Fr, 24. November 2017

Weltfrauentag

08.03.2017 14:15

„Tirol ist reif für mehr Frauen an der Macht“

Seit mehr als 40 Jahren setzt sich der in Innsbruck ansässige Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft (AEP) für Gleichberechtigung ein. Obfrau ist die Juristin und Politikwissenschaftlerin Monika Jarosch. Jarosch zum Weltfrauentag über Tiroler Eigenheiten, Kopftuch, Quote und die Verantwortung, die emanzipierte Frauen heute haben.

Frau Dr. Jarosch, seit 106 Jahren wird der Internationale Frauentag begangen, um auf Benachteiligungen aufmerksam zu machen. Wo steht Tirol heute?

In Tirol hat sich wie allgemein in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. Auf dem Papier ist Gleichberechtigung heute festgeschrieben, nicht zuletzt in der Verfassung. Die Gesellschaft ist aber noch nicht von diesem Bewusstsein durchdrungen. Das lässt sich etwa in der Politik ablesen. Frauen sind immer noch deutlich unterrepräsentiert. Sie sind meistens nicht dort anzutreffen, wo Macht ausgeübt wird und Ressourcen verteilt werden. Aber das ist wichtig, damit die Sensibilität für bestimmte Themen geschärft wird.

Der Frauenanteil im Tiroler Landtag beträgt knapp 30 Prozent. 2018 wird wieder gewählt. Ist Tirol reif für eine Landeshauptfrau?

Ohne mich politisch festzulegen: Tirol ist reif für mehr Frauen in Machtpositionen. Natürlich auch für eine Landeshauptfrau!

Mehr Frauen in den Führungsebenen. Sind Quoten dafür ein adäquates Mittel?

Quoten sind ein wirksames Instrument. Das heißt ja nicht, dass Frauen einfach so bevorzugt werden. Die meisten Parteien sind sich dessen ja bewusst, dass es mehr Frauen in entscheidenden Positionen braucht. Es gibt ja schon mehr oder weniger streng formulierte Quoten.

Auch in der Arbeitswelt wird immer wieder über Quoten in Chefetagen diskutiert. Dabei geht es um Frauen, die bereits viel erreicht haben. Fakt ist aber, dass vor allem Vertreterinnen unterer sozialer Schichten immer noch benachteiligt sind. Sie haben schlecht bezahlte Jobs oder leisten vorwiegend unbezahlte Arbeit. Sie sind im Alter kaum abgesichert. In diese Kategorie gehören auch Frauen mit Migrationshintergrund. Ist angesichts dieser Problemfelder die Frage nach mehr Aufsichtsrätinnen (Anm. in Tirol derzeit 16 %) nicht ein Luxusproblem?

Gleichberechtigung muss auf vielen Ebenen passieren. Ein komplexes Unterfangen! Es geht nicht nur um Mann und Frau. Es geht auch um Benachteiligung durch Herkunft und sozialem Status. Feminismus bedeutet nicht nur, sich für Frauen stark zu machen. Es bedeutet, sich für Benachteiligte einzusetzen. Das sehe ich als Verantwortung emanzipierter Frauen. Vor einigen Jahren haben wir die "Frauenvernetzungsgruppe für Begegnung und Austausch" gegründet. Dort sind viele Initiativen dabei. Unter anderem Gruppen, die sich für die Rechte von Migrantinnen stark machen. Das ist für unsere Gesellschaft ein wichtiges Thema.

Wo stehen Sie in der Kopftuchdebatte?

Mir ist das Kopftuch nicht gerade sympathisch, Vollverschleierung berührt mich unangenehm. Ein generelles Verbot halte ich aber für den falschen Weg. Warum legen wir nicht fest, wo in unserer Gesellschaft Vollverschleierung nicht möglich ist, etwa beim Autofahren oder bei Behörden, wo man das Gegenüber sehen muss.

Vor 20 Jahren haben 650.000 Menschen das Frauenvolksbegehren unterschrieben. Derzeit gibt es Bemühungen, wieder so ein Volksbegehren zu starten. Braucht es das wirklich?

Warum nicht? Es wäre eine gute Gelegenheit, aufzuzeigen, wo heute noch Handlungsbedarf besteht. Etwa bei der Forderung "gleicher Lohn für gleiche Arbeit". Bei allem Fortschritt: die Frauenbewegung muss auch immer wieder Rückschläge verkraften. Das zeigt allein die Tatsache, dass mit den USA der mächtigste Staat der Welt von einem Mann regiert wird, der ganz offen frauenfeindlich auftritt.

Welche konkrete Verbesserung wünschen Sie sich für Tirol?

Der Arbeitskreis für Emanzipation und Partnerschaft ist einer der ersten Frauenvereine in Innsbruck und Tirol. Er wurde im Zuge des Kampfes für die Straffreiheit bei Schwangerschaftsabbruch gegründet.

Noch heute gibt es in Tirol aber kein öffentliches Spital, in dem Frauen einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen können. Sie müssen in andere Länder oder teure Privat-Praxen ausweichen. Das gilt es dringend zu ändern.

Claudia Thurner, Kronen Zeitung

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