Mo, 11. Dezember 2017

Mit US-Lufthilfe

29.09.2015 13:59

Regierung will Taliban aus Kunduz vertreiben

Einen Tag nach dem Fall von Kunduz hat die afghanische Regierung eine Gegenoffensive zur Vertreibung der Taliban aus der nördlichen Provinzhauptstadt begonnen. Regierungstruppen seien Dienstagfrüh in die Stadt eingedrungen, sagte Polizeisprecher Sayed Sarwar Hussaini. In die Gefechte griff auch die amerikanische Armee ein: "US-Streitkräfte haben einen Luftangriff in Kunduz geflogen", sagte ein Militärsprecher in Kabul. Ziel sei es gewesen, eine Bedrohung der Sicherheitskräfte zu "beseitigen".

Zwei Jahre nach dem Abzug der deutschen Bundeswehr aus Kunduz hatten am Montag rund 2000 Taliban-Kämpfer mit einer überraschenden Offensive die Stadt überrannt. Sie begannen Montagfrüh aus mehreren Richtungen mit dem Sturm auf die Stadt und nahmen sie bis zum Abend ein. Es war der größte Gebietsgewinn der Extremisten seit 14 Jahren, sagten Beobachter.

Strom- und Telefonnetz ausgefallen
Am Dienstag meldete Polizeisprecher Hussaini die Rückeroberung des Polizei-Hauptquartiers und des Provinzgefängnisses. Ein Regierungsvertreter am Flughafen berichtete von heftigen Kämpfen. Strom und Telefone seien fast überall ausgefallen: "Die Sicherheitskräfte haben die meisten strategisch wichtigen Plätze zurückgewonnen, in vielen Stadtteilen ist Gewehrfeuer zu hören."

Kunduz ist die erste Provinzhauptstadt, die seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 von den Aufständischen erobert wurde. Der Vizegouverneur der Provinz Kunduz, Hamdullah Daneshi, sagte: "Die Taliban haben ihre weiße Flagge im Stadtzentrum gehisst." Daneshi wurde nach Berichten von Augenzeugen zum Flughafen gebracht, wohin bereits davor viele der rund 300.000 Bewohner der Stadt geflohen waren. Für den vor einem Jahr ins Amt gekommenen Präsidenten Ashraf Ghani ist der Taliban-Einmarsch in die Stadt ein herber Rückschlag.

Taliban rücken Richtung Flughafen vor
Der Flughafen war am Montagabend noch unter der Kontrolle der Regierung. Dort unterhalten die afghanischen Sicherheitskräfte Stützpunkte. Der Gouverneur hielt sich bereits vor dem Angriff im Ausland auf. Taliban-Kommandeur Mullah Uzman sagte nach der Eroberung von Kunduz: "Unsere Kämpfer bewegen sich nun in Richtung des Flughafen-Hügels vor, wo sich der Feind versteckt." Die Taliban hatten bei ihrer Offensive am Montag auch das Gefängnis in Kunduz gestürmt und mehr als 600 Häftlinge befreit, darunter 144 Taliban-Kämpfer.

Taliban-Chef Mullah Achtar Mohammad Mansour versicherte, die Aufständischen würden "Leben, Besitz und Ehre der respektierten Bürger der Stadt Kunduz schützen". In einer Mitteilung Mansours zur "Befreiung" der Stadt hieß es, die Menschen dort könnten ihr Leben "in absoluter Sicherheit" weiterführen. "Die Mudschaheddin denken nicht an Rache, sondern sind mit einer Botschaft des Friedens gekommen", teilte Mansour mit. Er rief Mitarbeiter der "Invasoren und ihres Handlanger-Regimes" dazu auf, überzulaufen, um ihr Leben und ihren Besitz zu schützen.

Taliban mischen sich unter Bevölkerung
Afghanistans Armee-Chef Murad Ali Murad sagte auf einer Pressekonferenz, die Sicherheitskräfte hätten in der Stadt nicht gegen die Aufständischen kämpfen können, da dadurch Zivilisten gefährdet worden wären. Die Taliban hielten sich nicht an einem bestimmten Ort auf, sie mischten sich unter die Zivilbevölkerung.

In der Nähe des Flughafens von Kunduz unterhielt die deutsche Bundeswehr bis vor ihrem Abzug vor knapp zwei Jahren ihr Feldlager. Die NATO beendete ihren Kampfeinsatz in Afghanistan im vergangenen Jahr. Der Nachfolgeeinsatz "Resolute Support" dient vor allem der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte. US-Truppen fliegen allerdings weiterhin Luftangriffe gegen die Taliban.

Seit mehr als 30 Jahren Krieg
Seit mehr als drei Jahrzehnten gehören Krieg und Gewalt zum afghanischen Alltag. In den 1980er-Jahren kämpften die Afghanen gegen die Sowjetunion, nach deren Abzug versank das Land in den 90er-Jahren im Bürgerkrieg und erlebte den Aufstieg der radikalislamischen Taliban. Die Taliban-Herrschaft zeichnete sich durch schwere Menschenrechtsverletzungen, öffentliche Hinrichtungen und Unterdrückung der Frauen und Mädchen aus.

Dann rückten die Anschläge vom 11. September Afghanistan schlagartig in den Fokus der USA: Mit dem Wohlwollen der Taliban hatte das Terrornetzwerk Al-Kaida dort Ausbildungslager betrieben, die auch die 9/11-Attentäter durchlaufen hatten. Unterstützt von der US-Armee brachten die afghanischen Kämpfer der Nordallianz die Taliban noch vor Ende 2001 zu Fall. Seitdem kämpften die Taliban um die Rückkehr an die Macht. Nach dem Abzug der NATO verstärkten sie ihre Offensive.

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