Mo, 20. November 2017

Album & Konzert

11.11.2017 17:00

Boris Bukowski genießt das Leben vor dem Tod

Nach 18 Jahren hat Boris Bukowski dieser Tage mit "Gibt's ein Leben vor dem Tod?" endlich wieder ein Studioalbum veröffentlicht. Im ausführlichen "Krone"-Interview spricht der 71-Jährige nicht nur über den langen Schaffensprozess, sondern auch über die Schönheit des Lebens, seine Probleme mit Religion und wie sehr ihm seine Wahlheimat Stammersdorf ans Herz gewachsen ist.

18 lange Jahre. Als Boris Bukowski 1999 sein letztes Studioalbum "6" veröffentlichte, war so mancher seiner heute autofahrenden Hörer noch nicht einmal geboren. Der Musiker, der mit Songs wie "Kokain" und "Fandango" vor allem in den 70er- und 80er-Jahren kurz vor dem großen Durchbruch stand, erlitt mit besagtem Werk aber finanziellen Schiffbruch und musste sich langsam wieder an die Oberfläche schaufeln. Die Formatradios haben ihn geflissentlich ignoriert und so wurde er einst zu einem der größten Kritiker der heimischen Radiolandschaft im Allgemeinen und von Ö3 im Speziellen. "Die Regionalradios spielen meine uralten Sachen. Ich bin musikalisch aber längst woanders, auch wenn ich das natürlich zu schätzen weiß und dafür Geld bekomme", lacht er heute im Gespräch mit der "Krone".

Exzessives Teamwork
Mit den Mechanismen der Sender hat er längst seinen Frieden geschlossen und das Comeback "Gibt’s ein Leben vor dem Tod?", finanziert via Crowdfunding, fällt überraschend vielseitig und modern aus. 71 musste der Vollblutmusiker werden, um sich und seinen Sound nach mühevoller Detailarbeit endgültig zu finden. "Mit der Band habe ich schon vor acht Jahren aufgenommen. Ich wusste schon immer, dass ich gute Songs schreiben kann, dachte aber, es gäbe bessere Leute für die Arrangements. Ich suchte lange nach den richtigen Leuten - einer war Wolfy Schlögl, nachdem ich eines seiner Sofa-Surfers-Konzerte besuchte. Die Nummer ,Hör‘ habe ich dann mit Nico Stoessl und Depeche-Mode-Drummer Christian Eigner erarbeitet. Ping-Pong-mäßig flogen die Ideen plötzlich hin und her und so nahm das Album langsam Form an." Insgesamt 26 verschiedene Musiker griffen Bukowski für sein "Comeback-Album" unter die Arme.

Während andere im reiferen Alter gerne stehen bleiben und ein bewegtes Leben Revue passieren lassen, ist die Nostalgie Bukowskis Tod. "Das größte Privileg meines Lebens war immer, dass ich etwas machen durfte, was mir Spaß bereitet. Ich bin noch immer mit dem gleichen Feuer bei der Sache wie in meinen jungen Jahren und kann mir nicht vorstellen, mit Musik aufzuhören. Ich sage ehrlich: Es würde mir weh tun, würde mich niemand mehr hören wollen." Ewige Rückschauen sind dem gebürtigen Fürstenfelder ein Graus. "Viele meiner Freunde diskutieren noch heute darüber, was alles so vor 40 Jahren passiert ist. Das hat mich damals interessiert, aber nicht heute. Warum auch? Ich bin total neugierig und offen für Neues - was aber nicht bedeutet, dass man sich Meilensteine wie Bill Haley oder Fleetwood Mac nicht immer wieder anhören könnte."

Mehr Realität als Fiktion
Die oftmals elektronisch arrangierten, sehr zeitgemäß klingenden Songs können inhaltlich direkt mit Bukowskis Leben und seiner Entwicklung gleichgesetzt werden. Der beißende Opener "Money" als Stich in das Herz des grassierenden Kapitalismus, "Diese Stadt", die sich laut Bukowski bewusst nicht um Wien dreht, aber die Verzweiflung eines in der Anonymität gefangenen Einsamen beleuchtet oder das religionskritische "Im Namen Gottes Amen", in dem auch die süffisant-spitze Feder von EAV-Mastermind Thomas Spitzer steckt. All die Songs sind durchwegs persönliche Abwicklungen mit den Begebenheiten des alltäglichen Lebens. "Natürlich ist nichts davon 1:1 auf meine Realität umgelegt. Es sind keine Geschichten, die ich direkt so erlebt habe. Meine Erlebnisse werden nur gestreift und mit Gelesenem, Gehörtem und Erfahrenem verdichtet."

Gerade mit der angesprochenen Religion hat Bukowski so seine Probleme. "Ich glaube nicht an Gott und daran, dass er den Menschen erschaffen hat. Ich glaube, dass der Mensch seinen jeweiligen Gott so erschaffen hat, dass er sich von ihm eine jeweilige Tröstung versprechen kann - vor dem unweigerlichen Tod." Menschen mit einem tiefen Glauben respektiert der Künstler dennoch. "Etwa Kardinal Schönborn. Da habe ich großen Respekt, denn da ist nichts Böses dabei. Zu glauben ist ja nicht schlimm, ich finde es für mich nur nicht besonders gut. Ich betrachte die Welt so, dass es die Liebe als Grundgedanken des Universums gibt."

Wider dem Altern
Das titelspendende Leben vor dem Tod verliert für viele schleichend die Bedeutung, die es eigentlich haben sollte. "Im besten Fall sehe ich das Leben als geiles Abenteuer mit tödlichem Ausgang. Vorausgesetzt man hat den Mut, sich darauf einzulassen. Ich will auf alle Fälle vermeiden, dass ich tot bin, bevor ich sterbe. Wenn Menschen älter werden verlieren sie zunehmend die Bereitschaft, Neues, Spannendes oder auch Gefährliches auszuprobieren. Am Schluss sitzt du dann nur mehr vor dem Fernseher und starrst geradeaus. Natürlich gibt es viele Menschen im Leben, die nicht das erreichen, was sie gerne geschafft hätten, aber man sollte es zumindest immer versuchen." So wie der Künstler selbst, der sich zum 70er aus 4200 Metern Höhe per Tandemsprung Richtung Erde beförderte.

Das größte Vorbild für Bukowski im menschlichen, wie auch beruflichen Sinne war seine Frau Mama, die 99 ½ Jahre alt wurde und bis zu ihrem Ableben ein rüstiges und fröhliches Leben führte. "Am Ende sagte sie zu mir, ganz ohne Bitterkeit und Wehmut, dass sie ein wunderschönes Leben gehabt hätte, es jetzt aber auch langsam genug sei. Mit sich am Ende des Lebens so im Reinen sein zu können, das ist unglaublich. So möchte ich auch einmal abtreten." Davor hat Bukowski aber noch viel vor - und weiß das Leben auch zu genießen. Seit etwa 30 Jahren wohnt er in der Wiener Heurigengegend Stammersdorf. "Wenn keine Rush Hour ist, bin ich innerhalb von 16 Minuten am Schwedenplatz. Wenn ich keine Termine habe, drehe ich schon vor dem Frühstück eine Stunde mit dem Rad und fahre über den Bisamberg. Die Gegend ist einfach traumhaft."

Live in Wien!
Am 16. November stellt Boris Bukowski sein neues Album "Gibt’s ein Leben vor dem Tod?" live in der Wiener Szene vor. Weitere Infos und Karten für den Auftritt erhalten Sie unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Für den Newsletter anmelden