Fr, 27. April 2018

„Krone“-Reportage

17.03.2018 20:15

Pulverfass Libanon - die Lunte brennt!

Nach sieben Kriegsjahren ist Syrien eine Wüste aus Blut und Tränen. 1,7 Millionen Syrer sind in den Libanon geflohen wo UNO-Blauhelme, unter ihnen 190 Österreicher, einen Flächenbrand im Nahen Osten verhindern sollen.

Beirut, einstiges Paris des Nahen Ostens. Märchenhaftes Mittelmeerjuwel aus „Tausendundeiner Nacht“ – brummend setzt Österreichs „Air Force Nr. 1“, eine Hercules-Transportmaschine, auf dem Flughafen der libanesischen Hauptstadt auf. Allein die Sicherheitseskorte für Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ), General Othmar Commenda und die Wehrsprecher der Parlamentsparteien unterstreicht die Einschätzung der brisanten militärischen Lage: Ein Dutzend bis an die Zähne bewaffneter Bodyguards der Militärpolizei sichert die rot-weiß-rote Delegation. Denn heute ist die Realität in der pulsierenden Hafenstadt – nur 50 Kilometer Luftlinie vom Bürgerkriegsland Syrien entfernt – eine andere als vor Jahren.

Israel: Wir bombardieren das Land in die Steinzeit
Die Sorge vor einem Flächenbrand, sprich dem Ausbruch eines dritten Libanonkriegs ist evident. Schließlich hat Israel erst vergangenen Monat wörtlich gedroht, „den Libanon notfalls auch zurück in die Steinzeit zu bombardieren“. Der Hintergrund: Die verfeindete libanesische Schiitenmiliz Hisbollah hat laut eigenen Angaben Zehntausende Raketen – von Katjuscha-Kurzstreckenraketen bis zu Mittelstreckengeschossen – eingebunkert.

Waffen, die Israels Todfeind Iran wohl über Syrien in den Südlibanon geschmuggelt hat. Scharfe Sprengkörper, um Richtung Israel abgefeuert zu werden, mit einer Reichweite bis nach Tel Aviv. Und genau durch dieses Hisbollah-Gebiet geht nun unsere Fahrt.

10.500 Friedenssoldaten aus knapp 40 Nationen
„Aufsitzen!“ Nachdem Minister Kunasek samt den Abgeordneten per Helikopter ins UNIFIL-Camp (United Nations Interim Force in Lebanon) abgeflogen ist, folgt der Tross im Bus nach Naquora, dem Blauhelm-Hauptquartier im Süd-Libanon. Nur fünf Kilometer von der israelischen und 50 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Derzeit sind dort 190 Österreicher als Teil einer 10.500 Mann starken UN-Truppe im Land stationiert.

Begleitet wird unser Bus von „Jammer-Jeeps“. „Das sind militärische Geländefahrzeuge. Ausgestattet mit Störsendern, um Sprengstofffallen entlang der Strecke aufzuspüren“, klärt uns Frau Zugsführer Barbara H. aus Altenberg (OÖ) auf.

Die attraktive Soldatin (34) gehört als eine von neun Frauen zum rot-weiß-roten Kontingent. Dass diese Mission nichts für Mäderln ist, wurde auch ihr schnell klar. Auch wenn die Österreicher „nur“ für Logistik, Transport und die Feuerwache im UN-Camp zuständig sind. Der sechs Monate dauernde Einsatz an der Mittelmeerküste ist hart. Alles andere als eine Sunshine-Mission.

Guterres: Ein Funke kann den Konflikt entfachen!
Es herrscht striktes Ausgangsverbot aus der zwei Kilometer langen und fünfhundert Meter breiten Militärbasis. „Die Lage im Einsatzgebiet ist stabil, aber ebenso fragil“, so Kontingentskommandant Oberst Johannes Sedlaczek.

Er bringt diplomatisch auf den Punkt, was UN-Generalsekretär António Guterres vor Kurzem zur Eskalationslage zwischen Israel und dem Libanon erklärt hat: „Es genügt ein Funke, um den Konflikt zu entfachen! Der schlimmste Albtraum wäre, wenn es eine direkte Konfrontation zwischen Israel und der Hisbollah gäbe. Die Zerstörung wäre desaströs. Also gibt es gravierende Sorge wegen dieser Situation.“

Dass diese zerbrechliche Zone auch Thema der Weltpolitik ist, zeigt ein skurriler Anblick beim Lokalaugenschein: Drei Tage vor der Wahl in Russland blickt Präsident Putin gleich von mehreren Plakatwänden ins Hisbollah-Gebiet (!). Offenbar um zu symbolisieren: „Ich bin auch hier und stehe voll hinter euch …“

„Unser Friedensbeitrag im Nahen Osten!“
Angesichts dieser angespannten Umstände dankt Minister Kunasek unseren Blauhelmsoldaten für ihren mutigen „Fronteinsatz“: „Sie leisten Österreichs Friedensbeitrag im Nahen Osten – viel Soldatenglück!“

Christoph Matzl, Kronen Zeitung

DER LIBANON:
Mit 10.542 Quadratkilometern ist das Land im Nahen Osten etwas kleiner als Tirol. Zu den 4,5 Millionen Einwohnern kommen rund 1,7 Millionen Flüchtlinge aus dem angrenzenden Syrien. Die Hisbollah („Partei Gottes“) ist eine paramilitärische schiitische Organisation, die auch in der Nationalversammlung vertreten ist.

UNIFIL:
Seit 2011 beteiligt sich Österreich mit einer Transport- und einer Logistikeinheit an der 10.500 Mann starken UNIFIL-Truppe (United Nations Interim Force in Lebanon). Aufgabe: Aufflackern des Konflikts zwischen Israel und dem Libanon zu verhindern. Sold: Ein Soldat verdient rund 4000 Euro netto im Monat.

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