Fr, 25. Mai 2018

Deichkind in Graz

24.04.2015 15:19

Superhirn im Saufgelage

Sich besaufen muss nicht Zeichen für kranken Konsum und Eskapismus sein. Das Hip-Hop-Kollektiv Deichkind stilisiert übersteigerten Alkoholgenuss als widerständigen Akt gegen den täglichen Blödsinn. Man kann und muss diese Musik aber auch stocknüchtern schätzen. Als liebevoll konstruierten Wahnwitz. Die Besucher in der Grazer Stadthalle waren begeistert.

Zum Intro flimmern Bilder wie aus Universum-Sendungen über die Leinwand. Aufnahmen vom verletzlichen Planeten Erde, in die sich sukzessive Unvernunft Marke Deichkind hineinschmuggelt. Ja, sicher, die Welt mit all ihren Blumen und Bienen mag wunderschön sein, aber es gibt halt auch die Youtube-Videos mit herumtorkelnden Betrunkenen und grenzdebilen "Jackass"-Stunts. Die Welt wird zum Witz – aber freilich zu einem, den das Hamburger Kollektiv sehr ernst nimmt. Der berühmte Kindergeburtstag für Erwachsene, erklärtes Ziel bei Deichkind-Konzerten, ist von A bis Z durchkonzipiert. Angesichts der vielen Kostümwechsel, der liebevoll gestalteten Requisiten und Bühnenelemente sowie der permanenten Choreografie, mit der sich die Bandmitglieder zwei Stunden abrackern, ist es amüsant, dass Deichkind immer noch "Arbeit nervt" postulieren. Die Band ist im knallharten, hart arbeitenden Showgeschäft tätig. Aber einem brutal ironischen, brutal ehrlichen: "Wir wollen nur an dein Geld 'ran/das war schon immer so/frag' mal deine Eltern", heißt es in "Powered by Emotion". Da kommt man beim Mitzählen der doppelten und dreifachen Böden gar nicht mehr nach.

Mit Widersprüchen offensiv umzugehen ist ja die Stärke der Band. Sozial- und Zeitkritik im Alkoholdunst und Party statt Partei heißt es, wenn man weder an Gott noch Staat, sondern höchstens ans nächste Dosenbier glaubt. Die Säuferhymnik übertönt die, nun ja, Subtilität der Band nicht. Dass bei "Roll das Fass rein" Fahnen mit "Refugees Welcome" geschwenkt werden, ist nur einer der deutlicheren Belege dafür, wie wach und sensibel Deichkind ihren Wahnwitz gegen den Wahnwitz des Alltags antreten lassen.

Der Sound war gut, im zweiten Teil, wo der Hip Hop dem Elektropunk das Kommando aus der Hand nahm, steigerte man die Intensität noch weiter. Zum Glück fehlte nichts. Wie gescheit und zugleich massentauglich diese Band mit Form und Inhalt umgeht, dürfte so einzigartig sein, wie die Hüpfburg, die am Ende auf einem Trampolin springt. Genial blöd.

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