Do, 26. April 2018

11.10.2006 17:17

Wer in Russland sagt, was er denkt, kann sterben...

Das freie Wort
Bis vor kurzem war Anna Politkowskaja nur eine kreml-kritische Journalistin und Schriftstellerin. Durch den brutalen Mord an ihr ist sie am 7. Oktober 2006 in die Riege der russischen Märtyrer aufgestiegen und ist somit Teil der politischen Geschichte ihres Landes. Anna Politkowskaja war für ihre Berichte über die russische Krisenrepublik Tschetschenien und die Menschenrechtslage in der Kriegsregion weltbekannt.


Das Blutbad nach der Geiselnahme in einem Moskauer Theater brachte den Behörden heftige Kritik der Journalistin ein: So hätte das Leben aller 129 getöteter Geiseln gerettet werden können, wenn die russische Führung weiterhin auf Verhandlungen mit den tschetschenischen Rebellen beharrt hätte, statt das Gebäude unter Giftgas zu setzen und erstürmen zu lassen.


Die Journalistin war während der gesamten Geiselnahme auf Wunsch der Tschetschenen als Vermittlerin tätig. Die mündliche Zusage des russischen Präsidenten, den Tschetschenien-Krieg zu beenden, hätte gereicht, um die Freilassung aller Geiseln zu erwirken.


Dies entsprach nebenbei auch dem Wahlversprechen von Putin, mit dem er seinerzeit angetreten war und die Präsidentschaft gewonnen hatte. Doch Wladimir Putin zog es vor zu schweigen und schickte die Spezialeinheiten mit dem tödlichen Gas.


Zum Geiseldrama nach Beslan im Jahr 2004 kam die Journalistin erst gar nicht: Noch bevor Politkowskaja von Moskau aus in den Nordkaukasus fliegen konnte, erlitt sie eine rätselhafte Vergiftung.


Parallelen zur orangen Revolution in der Ukraine drängen sich auf: Am 6. September 2004 wurde der Oppositionsführer Viktor Juschtschenko mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert. Am Abend zuvor hatte er sich zu einem Abendessen mit dem Chef der ukrainischen Staatssicherheit getroffen.


Im Jänner 2005 wurde Anna Politkowskaja für ihren Einsatz zur Förderung der Demokratie in Tschetschenien mit dem Olof-Palme-Preis ausgezeichnet.


Bei ihrem letzten Besuch in Wien im Dezember 2005 anlässlich einer Veranstaltung von "Reporter ohne Grenzen" schilderte sie die Gefahren, unter welchen sie und ihre Informanten leben müssen: Ein wichtiger Zeuge, der vor Gericht für sie aussagen sollte, sei plötzlich und unerwartet gestorben.


Politkowskaja damals wörtlich: "Die Menschen bezahlen wirklich mit dem Leben, und das passiert alle zwei, drei Monate, dass jemand verschwindet, der sagt, was er sich denkt. Man kann wirklich sagen, die Menschen bezahlen mit dem Leben dafür, dass sie laut aussprechen, was sie sich denken." So also präsentiert sich Wladimir Putins Russland im Jahr 2006.




Roland Reichart, Wien
erschienen am Do, 12.10.

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