So, 22. Oktober 2017

"Krone"-Interview

24.03.2017 15:32

Chevelle: „Jetzt erobern wir auch Europa“

In den USA sind die Rocker Chevelle absolute Topstars - in Europa hingegen nur treuen Fans und aufmerksamen Insidern ein Begriff. Warum dem so ist, fragten wir die beiden Brüder Pete (Gesang, Gitarre) und Sam Loeffler (Schlagzeuger) nach ihrem gefeierten Auftritt mit Avenged Sevenfold und Disturbed in der Wiener Stadthalle.

Das berühmte Musikerklischee, dass man sich sein Publikum erst hart erspielen müsse, trifft auch in Zeiten des Internets und der permanenten digitalen Verfügbarkeit zu. Das beste Beispiel dafür sind die amerikanischen Rocker Chevelle, die in ihrer Heimat seit mehr als zwei Dekaden zu den populärsten und auch kommerziell erfolgreichsten Acts gehören, in Europa als "Beiwagerl" der Top-Seller Avenged Sevenfold und Disturbed aber nur vor einer Handvoll echter Hardcore-Fans für Stimmung sorgten. Das liegt in erster Linie daran, dass das sympathische Trio sich in der gesamten Bandkarriere noch kaum um den europäischen Markt gekümmert hat.

Nachholbedarf
"In Deutschland waren wir in den letzten Jahren ein paar Mal auf Headliner-Tour, auch nach Großbritannien sind wir hie und da gekommen, aber der Auftritt hier in der Wiener Stadthalle war unsere Österreich-Premiere", erzählt uns Frontmann Pete Loeffler nach dem starken Gig, "wir werden uns jetzt wirklich aktiver um Europa kümmern und wollen endlich auch bei euch den großen Sprung schaffen." In den Staaten konnte die Band ihre acht Studioalben bislang rund vier Millionen Mal absetzen, das aktuelle Werk "The North Corridor" schaffte es an die Spitze sämtlicher Rock-Charts und erreichte sogar in den renommierten Billboard-Charts den respektablen achten Platz.

Warum aber scheitert eine Band, die sich musikalisch geschickt zwischen Spät-Grunge, Helmet und Tool platziert, am Eintritt in den europäischen Markt? "Daran sind wir selbst schuld. Wir sind selbstständig, niemand unterstützt uns. Wir finanzieren uns alles ohne Zuwendungen. Es hat also wenig Sinn, solch weite Reisen auf sich zu nehmen, vor leeren Hallen zu spielen und mit einem dicken Minus heimzufahren. Wir hoffen inständig, dass uns die Tour mit unseren Kumpels von Avenged Sevenfold und Disturbed hier so bekannt macht, dass sich irgendwann eine eigene Headliner-Tour ausgeht." Live zu spielen ist offenbar noch immer alles und ganz ohne physische Präsenz lassen sich eben keine neuen Märkte erschließen.

Bodenständigkeit
Das größte Plus von Chevelle ist aber ihre Beharrlichkeit und die Working-Class-Hero-Mentalität, die einer optisch unauffälligen Band im Zeitalter von Effekthaschereien den nötigen Erfolg brachte. Ähnlich natürlich gehen sonst maximal Nickelback auf die Bühne, die musikalisch aber Lichtjahre von Chevelle entfernt sind. Petes Bruder, Drummer Sam Loeffler, pflichtet dem bei: "Wir hatten alle normale Jobs und haben hart gearbeitet. Unsere ganze Freizeit ging für Proben und Konzerte drauf. Das war stressig, aber auch wunderschön, weil du alles mit einer gewissen Naivität machst und nie damit rechnest, damit einmal deinen Lebensunterhalt verdienen zu können." Bereits mit dem zweiten Album "Wonder What's Next" konnte das Trio 2002 Platin einheimsen, zwei Jahre später gelang mit "This Type Of Thinking (Could Do Us In)" endgültig der große Durchbruch in ihrer Heimat.

Der jüngste Bruder im Talon, Bassist Joe, muss 2005 aber seine Koffer packen. Unüberbrückbare Differenzen verursachten den unfreiwilligen Abschied des dritten Loefflers. Die Wogen sind auch zwölf Jahre später als andere als geglättet. "Wir haben seit 2005 nicht mehr ordentlich miteinander gesprochen", gibt Pete zu, "in den letzten zehn Jahren habe ich vielleicht zweimal Hallo gesagt und es hat ihm nicht gefallen. Dieser Zug ist wohl abgefahren, aber was soll's. Shit happens." Chevelle blieben aber auch nach dem einschneidenden Erlebnis ein Familienprojekt - mit Dean Bernardini wurde kurzerhand dem Schwager der Viersaiter umgeschnallt, der seither in trauter Einigkeit mit dem Brüdergespann ein Erfolgskapitel nach dem anderen schreibt.

Blick aus dem Aquarium
Dass dem Kreativgespann auch nach zwei Dekaden noch immer neue Ideen kommen, verdanken sie unter anderem Smashing Pumpkins-Frontmann Billy Corgan. "Er hat immer gesagt, wenn du nur Musik machst und sonst nichts von der Welt mitkriegst, dann lebst du in einem verschlossenen Goldfischaquarium. So versuchen wir auch andere Aspekte unseres Lebens außerhalb der Musik in die Texte einfließen zu lassen. Mit steigendem Alter gewinne ich beispielsweise immer mehr an Bewusstsein für Tierrechte", erklärt Pete, "als wir auf unserem ersten Album den Song 'Point Number One' schrieben, musste ich ihn in Interviews immer erklären. Ich schrieb ihn aber mit 16 und war bei den Interviews 21. Ich hatte keine Ahnung, worum es überhaupt geht."

Ob es mit dem Erfolg ihrer Alben auch künftig so weitergeht, darüber sind sich Chevelle angesichts der veränderten Hörgewohnheiten jüngerer Fans unklar. "Wir haben unser letztes Album für eine Zeit lang um fünf Dollar auf unserer Homepage verkauft. Momentan weiß ich ja nicht einmal, ob es unser nächstes Album überhaupt noch als haptische CD geben wird. Selbst die Nine Inch Nails haben unlängst vor Weihnachten nur mehr eine EP mit wenigen Songs rausgebracht, andere Bands überlegen das schon länger. Den Weg in die richtige Zukunft kennt nun einmal niemand. Das ist für uns Künstler spannend und beängstigend zugleich."

1.500 Meilen im Bus
Der finanzielle Druck rüttelt aber nicht an der kreativen Ader der Band. Das Trio aus Chicago hat sich noch niemals in ihr Werk reinreden lassen und über die Jahre immer stärker zur Demokratie gefunden. "Wir vertrauen uns gegenseitig und wissen schon, wann eine Idee gut ist und wann weniger. Wenn mal nur einer allein komplett begeistert ist, die anderen aber gar nicht, dann geht es eben zurück ans Storyboard. Das Beste an uns Brüdern ist unsere Entscheidungsfreudigkeit. Wir sind ein enger, familiärer Zirkel, entscheiden sehr schnell für oder gegen etwas und müssen selten lange herumdiskutieren. Die Band geht immer vor und das weiß jeder genau. Manchmal haben wir Lust auf Busfahren und sind dann eben einfach mal 1.500 Meilen für eine Show mit dem Bus unterwegs. Wenn wir trinken, haben wir oft dämliche Ideen." Eine ordentliche Europatour würde vorerst schon reichen.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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