Di, 17. Oktober 2017

"Krone"-Interview

20.03.2015 13:49

Don Airey: „Musiker mit Talent sind schwierig“

Er hat den legendären Jon Lord als Keyboarder bei Deep Purple ersetzt, spielte unter anderem mit unsterblichen Rock-Größen wie Whitesnake, Ozzy Osbourne, Rainbow, Gary Moore, Judas Priest oder Jethro Tull, gewann vor 18 Jahren den Eurovision Song Contest, überlebte mit viel Glück eine Flugzeugkatastrophe und steht zeit seines Lebens trotzdem nur in der zweiten Reihe. Der 66-jährige Don Airey ist mit sich und seinem Leben aber absolut im Reinen. Im Zuge seines Auftritts im Wiener Reigen baten wir um Audienz und wurden von der Mischung aus britischer Höflichkeit und schwarzem Humor fast erschlagen. Daraus entwickelte sich ein Gespräch über die beeindruckende Karriere eines großen Musikers, dem nur bei einem einzigen Thema die Worte fehlen.

"Krone": Don, auf deiner aktuellen Tour zelebrierst du deine 40 Jahre im Classic-Rock-Segment. Was fällt dir als erstes ein, wenn du an diese enorme Zeitspanne denkst?
Don Airey: Du musst heute nicht mehr so lange für Mord absitzen. (lacht) Es ist schon enorm, wenn man darüber nachdenkt. 40 Jahre sind entweder beeindruckend oder deprimierend. Aber natürlich sehe ich das positiv. Ich danke Gott, dass es schon so lange gut geht.

"Krone": Ist der Classic Rock wie du ihn spielst immer noch zeitgemäß?
Airey: (überlegt lange) Ich denke schon, denn in meinem Publikum sitzen hauptsächlich Deep-Purple-Fans und die sind meistens ziemlich jung. So rund um die 20. Ich denke sie wollen einfach Leute sehen, die ihre Instrumente beherrschen und gute Musik machen. Es gibt viele gute Bands da draußen, aber deren Musik ist oft furchtbar. Natürlich kannst du dich bei gewissen Gruppen in Trance tanzen oder deinen Kopf schütteln, aber wirst du dich in zehn Jahren an viele davon erinnern? Ich glaube nicht.

"Krone": Kennst du keine jungen Bands, die auch langfristigen Erfolg haben könnten?
Airey: Es gibt schon talentierte Bands. Aus England etwa Royal Blood oder auch The Architects, die aus demselben Eck wie Royal Blood kommen. Die sind schon wirklich gut.

"Krone": Als der legendäre und mittlerweile verstorbene Deep-Purple-Keyboarder Jon Lord krank wurde, bist du 2002 für eine Tour eingesprungen und gleich geblieben. Das waren ja unheimlich große Fußstapfen, in die du damals treten musstest.
Airey: Sie haben mich gleich gefragt zu bleiben und natürlich sagte ich ja. Du willst mich sicher darauf ansprechen, ob ich auch akzeptiert wurde? Es hat niemals jemand etwas Negatives zu mir gesagt. Es gab nicht mal einen Schrei aus einem Konzert heraus. Ich wurde warmherzig aufgenommen und hatte niemals Probleme, obwohl ich natürlich weiß, dass man einen Jon Lord nicht ersetzen kann.

"Krone": Nervosität war wohl kein Thema, nachdem du in deiner 40-jährigen Karriere im Prinzip mit jedem bekannten britischen Rockstar die Bühne geteilt hast.
Airey: Ich bin gut in dem was ich tue, insofern gab es nie einen Grund übertrieben nervös zu sein. Jon war aber schon eine eigene Liga, es wäre forsch zu behaupten, man könne ihn adäquat ersetzen.

"Krone": Wie ist es physisch möglich, dass ein 66-Jähriger Keyboarder auf rund 300 verschiedenen Alben zu hören ist?
Airey: (lacht) Da liegst du wohl falsch, meiner Rechnung nach müssten es an die 500 Alben sein. Das Geheimnis ist wohl, dass ich nicht nur schnell arbeite, sondern auch ziemlich billig bin. (lacht)

"Krone": Im Vergleich zu Deep Purple spielst du mit der Don Airey Band meist nur vor einer Handvoll Fans. Wie fühlt sich das an und wo sind die Vor- und Nachteile deines Solo-Projekts?
Airey: Natürlich gab es unzählige Deep-Purple-Besetzungen, aber die Band ist mittlerweile so lange zusammen, dass wir wirklich eingespielt sind und unsere eigene Identität gefunden haben. Ich bin sehr stolz ein Teil davon zu sein. Meine Band ist eher schnell zusammengewürfelt und es gibt nur ein paar Sessions im Aufnahmestudio. Vor dieser Tour probten wir gerade zwei Mal zusammen. Bassist Laurence Cottle konnte beim ersten Mal nicht dabei sein, Drummer Darrin Mooney beim zweiten Mal. Das erste Mal, das wir wirklich gemeinsam spielten, war tatsächlich zum Tourauftakt auf einer Riesenbühne in Moskau. (lacht) Das ist aufregend und wir sind glücklicherweise so geübte Musiker, dass das auch in dieser Form funktioniert. Wenn du mich auf die Unterschiede bei den Besucherzahlen ansprichst: Die Club-Shows sind die Heimat des Rock'n'Roll. Von dort kommt ja alles, nicht aus den riesengroßen Hallen. Ich kenne niemanden, der so kleine Club-Shows nicht vermisst. Es ist wie hier im Wiener Reigen. Du lernst schnell Leute kennen, isst gut und fühlst dich wohl. Und meistens ist der Sound um Welten besser als in großen Hallen. Die Atmosphäre ist auch viel entspannter und druckloser. Mit meiner Band spiele ich sechs Shows in Folge – mit Deep Purple wäre das nicht möglich. Das Adrenalin besiegt die Müdigkeit.

"Krone": Zu Österreich hast du ohnehin eine gute Beziehung, weil du oft live zu sehen bist und wohl auch schon einige Freunde hier hast.
Airey: Ein sehr guter Freund ist Jörg Philipp, der mit "Beat The Street" eines der größten Tourbus-Unternehmen leitet. Ich habe auch ein Konzert mit Klaus Schubert gespielt, ein großartiger Gitarrist.

"Krone": Mit dem noch unbekannten Simon MacBride hast du auch einen starken Gitarristen in deiner Band. Fällt es dir schwer, die Instrumentalisten auszuwählen?
Airey: Normalerweise ist Rob Harris von Jamiroquai mein Gitarrist, aber der hat mit seinem Hauptprojekt momentan genug zu tun. Es ist gar nicht so leicht, jemanden zu finden und dann kam mir Simon in den Sinn, er hatte schon einmal zugesagt. Er lebt in Nordirland, also mussten wir ihn nach Dublin schicken, damit er das russische Visum für die Tour bekommt. Die schickten ihn aber nach London weiter, weil er Brite ist. Dann mussten wir ihn nach London fliegen und zu unseren Proben. Gar nicht so einfach. (lacht) Er kommt aus demselben Eck wie Gary Moore und damit haben die Ähnlichkeiten noch lange kein Ende gefunden.

"Krone": Du bist ein Paradebeispiel dafür, dass sich Qualität und Quantität nicht zwingend ausschließen müssen. Gab es auch bei dir Phasen, wo du an einer Kreativitätsblockade gelitten hast?
Airey: (lacht) Manchmal passiert das schon. Du glaubst, du kommst jetzt zur Quelle, aber leider ist sie trocken. Ein sonderbares Gefühl, dass mir auch auf der Bühne passiert. Du denkst dir oft, du spielst gerade fürchterlich und nach der Show erzählen dir die Leute, wie brillant du warst. Da gibt es oft starke Auffassungsunterschiede – leider oft auch umgekehrt. Dass ich glaube, ich bin der Beste und werde dann aber zurechtgestutzt. (lacht)

"Krone": Du hast mit Deep Purple, Ozzy Osbourne, Rainbow, Whitesnake, Jethro Tull, Gary Moore und noch unzähligen anderen gespielt. Mit wem war das Arbeitsverhältnis am schwierigsten?
Airey: Gute Frage. Ich bin der Meinung, dass jeder Künstler mit Talent ein bisschen schwierig ist. Es ist schwer zu sagen, das einzuordnen. Gary Moore und Ritchie Blackmore waren sicher nicht die einfachsten. Die Arbeit mit Ian Anderson von Jethro Tull war anfangs der Horror. Ich habe den Typen nicht ausgehalten. Wir verbrachten aber einmal eine großartige halbe Stunde auf einem Flughafen und konnten vieles klären – von da an ging es gut voran. Es herrscht überall großer Druck und einen Keyboarder wie mich hat man schnell ersetzt, aber so war und ist das Geschäft. Wenn etwas gut ist, ist es nur in den seltensten Fällen einfach.

"Krone": Aber selbst wenn viel Geld und Druck im Spiel ist – ohne den passenden menschlichen Aspekt ist eine Arbeitsbeziehung wohl kaum möglich?
Airey: Das kann schon schwierig sein, weil du mit den Leuten rund um die Uhr zusammen bist. Das ist auch der Grund, warum so viele Bands auseinandergebrochen sind – die konnten nicht miteinander umgehen. Man lernt aber aus dem Showbusiness. Komiker und Schauspieler zeigen dir vor, wie man mit Leuten umgehen und auskommen kann. Es geht um Diplomatie und darum, ruhig zu bleiben. Das mussten wir auch bei Deep Purple lernen. Wenn wir ein Problem haben, dann reden wir heute darüber und versuchen es erwachsen zu lösen. Wenn jemand seine Ruhe will, dann kriegt er sie. Ganz einfach, obwohl es schwer ist. Psychologen haben sich schon oft den Kopf darüber zerbrochen, warum gerade Musiker so eigenartig agieren. Es ist einfach nicht normal.

"Krone": (lacht) Die Heizung fiel über Nacht aus, also wachte ich auf und bin fast erfroren. Dann war auch noch die Batterie leer und wir saßen eine Zeit lang in Velden fest. Niemand bekam ein Frühstück und es gab nicht mal Kaffee. Aber wir haben uns alle zusammengesetzt, Witze darüber gerissen und hatten einen Heidenspaß. Es geht eben auch so. Das Team muss halt passen.

"Krone": Es hat doch jeder Rockstar so seine Allüren. Was sind deine Macken?
Airey: Meinst du Drogen oder so? Nein. Ich kann aber etwas anstrengend werden, wenn ich einen zu viel gekippt habe. Wenn mir dann jemand am Nerv geht, kann ich schon unfreundlich sein.

"Krone": Die Fußballdiskussionen sollte man bei dir, als ausgeprägten Fan des AFC Sunderland, dann wohl weglassen.
Airey: Meine Soloband ist die erste überhaupt in der ich jemals war, wo niemand raucht und niemand über Fußball redet. (lacht) Heute haben sie den Sunderland-Trainer Gus Poyet rausgeworfen und ich war ganz aufgeregt und habe sofort darüber geredet. Hat aber niemanden interessiert. Da war nur blankes Schweigen zu vernehmen. (lacht) Ich habe sofort Ian Paice, den Deep-Purple-Drummer angeschrieben, weil ich das nicht ausgehalten habe.

"Krone": Wenn du von Alkohol sprichst, müssen wir zu Ozzy Osbourne überleiten. Wie war das Touren mit ihm damals? Es ist schwer vorstellbar, dass er jemals nüchtern war.
Airey: Das stimmt gar nicht. An Showtagen hatte er nie getrunken und das waren oft fünf Shows in der Woche. Die Band war wahnsinnig erfolgreich, weil er ein Naturtalent in punkto Öffentlichkeit und Werbung war. An den freien Tagen ging's natürlich rund, aber nicht an den Konzerttagen. Ich war gut fünf Jahre in seiner Band und es war wirklich harte Arbeit. Du lebst nicht lange, wenn du dich täglich vernichten würdest. Das hält niemand aus. Die meisten britischen Musiker nehmen keine Drogen – sie saufen nur. So gut wie jeder amerikanische Rock-Musiker war in der Rehab. Im Prinzip jeder, den ich kenne war irgendwann mal dort. Der einzige Brite, den ich kenne, der auch auf Rehab war, war Ozzy.

"Krone": Ozzy ist aber auch ein besonderes Beispiel für Exzesse.
Airey: In seinem Wahnsinn war aber eine Methode zu erkennen. Er ist verdammt intelligent und ein unglaublicher Sänger. Vor einigen Jahren hatte ich eine Session mit Bob Daisley und wir hatten uns seit den Ozzy-Tagen nicht mehr gesehen. Wir sind fast kollabiert vor lauter lachen, als wir über die alten Zeiten geredet haben. Die Techniker im Studio haben uns geschimpft, aber wir konnten nicht aufhören. Ich erinnere mich an diese Zeiten wirklich mit viel Spaß zurück – aber ich möchte es nicht noch einmal so erleben. (lacht)

"Krone": Es gab auch tragische Phasen. Am 19. März 1982 starb Gitarren-Wunderkind und Ozzy-Bandmitglied Randy Rhoads bei einem Flugzeug-Absturz. Du warst genau in der Maschine davor und bist davongekommen, kannst seither wohl deinen zweiten Geburtstag feiern. Wie hat dich dieses Ereignis als Mensch verändert?
Airey: Das weiß ich noch genau. Ich denke schon, dass das viel verändert hat. Komm doch bitte zur nächsten Frage.

"Krone": Dann schauen wir einfach in die Zukunft – was gibt es von dieser Front zu berichten?
Airey: Ich arbeite noch immer an einem Buch über meine Karriere und habe soeben ein Album mit Piano-Musik beendet. Wir arbeiten auch hart mit Deep Purple an neuem Material und haben viele Shows geplant. Das Leben ist gut zu mir.

"Krone": Was war das beste Projekt, in dem du je mitgemacht hast?
Airey: Das ist kaum zu beantworten. Das Album "Still Got The Blues" (1990) mit Gary Moore ist sicher ganz vorne dabei. Er war da am Zenit seines Könnens. Der beste Gitarrist, mit dem ich je spielte. Bis letzten Dienstag als Simon MacBride losgelegt hat. (lacht)

"Krone": Was auch nicht viele wissen – mit Katrina And The Waves hast du 1997 mit der Nummer "Love Shine A Light" den Song Contest gewonnen.
Airey: Das kam wirklich unerwartet. Ich bin aber sehr stolz darauf, denn ich bin ein Fan dieses Bewerbs. Bei uns zuhause sitzen immer alle zusammen, kippen ein paar Biere und haben eine gute Zeit. Der Song Contest ist immer mit einer großen Party verbunden. Das Ding zu gewinnen war schon großartig.

"Krone": Hat es dich jemals geärgert, dass du trotz all deiner Erfolge immer nur in der zweiten Reihe gestanden bist?
Airey: Ich bin Keyboarder, das ist mein Schicksal. Für mich ist es einfach ein Job. Ich unterstütze den Gitarristen. Rock'n'Roll kommt nicht vom Piano, sondern von der Gitarre.

"Krone": Haben Keyboarder kleinere Egos als Gitarristen oder Sänger?
Airey: Ich hatte nur mit wenigen Ego-Maniacs zu tun. Das sind halt alles Musiker und in gewisser Weise ist das nach außen hin unnormal wirkende normal. Da komme ich wieder zu Ozzy. Bei den Proben war er immer als erster da und ging als letzter. Er war wirklich fleißig und hat seinen Job geliebt. Es ist wie jeder andere Job, nur dass ihn gerne viele ausführen würden. Mittlerweile hat sich ja eine ganze Industrie daraus gebildet, einen Durchschnittstypen zu einem Musiker zu verwandeln, nur weil er ein paar Knöpfe bedienen kann. Jeder will in das Entertainment, hat aber nicht das Recht dazu, auch dort zu sein. Es gibt so viele gute Musiker, die hart arbeiten, aber trotzdem nicht auffallen. Den Kern und die Aussage der Musik so verändert zu haben, ist meiner Meinung nach ein Riesenverlust für die Menschheit.

"Krone": Werden Image und Mode die Wichtigkeit der Musik an sich überholen?
Airey: Mode war doch immer sehr wichtig. Die ganzen Manager, Label-Menschen und Agenten haben keine Ahnung von Musik. Wenn du ihnen sagen würdest, sie sollen einen einfach Song singen, würden sie gnadenlos scheitern. Wenn du die Aufmerksamkeit willst, dann musst du äußerlich glänzen. Das haben diese Leute erkannt und damit kaschieren sie ihre Planlosigkeit bezüglich der Musik.

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