Mi, 13. Dezember 2017

"Krone"-Reportage

08.08.2010 14:16

Gehörloser Grazer tourte per Motorrad durch die Welt

Der gehörlose Grazer Istvan Marko hat sich seinen großen Lebenstraum erfüllt - in einem Jahr fuhr der 32-Jährige auf seinem Motorrad 60.700 Kilometer weit durch vier Kontinente.

Istvan Marko ist seit seiner Geburt gehörlos. Vor Kurzem ist er mit seinem Motorrad von einer einjährigen Weltreise zurück nach Graz gekommen. Dort lebt der gebürtige Ungar mit seiner Frau und der kleinen Tochter. 60.700 Kilometer liegen hinter ihm. Und viele Abenteuer und Begegnungen mit anfangs fremden Leuten, deren Lebensweisen und für ihn fremden Kulturen.

Geräuschlose Reise
Istvan Marko hört sie nicht, aber hat die Kontakte mit den Menschen sicher eindrucksvoller empfunden als andere Globetrotter. "Worte", schreibt er in seinem Reisebericht, der dieser Geschichte als Informationsquelle diente, "sind nicht wichtig. Wenn man sich mit Mimik und Gestik verständigt, spürt man sein Gegenüber noch intensiver." Er hat's erlebt und er muss es wissen. Natürlich gibt's in jedem Land der Welt Gehörlose und Menschen, die die Gebärdensprache beherrschen - "viele Zeichen sind international und werden von jedem verstanden" -, auf die trifft man, wenn man so unterwegs ist, wie Istvan Marko, halt nur selten. Aber mit seinen Händen und der entsprechenden Mimik ist er bestens ausgekommen.

Lebenstraum erfüllt
Der 32-jährige Motorrad-Freak hat sich nach langer Planung und eisernem Sparen seinen Lebenstraum erfüllt. Im Internet hatte er nach Erfahrungsberichten anderer Weltreisender gestöbert. Und jede Schraube, die eine Panne am Motorrad verursachen kann, kennengelernt. "Ein Freund hat mir gezeigt, was alles schiefgehen könnte, wir haben das Reifen- und Kettenwechseln geübt, sind in unwegsames Gelände gefahren und ich habe gelernt, wie man das Gerät allein befreien kann, wenn es im Schlamm feststeckt."
Gattin Romy hat das Unternehmen von Anfang an voll unterstützt. Gemeinsam hat man 20.000 Euro gespart, die als Reisebudget genügen mussten. "Ich hab sein Fernweh immer verstanden", schreibt sie.

Ganz normales Leben mit Behinderung
Romy ist ebenfalls gehörlos und weiß - wie er -, "dass man mit dieser Behinderung ein völlig normales Leben führen kann." Daheim in Graz beweisen es beide täglich in ihren Berufen, Istvan konnte sich auf seiner Abenteuer-Reise davon überzeugen, dass es auch anderswo auf der Welt nicht anders ist. Das erste einprägende Erlebnis hatte er in Jordanien: "Menschen, die selbst nichts hatten, haben mich eingeladen, bei sich zu übernachten. Sie leben in einer Steinhöhle und haben ihr Essen mit mir geteilt." An der Grenze zum Sudan kam dann die erste große Enttäuschung: "Wegen des Bürgerkrieges und einer Hochwasserkatastrophe durfte ich nicht einreisen. Deshalb musste ich mein Budget strapazieren und nach Kenia fliegen."

Vielen hilfsbereiten Menschen begegnet
Tankstellen gab's in Afrika kaum. "Benzin kriegt man aus Kübeln oder Flaschen - vor dem Tanken habe ich immer einen Geruchstest gemacht, ob es auch tatsächlich Benzin war, das man mir verkaufen wollte." In Sambia und Namibia beeindruckte ihn die gewaltige Natur und "dass ich mit einem zahmen Luchs kuscheln durfte". Als er endlich am Kap der guten Hoffnung stand, hatte er bereits 18.000 Kilometer hinter sich. Dort wurde das Motorrad auf ein Schiff verfrachtet, das nach Buenos Aires fuhr. Er selbst setzte sich ins Flugzeug. "Ich hab dort drei Wochen warten müssen, bis der Frachter ankam. Während dieser Zeit bin ich vielen hilfsbereiten Menschen begegnet."

Unvergessen bleibt die Fahrt nach Feuerland. "Die Straßen in Südamerika waren besser als die afrikanischen Pisten. Ich bin deshalb auch schneller vorangekommen. Es ging durch Uruguay, Paraguay und Brasilien bis nach Bolivien. Dort war's mit den "Traumstraßen" allerdings vorbei. "Schlamm, Sand, Steine und Staub, dazu dichter Nebel im Hochland. Dabei bin ich mehrmals nur knapp Unfällen entgangen." Noch schlimmer war's in Ecuador, das er nach der Fahrt durch Chile und Peru erreichte. "Dort habe ich die gefährlichste, steilste und schmalste Piste auf der ganzen Weltreise erlebt."

Von Kolumbien ging's per Fähre nach Panama, "weil es zwischen diesen beiden Ländern keine Straße gibt." In Costa Rica und den anderen mittelamerikanischen Ländern ("ein Paradies") konnte er sich von den Strapazen erholen bevor er Mexiko erreichte. "Hier habe ich mithilfe neuer Freunde einen günstigen Flug nach Südkorea buchen können." Über Japan ("dort hat man meinen österreichischen Führerschein nicht akzeptiert, ich habe einen neuen machen müssen") gelangte Istvan Marko per Fähre nach Russland, dort bis Moskau und weiter durch die Ukraine, Moldawien, Rumänien und Ungarn, bis er exakt 365 Tage nach seiner Abreise in Graz die Familie wieder in die Arme schließen konnte.

Ankunft daheim "am schönsten"
Kommentar: "Die Reise war zwar gewaltig, aber am schönsten war mit Sicherheit die Ankunft daheim!" Hinter ihm liegen 60.700 Kilometer und 40 Länder. "Ich habe 3.020 Liter Benzin verbraucht, hatte neun zum Glück nicht sehr schwere Unfälle, und musste mir in Korea einen Zahn ziehen lassen. Dazu kamen elf Reifenpannen und fünf Kettenerneuerungen", zieht er Bilanz. Seine Erlebnisse will er nun – garniert mit den vielen Fotos, die er davon mitgebracht hat – in Buchform festhalten. Verleger gesucht!

von Werner Kopacka, "Steirerkrone"

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