Mo, 20. November 2017

„Krone“-Interview

08.10.2011 17:00

Arzt: „Habe keine Angst, dass sie mich hinrichten“

In Dubai droht ihm die Todesstrafe. In Bad Ischl kämpft seine Frau gegen den Krebs. Ein Arzt, zerrissen zwischen zwei Dramen. Ohne Chance auf ein Happy End. Im Interview mit der "Krone" spricht Eugen Adelsmayr über Angst, Hoffnung und eine Entscheidung, die nur ganz wenige verstehen.

"Krone": Herr Dr. Adelsmayr, fliegen Sie wirklich nach Dubai zurück?
Eugen Adelsmayr: Ja, in fünf Tagen. Ich habe den Diplomaten des Außenministeriums, die für mich gekämpft haben, mein Wort gegeben und dazu stehe ich. Gegen dieses Wort darf ich nach jeder Verhandlung wieder zurück nach Österreich.

"Krone": Ihr Wort steht gegen das Risiko, zum Tode verurteilt zu werden. Warum gehen Sie es ein?
Adelsmayr: Einige Freunde sagen: Bist du verrückt? Europa ist doch groß genug für den Rest deines Lebens. Außerhalb der EU würde ich aber sofort festgenommen, stünde bis ans Ende meiner Tage auf der Interpol-Fahndungsliste als mutmaßlicher Mörder. Es fällt mir schwer, meine Entscheidung zu rationalisieren. Ich mache das aus dem Bauch heraus. Ich kann gar nicht anders.

"Krone": Wie denken Sie über den Tod?
Adelsmayr: Ich habe keine Angst, dass sie mich hinrichten. Ich habe eher Angst davor, in einem arabischen Gefängnis zu landen. Zwei Räume für 140 Häftlinge und nur zwei Klos. Da weiß ich nicht, ob die Todesstrafe nicht besser wäre. Sicher weiß man das erst, wenn man in der Situation ist. Jeder hängt auch am Leben und vielleicht bin ich dann heilfroh, wenn ich noch 20 Jahre in einer Zelle verbringen darf.

"Krone": Stimmt es, dass Ihre Frau todkrank ist?
Adelsmayr: Dieses Wort tut weh, es klingt so hoffnungslos... Meine Frau ist schwer krank. Da wird jeder Tag, jede Stunde wertvoll. Aber es ist immer Hoffnung da.

"Krone": Tut es nicht auch sehr weh, wenn Sie Ihrer Frau als Arzt nicht helfen können?
Adelsmayr: Medizinisch kann ich ihr nicht helfen, aber hier zu Hause bin ich ja nicht in der Rolle des Arztes. Der braucht Distanz, um seinen Job zu machen. Ich bin Familienvater, Ehemann. Nur so kann ich den emotionalen Teil abdecken.

"Krone": Warum bleiben Sie dann nicht da?
Adelsmayr: Ich habe schon meine schwachen Momente... Wenn ich durch Bad Ischl spaziere, ist Dubai ganz weit weg. Da frage ich mich manchmal, ob es das ganze wirklich wert ist. Ob meine Reputation in Dubai nicht völlig egal ist?

"Krone": Aber?
Adelsmayr: Aber entweder bin ich ein hoffnungsloser Optimist oder grenzenlos naiv, die Grenze ist wahrscheinlich schwammig. Tatsache ist: Ich habe nichts Unrechtes getan! Ich habe im Gegenteil sechs Jahre lang einen Superjob gemacht, zwei tolle medizinische Abteilungen aufgebaut. Sogar der Scheich hat sich das angeschaut, bis ganz oben sind wir gelobt worden - und dann das. Deshalb will ich mich nicht auf diese Art abfertigen, als Mörder hinstellen lassen.

"Krone": Worum geht es da? Um Ehre?
Adelsmayr: Ehre ist so ein großes Wort. Aber mir fällt kein kleineres ein.

"Krone": Bittet Ihre Frau Sie nicht auch, in Österreich zu bleiben?
Adelsmayr: Sie drängt mich nicht zu bleiben, aber sie hindert mich auch nicht zu gehen.

"Krone": Haben Sie nicht Angst, dass Sie genau dann, wenn Ihre Frau Sie am meisten braucht, nicht da sind?
Adelsmayr: Doch, die habe ich immer gehabt. Meine Frau ist eigentlich das Opfer dieser ganzen Sache. Bei uns war es so, dass ich meine bedrohliche Situation verschwiegen habe, um sie nicht zu beunruhigen. Und sie wollte mich nicht mit ihrer Krankheit belasten. So sind die Monate vergangen. Und dann war plötzlich alles schon sehr weit fortgeschritten.

"Krone": Warum waren Sie ohne Ihre Frau in Dubai?
Adelsmayr: Das hat sich so entwickelt. Es war ja nie geplant, dass ich sechs Jahre bleibe. Erst war ich nur als Urlaubsvertretung dort. Dann kam das Angebot, die Intensivstation am Rashid Hospital Dubai zu leiten. Das war ein großer Karriere-Schritt für mich. Aus einem Jahr wurden zwei usw. Meine Frau wollte nicht nachkommen, wegen den Kindern, dem Hund und dem Haus... Als Hausfrau kann man in Dubai nicht viel machen. Meine Familie war oft unten, ich war oft da. Das ist gut gegangen.

"Krone": Bis zum 21. Februar 2009. Da ist ein Patient in Ihrer Klinik gestorben. Tragen Sie als Leiter der Intensivstation nicht trotzdem eine gewisse Verantwortung?
Adelsmayr: Nein, nicht einmal ein Organisationsverschulden, denn dieser Mann ist von verschiedensten Ärzteteams visitiert worden, alle waren zur selbstständigen Ausübung ihres Berufes berechtigt, ich war ja dort nicht der Alleinverantwortliche, wie es jetzt hingestellt wird.

"Krone": Warum wurden Sie angezeigt?
Adelsmayr: Das Ganze ist eine Intrige zweier Kollegen gegen mich, die ich schlecht beurteilt hatte. Das habe ich vielleicht unterschätzt. Als der Patient gestorben ist, und zwei Tage davor, war ich gar nicht an der Klinik. Trotzdem behaupten diese Ärzte, meine Anweisungen, das Morphium zu erhöhen und den Sauerstoff zu reduzieren, hätten dem Patienten geschadet. Eine falsche Behauptung genügt in Dubai und man hat die größten Probleme.

"Krone": Sind Ihre Gedanken manchmal auch beim Toten?
Adelsmayr: Ja. Das war ein ganz armer Teufel, der vom Stockbett seines Lagers gefallen ist. Der Leichnam ist auch nicht abgeholt worden, den wollte einfach niemand haben. Eine ganz traurige Geschichte eines Zeitarbeiters aus einem dieser Arbeitercamps am Rande der Stadt. Die kommen für einen Bettellohn von 800, 900 Dirham, das sind weniger als 200 Euro, aus Indien oder Pakistan und schuften bei bis zu 50 Grad im Straßenbau.

"Krone": Und ziehen die Glitzertürme der Wüstenstadt hoch. Mögen Sie die Stadt noch?
Adelsmayr: Dubai hat für mich seinen Glanz verloren. Ich habe einfach zu weit hinter die Kulissen geschaut. Trotzdem vermisse ich das Meer. Ich bin viel geschwommen. Die Freunde unten. Und ich vermisse meinen Job.

"Krone": Möchten Sie wieder als Arzt arbeiten?
Adelsmayr: Ja, denn mit dem Geld wird es auch schön langsam knapp. Ich habe seit zwei Jahren nur noch Ausgaben und wenig Einnahmen.

"Krone": Waren die Medien eher ein Fluch oder ein Segen?
Adelsmayr:
Ein Segen, eine große Hilfe. Ich bin der "Krone", die die Geschichte ins Rollen gebracht hat, sehr dankbar.

"Krone": Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie sicher sind Sie, dass das noch gut für Sie ausgehen kann?
Adelsmayr: Sieben. Ich vertraue irgendwie doch darauf, dass die Justiz in Dubai diese Intrige aufklärt. Aber es wird auf alle Fälle noch viele Monate dauern. Dazwischen darf ich aber nach Hause zu meiner Familie.

"Krone": Und wenn es schlecht ausgeht?
Adelsmayr: Es ist sicher ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Trotzdem habe ich keinen Plan B. Ich will es einfach nicht glauben, dass es schlecht ausgehen könnte, weil die Fakten so für mich sprechen.

"Krone": Was gibt Ihnen die Kraft?
Adelsmayr: Ich bin gläubig. Und sicher, dass ich das Richtige tue. Doch auch wenn ich den Prozess gewinnen sollte, habe ich die Schlacht verloren.

"Krone": Herr Dr. Adelsmayr, was würde Ihre Frau sagen, wenn sie jetzt da wäre?
Adelsmayr: Wird schon wieder. Wir sind beide, jeder auf seine Art, hoffnungslose Optimisten.

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