhaltung hat immer was mit Haltung zu tun und wenn einem Leute zuhören, sollte man ab und zu ruhig mal Stellung beziehen. Diese Mischung hatten wir immer. Mit einem massentauglichen Programm, ohne den Lechtaler Dialekt und ohne den Namen Bluatschink wären wir sicher gescheitert. Was anfangs ein Hemmnis war, war im Endeffekt unsere Unverwechselbarkeit.

"Krone": Es war anfangs alles andere als klar, dass ihr über die Tiroler Bundeslandgrenze hinaus überhaupt wahrgenommen werdet.
Knittel: Überhaupt nicht. Es war nicht einmal klar, dass es außerhalb von Außerfern im Bezirk Reutte funktionieren würde. Bei den Wörtern "außer" und "fern" weißt du ja sowieso gleich, was es geschlagen hat. Als Restösterreicher kennt man das maximal aus den Nachrichten, wenn es am Fernpass Stau gibt. Es war nicht einmal klar, dass uns die Rest- Tiroler verstehen würden. Doch genau das hat sich als großer Vorteil erwiesen.

"Krone": Wie wichtig waren Bluatschink für den derzeitigen Status des Lechtals?
Knittel: Das ist schwer einzuschätzen, aber wir hatten mit dem WWF oder dem ÖAV sehr starke Partner und hatten uns auch international gut vernetzt. Das war nötig, um wissenschaftliche und juristische Beratung zu kriegen, aber für Öffentlichkeitsarbeit waren Bluatschink schon ein wichtiger Punkt, weil die Musik so leichtfüßig und unterhaltsam daherkam. Nicht so negativ wie die Politik. Musik berührt und fordert zum Lachen heraus. In der Breitenwirksamkeit war die Band ein wesentlicher Punkt. Die wahren Schlachten wurden dann in den Amtsstuben und in Brüssel ausgetragen. Wir waren aber sicher federführend dafür, dass die Leute mitgekriegt haben, dass der Lech was Besonderes ist. Man macht sich dabei natürlich auch im eigenen Tal Feinde, aber das geht nicht ohne.

Vor 25 Jahren war der Bluatschink, dieses Fabeltier, das im Lechtal sitzt und kleine Kinder mit Haut und Haaren verspeist, noch böse, aus heutiger Sicht ist es eigentlich hilfreich. Es hilft uns beim Umweltschutz und in den Kinderzimmern schlug das Wesen wie ein Blitz ein. Die Kinder von damals sind jetzt 30 und sind die Bäcker oder Tourismusbetreibenden von nebenan. Sie sind heute sehr stolz auf das Tal und darauf, dass die Leute das Tal für Klein- Kanada halten. Nur hier gibt es funktionierendes Fließgewässer und auch die touristischen Projekte, wie der 125 Kilometer lange Lech- Fernwanderweg, wurden immer bekannter. Es entstand das Bewusstsein, dass man reich ist wenn man zu schätzen weiß, was man direkt vor der Haustür hat.

"Krone": Es ist ja paradox, dass du als ausgebildeter Hauptschullehrer, der mit jungen Menschen gearbeitet hat, ein kinderverspeisendes Fabelwesen für den Bandnamen heranzieht.
Knittel: Ich bin selber mit dem Bluatschink aufgewachsen und hatte Respekt vor dem Lech. Wahrscheinlich hat er vielen Kindern das Leben gerettet. Wenn der Lech Hochwasser führte und dreckig war, war klein Toni weit weg. Beim durchsichtigen Wasser war mir klar, dass ich den Bluatschink schon sehe wenn er kommt, beim dreckigen aber nicht. Irgendwann kam der Punkt, wo ich dachte, den Erwachsenen fehle der Respekt vor ihm. Also habe ich ihn umgemodelt vom Kinderschreck zum Umweltanwalt. Inzwischen hilft er Kindern beim Umweltschutz.

"Krone": Bluatschink muss man in zwei Phasen einteilen. Die Phase mit deinem langjährigen Partner Peter Kaufmann, der sich 2007 ins Privatleben zurückzog und die mit deiner Frau Margit, die seither auf der Bühne nicht von deiner Seite weicht. Habt ihr diese enge, doppelzahnige Zusammenarbeit schon mal bereut?
Knittel: Keinen Moment. Wir streiten und diskutieren sehr viel, aber es gibt klar geregelte Zuständigkeitsbereiche. Wenn es ums Haus und die Kinder geht, rede ich mit, aber am Ende hat sie das letzte Vetorecht. Bei der Musik ist es genau umgekehrt. Diese Kompetenzverteilung ist sehr wichtig. Wir haben vier Kinder und Margit war immer daheim, deshalb war sie auch anfangs nicht mit auf Tournee. Jetzt sind die Kinder in einem Alter, wo sie froh sind, wenn wir außer Haus sind und sie sturmfrei haben. (lacht) Jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir beide aus dem Studio können und gemeinsam auf die Bühne – es hindert uns nichts mehr daran.

"Krone": Wie ist das bei euren Kids, die ja im Pubertätsalter stecken. Finden die das cool, was ihre Eltern tun oder hören sie doch lieber One Direction?
Knittel: Sie mögen Bluatschink gerne. Sie haben glaube ich auch großen Respekt davor. Mit der Pubertät rebellieren Jugendliche, aber sie hören auch genauer hin. Sie verstehen die Texte vielleicht, wo sie vorher nur die Melodie mochten. Sie spüren, dass das was mit unserem Leben zu tun hat.

"Krone": Habt ihr ihnen auch eure künstlerische Ader weitervererbt?
Knittel: Sie alle werden hauptberuflich keine Musiker, aber sie haben alle Talent und irgendein Instrument gelernt. Sie haben ihre Leidenschaften woanders entdeckt. Es ist vielleicht gar nicht so einfach, wenn man dasselbe macht wie Mama und Papa, weil es dann nicht das eigene ist, dass sie selber entdeckt haben. Ich habe mit 14, als ich Beatles- Songs und Nummern von Simon & Garfunkel nachgespielt habe, auf der Gitarre bemerkt, dass das nicht jeder macht. Wir haben in der Familie immer viel gesungen, aber diese Art von Musik habe ich für mich selbst entdeckt und das war mir wichtig. Sie haben aber alle eine große Musikbegeisterung. Von Musik leben zu können, möchte ich ihnen aber auch nicht einreden, dazu ist das zu schwierig. Das muss zu 100 Prozent aus dir selbst kommen, denn nur dann sind dir die Widerstände und die ganzen Marktmechanismen egal. Dann lodert das Feuer in dir und du stehst drüber.

"Krone": Ist es in der heutigen Zeit, wo die Politik sich in allen Richtungen immer schwerer tut, Sympathien aufzubringen, in der Kunst wichtiger, politisch zu agieren und politische Themen zu behandeln?
Knittel: Auf jeden Fall. Das Publikum nimmt uns politisches Engagement nie übel – ganz im Gegenteil, sie schätzen das. Wir haben Fans, die selber sehr kritisch denken und aufmerksam sind, sie lassen sich nicht ins Bockshorn jagen von irgendwelchen Hetzparolen. Wenn dir was auf der Zunge brennt oder dich etwas grantig macht, dann kann das eine gute Antriebsfeder sein, um ein lauteres Lied zu singen, bei dem man will, dass andere zuhören. Da darf man auch die Stimme erheben. Hat ein Künstler gar kein anderes Thema mehr, wird es fad. Das Leben ist nicht nur tragisch, man braucht auch eine riesige Portion Humor. Auf der neuen CD "Aufstrich" sind die Hälfte alte Songs und die Hälfte neue und der rote Faden ist das Streichquartett. Auch die alten Songs gewinnen dadurch und ich sage immer, das ist der Tiroler Speck in der Wiener Panier, weil das Streichquartett, die K&K–Strings, aus Wien sind.

Als vor Jahrzehnten das Ausländerthema herangezogen wurde, um politisches Kleingeld zu wechseln, hat mich das schon sehr gestört und ich habe den Song "Hoamat oder so" geschrieben. Es geht um Menschen, sie werden zwischen Fronten gestellt und dort zerrieben, das hat niemand verdient. Heute ist das Thema virulenter als damals und deshalb ist das Lied neu aufgenommen. Dazu kommt der Song "Fürchtat enk" – gegengesetzt zum Bibelspruch – der sich darum dreht, dass viele Medien und auch Parteien davon leben, Angst zu schüren. Das ist manchmal so leicht zu durchschauen, dass ich mich wundere, dass die Leute auf diese Rattenfänger reinfallen. Ich kann also auf der Bühne entweder mit dem Zeigefinger wedeln, oder so ein lustiges Lied spielen, wo ich auf der Bühne eine Art Krampus darstelle, "fürchtat enk" sage und das Publikum muss Panik nachspielen. Übrig bleibt hoffentlich das Gefühl, dass ich vielleicht doch recht habe. Vor lauter Angst gestorben, ist auch hin. Wenn man sich nur die nackten Statistiken ansieht, gibt es keinen Grund, sich daheim einzusperren und Panik zu kriegen.

"Krone": Die sogenannte "Neue Volksmusik" war immer als Schunkel- Sache verschrien und Bluatschink hatten seit jeher einen wichtigen Anteil daran, dass sich der Ruf über die Jahre besserte. Macht dich das stolz?
Knittel: Natürlich, wir haben eine klare Trennlinie gezogen zwischen Neuer Volksmusik und Volkstümlicher Musik. Es hat alles seine Berechtigung. Auf dem Zeltfest will ich auch eine Gaude haben, mein Bier und mein Würstel und eine Musik konsumieren, die links rein und rechts raus geht. Volksmusik hat aber schon immer sehr sozialkritische Themen aufgegriffen, war immer frech und hat immer die Obrigkeit verarscht. Schon vor Jahrhunderten. Wenn einer wie Hubert von Goisern volksmusikalische Elemente mit politischem Bezug vermischt, finde ich das großartig. Das war auch für uns immer der Anspruch. Volksmusikelemente zu verwenden, ohne volkstümlich zu werden. Ich muss mit jeder Silbe, jedem Ton dahinterstehen können, denn sonst verkaufe ich mich und das geht keinesfalls.

"Krone": Warum habt ihr neue mit alten Kompositionen auf "Aufstrich" vermischt?
Knittel: Weil wir doch die 25 Jahre Bluatschink schon irgendwie miteinbeziehen wollten. Im Musikbusiness wäre ein Best- Of üblich, aber das war uns einfach zu wenig. Manche Lieder sind mehr als 20 Jahre alt und haben sich weiterentwickelt. Wenn ich die Lieder live singe und die alten Aufnahmen anhöre, muss ich auch mal grinsen. Hier wollte ich die Chance nützen und den Status Quo festhalten. Durch die Streicherarrangements haben sie eine neue Note und vermischt mit den ganz neuen Songs gibt das ein schönes Hörvergnügen. Eine reine Best- Of wäre verkaufstechnisch vielleicht geschickter gewesen, aber das war keine Option für uns. Wir wollten die Mischung zwischen Alt und Neu. Die Rückmeldungen sind von alten als auch neuen Fans gigantisch. Wir haben zehn Monate lang am genau richtigen Produkt gearbeitet.

"Krone": Die Idee für Songs mit Streicherarrangements trägst du schon länger in dir oder nicht?
Knittel: Mit zwölf habe ich das erste Mal Streicher bei "Eleanor Rigby" von den Beatles gehört und war wahnsinnig fasziniert davon. Über ein Streichquartett haben wir schon öfter geredet, es ist aber sehr aufwändig. Wir haben das immer irgendwie rausgezögert, aber wann kommt das "irgendwann", wenn nicht jetzt, nach 25 Jahren? Wir haben eine Nummer drauf, die heißt "Es hat alles sei Zeit" und genau darauf zielt es ab. Letztes Jahr im September, als ich im Studio neue Lieder ausgearbeitet hatte, kam mir die Eingabe, dass das einfach jetzt passieren müsse. Ich dachte schon bei den Grundarrangements daran und man arbeitet dann auch anders. Ende September stand fest, die Platte müsse als Wiedererkennungswert ein Streichquartett haben. Die K&K- Strings haben schon mit Danzer, Hubert von Goisern oder Andy Baum gearbeitet und kannten sich aus. Bei den alten Songs hatten sie freie Hand bei den Arrangements, bei den neuen habe ich mich selber darum gekümmert. Das gibt jetzt eine Melange, die so vielseitig ist, wie nichts zuvor von uns.

"Krone": Der Zugang muss für dich auch sehr frisch gewesen sein, um Streicher- Arrangements musstest du dich noch nie zuvor kümmern.
Knittel: Anfangs arbeitet man mit synthetischen Streichern, damit man hört, wie es klingen wird. Ich bin ja Musiklehrer und habe eine Grundausbildung, aber Arrangements für ein Streichquartett sind was ganz Spezielles. Letzten Herbst habe ich mir auf YouTube viele Erklär- Videos angeschaut, die alten Beatles- Platten ausgegraben und gehört, wie mein großes Vorbild George Martin das gelöst hat. Dann kam noch der Input von den K&Ks dazu, die ein Riesenrepertoire hatten. So sehr ich beim Songwriting selber fast schon autistisch und alleine unterwegs bin, aber wenn es um Arrangements geht, hatte ich immer die Antennen ausgefahren und war sehr offen für Zusammenarbeit. Wir haben seit 1993 denselben Produzenten, wieder ein Wiener. Die Wiener/Tiroler- Zusammenarbeit funktioniert seit Jahrzehnten.

"Krone": Ihr werdet das Programm sicher auch live auf die Bühne bringen?
Knittel: Auf jeden Fall. Die Präsentation muss natürlich auf der "Geierwally"- Bühne im Lechtal stattfinden, dort pilgern viele Fans extra aus Ostösterreich hin, weil die Atmosphäre unvergleichlich ist. Die Vorpremiere fand aber im Wiener Orpheum statt, denn ich fürchte nichts mehr, als dass ich ein komplett neues Programm und Bandgefüge habe und plötzlich was daneben geht. Vor der großen Premiere waren die Vorpremieren schon wichtig, vor 600- 700 Insidern im Lechtal darf nichts mehr danebengehen. Im Frühjahr 2016 sind wir aber spätestens in dieser Besetzung in Wien zu sehen.

"Krone": Hast du dir als großer Fan schon einmal überlegt, Beatles- Songs im Bluatschink- Korsett aufzunehmen?
Knittel: Eigentlich nicht. Coverversionen im Dialekt waren eher so die STS- Geschichte, die haben das schon sehr gut gemacht. Eine Zeit lang haben wir live manchmal "Yesterday" gespielt, unsere spezielle Version, wo Margit die zweite Stimme singt. Auf CD höre ich so etwas aber nicht so gerne, da bleibe ich lieber beim Original. Ich singe es auch lieber auf Englisch nach. Geschichten aus meinem oder unserem Leben, dann sehr gerne im Lechtaler Dialekt.

"Krone": Wenn du jetzt auf das neue Album "Aufstrich" schaust – worauf bist du am meisten stolz?
Knittel: Am meisten stolz ist man natürlich immer auf die neuen Lieder, weil sie am aktuellsten auf der Seele brennen. Es gibt ein paar Songs, an denen habe ich lange gearbeitet. Zum Beispiel an "Anna", einem Lied über meine Urgroßtante. Es geht um ihre historische Persönlichkeit und nicht um die Romanfigur. Ich habe mich zehn Jahre lang damit beschäftigt. Zum 40er bekam ich ihre Lebensaufzeichnungen geschenkt und habe sie intensiv studiert. Als Liedermacher ist es die Herausforderung, ein Thema, über das du drei Stunden reden könntest, auf drei Minuten zu komprimieren. Wenn das Lied dann fertig ist, habe ich ein Hochgefühl, dass ich sonst nur bei Livekonzerten erlebe, wenn die Leute wieder und wieder "Zugabe" rufen. Diesen Flow zu erleben, wie ein Lied herausfließt und es für dich passt, das ist unbezahlbar. Bei ein paar Songs gelang mir das dieses Mal wirklich. Gleich danach kommt aber, dass es uns gelang, die alten Schinken nicht aufzuwärmen, sondern komplett neu zu arrangieren.

"Krone": Lieder sind im Prinzip nichts anderes als Zeitdokumente. Gibt es in der Bluatschink- Diskografie auch solche Dokumente, die mittlerweile veraltet sind? Lieder, mit denen du dich heute nicht mehr identifizieren kannst?
Knittel: Nicht mehr identifizieren ginge zu weit. Selbst wenn ein Lied nicht mehr so aktuell ist, kennst du die Bilder von damals noch immer. Man kann sich immer hineinfühlen. Auf "Aufstrich" gibt es ein Liebeslied namens "Vorbei". Das stammt aus dem Jahr 1991 und das war das einzige Liebeslied, das ich nicht für die Margit schrieb. Ich habe eine beendete Beziehung verarbeitet und wir singen das jetzt zu zweit, obwohl das für eine andere Frau geschrieben war. Margit und ich kannten uns schon damals und ich hab ihr damals total leidgetan. Sie dachte nur, dass ich arm wäre und hoffte, dass ich noch mal die Richtige finden würde. (lacht) Wir waren immer gut befreundet und wollten eigentlich nichts voneinander. Dass sie eineinhalb Jahre später das sein wird, warum es mir dann besser ging, das wussten wir noch nicht. Manchmal möchte man Sachen erzwingen, aber das geht nicht. Manchmal muss man einfach etwas zulassen. Man begibt sich auf eine Zeitreise in sein eigenes Leben und ist immer bei sich. Es gibt kein einziges Lied, von dem ich mich distanzieren müsste.

"Krone": Du hast viele verschiedene Standbeine – arbeitest gerne mit Kindern, schauspielerst hie und da und bist in erster Linie Musiker. Wo fühlst du dich am meisten zuhause?
Knittel: Wenn man meine Tätigkeiten auf einen Begriff kürzen muss, dann würde der lauten: Geschichtenerzähler. Das ist dann relativ egal, ob ich Musicals für Kinder schreibe, den Minnesänger gebe oder Geschichten aus meinem Leben für Erwachsene wiedergebe. Ich habe auch das große Glück, noch eine musikalische Begabung zu haben, denn mit musikalischer Begleitung erreichen viele Geschichten tiefere Gefühlsebenen. Die ganzen Liedermacher, Danzer, Ambros, Mey, Wecker – da fühle ich mich wohl. Das sind keine 08/15- Texte wie "I wanna fly so high up in the sky" – zum 100. Mal gehört und zum 1.000. Mal interpretiert. Das sind alles Geschichten, die mit dir und deinem Leben zu tun haben. Das wollen die Leute auch hören. Deshalb kann ich mich wohl nach all den Jahren noch mit allem identifizieren. Ich habe immer nur Sachen gemacht, hinter denen ich stehen konnte – ausnahmslos.

"Krone": Du warst früher Lehrer für Deutsch, Musik und Religion. Welchen Stellenwert hat die Religion für dich?
Knittel: Ich bin kein geprüfter Religionslehrer und sprang nur kurzfristig ein. Ich wurde religiös erzogen, aber mir war immer der Glaube wichtig. Bei der Religion bin ich skeptisch, sie lässt sich viel zu leicht missbrauchen. In allen Weltreligionen gibt es so viele Menschen, die genug Religion haben, um zu hassen, aber viel zu wenig Glauben, um zu lieben. Ich habe mich schon als Religionslehrer dazu verpflichtet gefühlt, den Kindern nicht nur unseren christlichen Glauben zu erklären, sondern auch klarzumachen, dass in jeder Weltreligion interessante Dinge stecken. Es haben unglaublich herzens- und seelenbegabte Menschen Wahrheiten erkannt und weitervermittelt, aber man muss darauf achten, dass diese Wahrheiten nicht verfälscht, verdreht und missbraucht werden. Das findet leider in vielen Abschnitten der Geschichte mehr statt als die wahre Hinwendung zu einer universellen Kraft und zum Glauben, der aus Liebe besteht. Jeder Mensch, den seine Religion dazu bringt zu hassen, der hat es nicht kapiert. Wenn Religion nur hergenommen wird, um die Unterschiede zu betonen und nicht gesehen wird, wie viele Gemeinsamkeiten wir alle eigentlich haben, dann geht das auch am Thema vorbei.

Ich habe den Kindern Gott immer so erklärt, dass das etwas so Großes, Unglaubliches und Ungreifbares, dass wir Menschen es nie ganz verstehen werden. Das ist so, als würde ich einer Ameise erklären wollen, wie ein Farbfernseher funktioniert. Das wird die Ameise nie verstehen. Ab und zu verirren sich ein paar in den Fernseher und sagen, Gott wäre das rote, gelbe oder blaue Kabel. Alle haben das Gleiche gesehen, aber nur einen Ausschnitt des Ganzen. Sie befetzen sich jetzt wegen den Kabeln und haben nicht erkannt, dass das alles nur ein kleiner Ausschnitt von Gott ist. Wer sich Gott als alten grantigen Mann mit Rauschebart im Himmel vorstellt, der zu Kreuzigungen und Steinigungen aufruft, der hat noch nicht einmal das Kabel gesehen.

"Krone": Wenn jemand mit dem Begriff Bluatschink konfrontiert wird – was soll ihm dabei in den Sinn kommen?
Knittel: Ein Ehepaar, das vom Leben erzählt. Nicht nur vom eigenen, sondern davon, wie das Leben so spielt und dass es sich sehr viele Gedanken darüber macht. Das wird dann in schönen Liedern verpackt den Menschen weitererzählt.

Bevor Bluatschink mit ihrem "Austrich"- Programm nach Wien kommen, sind bereits weitere Konzertdaten fixiert. Am 26. Juli tretten die Knittels in der Wachauarena Melk auf, am 25. September im Wörgler Komma, am 9. Oktober im Rathaussaal Telfs und am 22. Jänner 2016 ist bereits ein weiterer Auftritt im Komma in Wörgl fixiert. Tickets für die Veranstaltungen erhalten Sie unter 01/960 96 999 oder im "Krone"- Ticketshop .

24.07.2015, 17:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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