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Bulle in Brasilien

25.05.2012 09:00

Neuanfang mit Glatze und Vollbart für "Max Payne"

Glatze, Vollbart und ein Hawaii-Hemd - rein optisch erinnert nur noch wenig an den alten Max Payne. Seit dessen letztem Auftritt sind mittlerweile allerdings auch gut zehn Jahre vergangen. Höchste Zeit also für die "GTA"-Macher von Rockstar Games, mit "Max Payne 3" einen Neuanfang zu wagen, ohne dabei jedoch auf spielerische Tugenden der populären Vorgänger zu vergessen.

Die Schatten der Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen - davon träumt Max Payne während seiner seltenen lichten, sprich: nüchternen, Momente. Um mit dem Tod seiner Frau und seiner Tochter abzuschließen, flüchtet sich der einstige New Yorker Cop - nicht ganz freiwillig - in einen auf den ersten Blick geruhsamen Job im Ausland: Im brasilianischen Sao Paulo soll er zusammen mit einem alten Bekannten den Aufpasser für einen wohlhabenden Unternehmer und dessen verzogene Familie spielen. Wie zu erwarten, entwickeln sich die Dinge jedoch anders, und statt gemütlich unter Palmen an der Flasche zu hängen, geht es alsbald knallhart und äußerst bleihaltig zur Sache. Die Geschichte wechselt dabei nicht nur zwischen unterschiedlichsten Schauplätzen, sondern springt auch in der Zeit immer wieder vor und zurück - und liefert so die Grundlage für Max Paynes Wandlung vom Alki im Anzug zum Glatzerten im Hawaii-Hemd.

Immer schön langsam
Das eigentliche Spielprinzip ist schnell erklärt: Wahlweise mit bis zu zwei Pistolen gleichzeitig oder einem Gewehr ballert und bahnt sich Max unter Gebrauch der sogenannten "Bullet Time" seinen Weg durch die Schurkenmassen. Das durch den ersten Teil des Spiels überhaupt erst salonfähig gewordene Feature der Zeitverlangsamung, sei es zu jederzeit im Gehen oder in Verbindung mit einem Hechtsprung (dem sogenannten "Shootdodge"), erlaubt es dem Ex-Cop, selbst in Momenten des absoluten Durcheinanders für Ruhe zu sorgen und gezielt mehrere Gegner hintereinander auszuschalten - vorausgesetzt, die entsprechende Bullet-Time-Leiste ist auch prall gefüllt, was durch gut platzierte Treffer und Kills in schneller Folge geschieht.

Die Pille für danach
Ist dies nicht der Fall, schaut es für Max vergleichsweise schlecht aus. Deckungsmöglichkeiten, die per Knopfdruck genutzt werden können, gibt es zwar, allerdings reagiert der Feind dank guter KI recht rasch auf feige Versteckmanöver und sucht sich einen Weg über die Flanke. In Bewegung bleiben, lautet daher die Devise, und immer schön auf den Rücken achten. Hinterhalte gibt es schließlich reichlich und, anders als mittlerweile vielfach üblich, ist Max nicht mit einer sich automatisch regenerierenden Gesundheitsanzeige gesegnet. Um zu überleben, braucht es stattdessen Schmerzmittel, die zu finden schwer sein kann. Erst recht, wenn es schnell gehen muss, um das Missionsziel, etwa bei Verfolgungsjagden, nicht zu verfehlen.

Für Amateure wie Profis gleichermaßen geeignet
Selbst im einfachsten von insgesamt fünf Schwierigkeitsgraden können die Pillenvorräte jedoch schneller erschöpft sein als einem lieb ist, was gerade anfangs häufig auf die standardmäßig deaktivierte Unterstützung beim Zielen zurückzuführen ist. Unterschiedlich starke Zielhilfen schaffen diesbezüglich Erleichterung, erschweren dem Spieler im Gegenzug jedoch, bewusst andere Ziele ins Visier zu nehmen. Ein explodierendes Auto kann schließlich auch wahre Wunder wirken. Definitiv nur für Profis geeignet ist übrigens die erst freischaltbare "Hardcore"-Stufe: Hier genügt bereits ein einziger Treffer, um Max über den Jordan zu schicken. Die automatisch gesetzten Checkpoints sind in der Regel aber fair verteilt, sodass man im Falle des eigenen Ablebens zumeist unmittelbar vor der Action wieder einsteigen kann.

Jeder Satz ein Treffer
Wodurch sich "Max Payne 3" von anderen Third-Person-Shootern unterscheidet und positiv abhebt, ist allerdings weniger das spielerische Element als vielmehr das "Drumherum" – allen voran die Geschichte mit ihren authentisch wirkenden Charakteren. Wie für ein Rockstar-Game typisch, schenkten die Entwickler vor allem Max' Monologen mit Tausenden Zeilen an Text größte Aufmerksamkeit und erzeugen dadurch eine Atmosphäre, die man bei anderen Genrevertretern vergeblich sucht. Hinzu kommen zahlreiche Dialoge und kleinere Begegnungen zwischendurch, die für den weiteren Fortgang der Geschichte zwar nicht unbedingt bedeutsam sind, dieser aber mehr Tiefe verleihen und so zum stimmigen Gesamteindruck beitragen. Rockstar-typisch ist allerdings auch, dass die Sprache im Original belassen wurde. Wer des Englischen nicht mächtig ist und inmitten eines Schusswechsels gerade keine Zeit haben sollte, ein Auge auf die Untertitel zu werfen, verpasst daher möglicherweise den einen oder anderen markigen Sager.

Liebe bis ins kleinste Detail
Neben dem Inhaltlichen weiß "Max Payne 3" aber auch auf technischer Ebene zu überzeugen. Vor allem die mithilfe der von "GTA IV" bekannten Euphoria-Engine erstellten Animationen lassen selbst kleinste Bewegungsabläufe realistisch erscheinen. So rollt sich Max nach seinen Hechtsprüngen je nach Aufprall nicht nur unterschiedlich ab, sondern klemmt sich etwa auch seine Flinte unter den Arm, um mit der anderen Hand das Pistolenmagazin wechseln zu können. Hervorhebenswert ist überdies, dass "Max Payne 3" praktisch von vorne bis hinten ohne Ladeunterbrechungen auskommt: Zwischensequenzen und Spielhandlung gehen nahtlos ineinander über und erlauben somit ungestörten Spielspaß.

Online-Bandenkriege im Multiplayer
Letzterer findet mit "Max Payne 3" erstmals auch online seine Fortsetzung. Neben kompetitiven und kooperativen Spielmodi wie (Team-)Deatchmatch und "Payne Killer", in dem der Spieler mit dem ersten Kill in Max' Rolle schlüpft und fortan möglichst lange am Leben bleiben muss, hält der Multiplayer-Part auch einen handlungsbasierten Team-Modus namens "Gang Wars" bereit. Dabei bestimmt der Ausgang jedes Matches über die Handlung und Spielmodi der nächsten fünf Runden. Spieler steigen im Rang auf und schalten dadurch etwa neue Waffen, Outfits für den Avatar oder Spezialfähigkeiten, sogenannte Bursts, frei.

Einzelspieler können sich außerdem neben dem Storymodus über drei weitere Spielvarianten freuen: Während Max im Arcade-Modus gegen die Uhr antritt und möglichst schnell möglichst viel Zerstörung anzurichten versucht, gilt es in "Score Attack", durch verschiedene Arten von Schüssen und Kills den Highscore zu knacken. In "Eine Minute in New York" hat der Spieler wiederum die Aufgabe, so lange wie möglich zu überleben. Jeder Treffer bringt zusätzliche Sekunden auf dem Zeitkonto ein. Ist dieses hingegen leer, ist das Spiel vorbei.

Fazit: Zugegeben: "Max Payne 3" ist - nüchtern betrachtet - recht simpel gestrickt. Ballern und dabei die Zeit verlangsamen, das war's. Dass dabei trotzdem keine Langeweile aufkommt, ist dem großen Talent der Story- und Dialogautoren zu verdanken, die Max Payne und Co. mit ihren Texten Leben einhauchen. In Verbindung mit den zahlreichen, nahtlos ineinander übergehenden Zwischensequenzen mit Comic-Elementen und einem Hauch Film Noir, schafft der Titel so eine atmosphärische Dichte, die weit über das übliche Storytelling derzeit gängiger Shooter hinausgeht. Nimmt man zur ohnehin schon umfangreichen Einzelspieler-Kampagne dann noch den nicht minder ausgestatteten Multiplayer-Part hinzu, müssen auch alteingesessene Fans der ersten beiden Spiele eingestehen, dass sich die fast zehnjährige Wartezeit auf die Fortsetzung mehr als gelohnt hat.

Plattform: Xbox 360 (getestet), PS3, PC (ab 1. Juni)
Publisher: Rockstar Games
krone.at-Wertung: 9/10

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