So, 25. Februar 2018

„Krone“-Interview

08.02.2018 07:00

Simple Minds: Mit der richtigen Portion Egoismus

Seit mittlerweile 40 Jahren halten Sänger Jim Kerr und sein Jugendfreund, Gitarrist Charlie Burchill, die Kultband Simple Minds auf Kurs. Nach den glorreichen 80er-Jahren stürzte die einstige Stadioncombo für einige Zeit in die Bedeutungslosigkeit ab, gab sich aber nie auf und veröffentlichte regelmäßig neue Studioalben. Mit "Black & White 050505" kehrte das schottische New-Wave-Kollektiv wieder ins breitere Bewusstsein zurück, das brandneue Studiowerk "Walk Between Worlds" sollte die Simple Minds weiterhin als Erfolgsband im dritten Frühling präsentieren. Wir trafen Frontmann Kerr in Berlin zum gemütlichen Plausch über Hitzköpfigkeit, annektierte Verstärker, die Gruselatmosphäre in der Abbey Road, biedere Alltagsautos und die Freude, vom Fan zum Vorbild mutiert zu sein.

"Krone": Jim, dieser Tage veröffentlichst du mit deinen Simple Minds euer neues Album „Walk Between Worlds“, das klanglich eine gute Mischung aus den erfolgreichen 80er-Jahren und der Neuzeit der Band ist. War es bewusst ein Ziel, diese Phasen auf dem Album zusammenzuführen?
Jim Kerr:
Wir wissen aus der Erfahrung, dass sich erst nach der Hälfte der Albumaufnahmen eine wirkliche Strategie über die Ausrichtung herausbildet. Dann sieht man nämlich erst, was man schon hat und in welche Richtungen man sich entwickeln kann. Der Vorsatz ist aber ohnehin immer derselbe. Die einen wollen klassische Simple Minds hören, die anderen zeitgemäße, moderne. Das ist nur leider ein Widerspruch in sich. (lacht) In der Realität sollte das perfekte Album von uns aber all das zusammenfassen. Es scheint zumindest so zu sein, dass uns das mit „Walk Between Worlds“ halbwegs gelungen wäre. Die Produktion gibt dem Album ein Gefühl von juveniler Frische, die Songs sind eher traditionell strukturiert.

Die erste Hälfe des Albums nimmt starke Anleihen an die New-Wave-Ära, die zweite Hälfte klingt sehr cinematisch und breit. Wolltet ihr damit der Schallplatte huldigen? Dass das Album klar in eine A- und eine B-Seite aufgeteilt wird?
Ursprünglich hatten wir etwa 18 Ideen für Songs und mussten die dann auf ein Albumformat herunterkürzen. Irgendwann musst du dir überlegen, welche zehn oder elf Songs genug Qualität haben, um übrigzubleiben. Es geht aber auch darum, wie die Songs zusammenpassen und da Vinyl mittlerweile wieder populärer wird, war das sicher auch eine Überlegung. Am Ende mussten wir aber herausfinden, wie sich die Geschichte am besten erzählen lässt. Die erste Hälfte ist für mich sehr poppig und jugendlich ausgefallen. Allein schon durch Songtitel wie „Summer“, „Magic“ oder „In Dreams“. Die Arrangements sind sehr dicht und modern, aber der zweite Teil des Albums ist schwerer geraten. Die Songs dürfen auch mal sechs, sieben Minuten dauern und brauchen mehr Zeit, um sich zu entfalten, weil wir sie üppiger und orchestraler ausgestattet haben. Der Erzählstrang war uns wichtiger, als die Songs einfach gedankenlos auf das Album zu werfen.

Genau da liegt ja die Teilung in Vergangenheit und Gegenwart des Simple-Minds-Sounds.
Das ist korrekt. Und es gibt Überraschungen. Wer hätte sich gedacht, dass Charlie Burchill wie auf „Barrowland Star“ einmal ein zweieinhalbminütiges Gitarrensolo spielen wird? Oder die klassischen Referenzen, die du immer wieder heraushörst? Das sind die neuen Elemente, die alles spannend hielten und nach denen wir suchten. Man braucht immer die richtige Mischung aus Gewohntem und Neuem. Wir sind vielleicht nicht zu den keltischen Elementen von „Belfast Child“ zurückgekehrt, aber durchaus zu elektronischen oder tanzbaren Parts aus der Vergangenheit. Das haben wir lange nicht mehr gemacht und war in dem Fall okay für uns. Manches haben wir einfach wiederentdeckt.

Ihr habt das Album in den ehrwürdigen Abbey Road Studios aufgenommen. Forciert dieses Studio mit so viel Legende und Geschichte ein Album aktiv in eine bestimmte Richtung?
Da steckt Ironie drinnen. Auf unserem ersten Album „Life In A Day“ arbeiteten wir mit einem Produzenten namens John Leckie und der war damals ein Junge, der dort sein Handwerk lernte mit Bands wie den Beatles, Queen oder Pink Floyd zu tun hatte. Wir waren nur an wenigen Wochenenden in London und er sagte uns, wir hätten eine Woche für alles Zeit, um in den Abbey Road Studios aufnehmen zu dürfen. Das war für so junge Musiker wie uns natürlich magisch. Die Hälfte der Band war unglaublich inspiriert von diesem Studio, die andere Hälfte, von der ich ein Teil war, war viel zu überwältigt von all dem und konnte nicht seine Bestleistungen abliefern. Für mich war das wie zu einer Prüfung zu gehen, so nervös war ich. Da war ein Beatles-Mikrofon und dieses Mellotron benutzten Pink Floyd – ich war total blass und erstarrt. Wir sind dann bis zu diesem Album nie mehr an die Abbey Road zurückgekehrt, aber dieses Mal hatte ich mich im Griff. (lacht) Natürlich ist es immer noch cool, dass dort ein Orchester an „Eleanor Rigby“ arbeitete, aber ich kann mittlerweile auf Augenhöhe dort arbeiten.

Heute ist es so, dass viele junge Künstler derart respektvoll über euch und euer Werk reden. Behagt dir die Rolle des Idols, die man als Sänger bei Simple Minds unweigerlich einnimmt?
Das ist schon schön. Wir sind ja selbst noch immer beeinflusst von David Bowie, The Doors, Lou Reed oder Bryan Ferry – das hörst du auch auf diesem Album. Das war damals so und hat sich bis heute nicht geändert. Irgendwann findet man aber seinen eigenen Stil und kann damit auch andere inspirieren. Manche Bands schaffen es sogar nach niemand anderem zu klingen, aber prinzipiell hat jeder seine Grundpfeiler, auf die er sich stützt. Falls es uns gelingt, anderen zu helfen oder sie zu beeinflussen, dann ist das für mich cool.

„Barrowland Star“ ist ein interessanter Song über eine Venue in Glasgow, in der ihr schon in jungen Jahren oft gespielt habt und die sehr prägend für euch war. Gerade jetzt zum 40-Jahre-Jubiläum der Band stellt sich die Frage, ob du mit Leib und Seele Nostalgiker bist?
Das bin ich durchaus, aber nicht bedingungslos. Das Wort Nostalgie hat einen schalen Beigeschmack und kann schnell pathetisch werden, denn die Vergangenheit ist nun einmal vorbei. Du kannst nicht zurück und es gibt noch keine Zeitmaschinen. Manchmal kannst du dich aber in eine gewisse Phase deines Lebens hineinversetzen und daraus etwas Gutes für die Gegenwart herausziehen. Als ich gestern Abend in Berlin ankam, kamen auch schöne Erinnerungen hoch, als wir 1987 hier gewesen sind. Du kannst nicht in diese Zeit zurückgehen, fühlst aber eine Verbindung zu ihr. Man ist ja auch was man ist, weil man diese Erfahrungen machte – das ist dasselbe wie bei der Musik. Viele Bands hören auf, neue Musik zu erschaffen und leben von ihrer Vergangenheit, weil sich ohnehin nichts mehr verkaufen lässt. Sie sind lieber ihre eigene Tribute-Band, als kreativ nach vorne zu schauen. Für uns kann das nicht funktionieren. Ich habe erst heute Morgen an einem Song gearbeitet, das ist nun mal in mir drinnen. Kreative Menschen müssen immer an etwas arbeiten. Wir schreiben ein neues Kapitel in einem Buch und das erfrischt uns wieder aufs Neue. Wir schauen gerne einmal zurück und holen uns Inspirationen daraus, aber wir flüchten uns nicht in die Vergangenheit. Viele Künstler haben bestimmte Facetten, die sie darstellen. Bruce Springsteen etwa als Working-Class-Hero, der immer hart arbeitet. Peter Gabriel oder David Bowie hatten auch ihre Figuren, die sie verkörperten. Jeder lebt mit seiner Geschichte, so ist das auch mit den Songs und einer Karriere.

Die Legende besagt, dass ihr bei eurem allerersten Konzert auf einer Kinderweihnachtsfeier „Heroin“ von Velvet Underground gecovert und damit etwas verstört habt.
(lacht) Die haben geweint. Die Eltern fragten uns, was wir da aufführen. Welche Kinder? Wir sind die Kinder. (lacht)

Habt ihr diese Art von Provokation genossen?
Wir waren einfach etwas irre und wilde Jungs damals. Wir haben uns mit dieser Rolle des Bösen so identifiziert, dass wir alles um uns herum ausgeblendet haben. Vielleicht sind wir manchmal einen kleinen Schritt zu weit gegangen.

Du warst in deinen jungen Jahren also ein richtiger Punk.
Ich habe eine Geschichte für dich. Unlängst spazierte ich an einem der raren Sommertage in Glasgow an den Cafés entlang, als mich plötzlich ein Typ ansprach, der mit seiner Frau dort saß und den Tag genoss. Ich habe anfangs nicht ganz verstanden, wer es war. Er hat sich dann als Graham Shant vorgestellt. Ich konnte mich an Name und Gesicht erinnern, es aber nicht wirklich zuordnen. Im Endeffekt kam ich drauf, dass er damals die Verstärkeranlagen hatte und uns am Anfang oft damit aushalf. Er sagte dann, er könne sich erinnern, dass ich ihn verprügelte und ich fragte nach, was da genau passierte. Ich war kein Kämpfer, aber ein Hitzkopf. Der Grund war offenbar, dass ich seine Anlage ausborgte, er sie zurückwollte, mir das aber nicht passte. Er hatte einen reichen Dad und ich sah keine Veranlassung, ihm die Verstärker zurückzugeben – zumal damals extra ein Typ aus London kam, um uns zu sehen wegen eines Vertrags. Wir waren damals aber alle so ichbezogen, dass ich heute darüber lachen muss. Ich entschuldigte mich bei ihm, aber er gab mir später für meine Aktion Recht. Ich fragte ihn, ob ich ihn und seine Frau zum Essen einladen dürfe und so habe ich im Endeffekt Jahrzehnte später die Verstärker bezahlt, die ich ihm niemals zurückgab. (lacht) Das ist ein gutes Beispiel davon, wie egoistisch und wahnhaft wir als junge Männer agierten.

Wie hast du dann den Weg zur inneren Ruhe gefunden? Kam das durchs Alter, durch den Erfolg, durch eine gesteigerte Selbstsicherheit?
Mit dem Alter wird man automatisch ruhiger, da verändert sich viel von selbst. Man denkt mehr nach und realisiert, dass man niemals der Beste, Klügste oder Schönste wird – das musst du erst lernen. Andererseits bist du aber auch okay und nicht schlecht. Man ordnet sich in der Welt richtig ein und lernt, dass sie sich nicht um einen dreht und keiner auf dich und deine Band wartet. Als Musiker brauchst du ein großes Ego, aber es darf nicht so groß sein, dass es außer Kontrolle gerät.

Speziell in den 80ern, aber auch noch bis Mitte der 90er-Jahre seid ihr in den besten Zeiten wirklich in allen Richtungen durch die Decke gegangen. Hat dieser Erfolg deine Persönlichkeit nachhaltig verändert?
In gewisser Weise schon. Der große Erfolg kam aber nicht über Nacht, wie es heute oft bei den Kids passiert. Susan Boyle zum Beispiel – das war von null auf hundert. Wir waren schon einige Jahre unterwegs und hatten etwas Erfahrung. Ich musste unlängst lachen, als mich eine Frau am Flughafen in Berlin abholte, mit einem wunderschönen, großen Auto. Sie fragte mich dann, was ich fahre und ich antwortete mit "Volvo". Sie meinte, das wäre das langweiligste Auto der Welt. (lacht) Er ist fünf Jahre alt und wenn ich zum Supermarkt fahre, habe ich das schlechteste Auto von allen. Sie konnte das gar nicht fassen. Ich wollte nie der Großkotz sein, den man schon aus meilenweiter Entfernung ansieht, dass er gut verdient. Meine Freundin sorgt sich auch nicht darüber, wobei andererseits musst du aufpassen, dass du nicht als Geizhals verschrien bist. Aber ich bin selbstsicher genug, dass mir das alles egal ist. Als wir jünger waren, waren wir viel stärker in dieser Ego-Blase, aber das war dem Alter entsprechend auch verständlich.

Speziell rund um den Jahrtausendwechsel habt Alben veröffentlicht, die einfach schlecht waren, dennoch habt ihr die Maschinerie Simple Minds nie gestoppt, sondern immer weitergearbeitet. Gab es in den dunkleren Zeiten Momente, wo ich ans Aufhören gedacht habt?
Wir waren etwa ein Jahr lang kurz davor. Niemand interessierte sich für unsere Musik und die Verkaufszahlen fielen dank der illegalen Downloads und der ersten Internetpopularität bodenlos in den Keller. Es war so, als wären wir in Alaska und würden niemals mehr den Anschluss finden. Der Hauptgrund war aber, dass wir die Leidenschaft verloren hatten und uns nicht mehr wirklich mit der Band identifizieren konnten. Neil Young hat immer gesagt, wenn du 18 oder 19 bist, ist es völlig egal was du tust, du tust es einfach. Du bist jung, frei, ungebunden und hast nichts zu verlieren – es ist dir auch egal, was jemand von dir denkt und meist bist du noch nicht einmal für dich selbst verantwortlich. Aus dieser Freiheit kann sehr gute Musik entstehen. Wenn du älter wirst, ändert sich alles. Du hast eine Familie, die Plattenfirma stresst dich, will deine Musik drehen, die Ehefrau braucht mehr Aufmerksamkeit – es passiert einfach so viel und du kannst vielleicht nur mehr 40 Prozent deiner Energie für die Kreativität aufwenden. So um 2005, als das „Black & White“-Album entstand, hatten wir zwei Optionen: entweder aufhören, oder nicht aufhören, aber dafür wirklich nochmal 100 Prozent in alles reinwerfen. Es gab keine Zwischenlösung und seltsamerweise war das ein goldrichtiger Gedankengang. Die Kinder waren erwachsen und aus dem Haus, wir waren finanziell unabhängig und haben uns einfach die Zeit genommen, um uns wieder in der Musik fallen zu lassen. Wir wollten wieder gut werden. Nicht reich oder erfolgreich, sondern einfach gut. So gut, dass man unsere Alben gerne hören und uns gerne live sehen möchte. Der Glaube und die Lust am Angriff muss einfach da sein. Und das haben wir jetzt wieder erreicht.

Unlängst habe ich mich mit den Jungs von Erasure unterhalten, die als Support von Robbie Williams die größten Stadien Europas betourten. Sie meinten im Gespräch, eigentlich sollten sie selbst als Headliner auf diesen Bühnen stehen. Hast du manchmal auch solche Gedanken?
Komischerweise nicht. Ich glaube nicht, dass uns irgendjemand irgendetwas schuldet, keiner hat uns je etwas angetan. In den 80ern hatten wir einige Alben, die toll funktionierten. Die Alben in den 90ern funktionierten nicht, das stimmt, aber wir haben immer hart gearbeitet. Die Geschmäcker der Leute änderten sich, wir hatten Privatleben, Krankheiten, Line-Up-Wechsel und Probleme – das Leben schlug einfach voll ein. Jeder kennt das, es kann nicht immer nach Schema F gehen. Wir fühlten uns niemals benachteiligt oder missverstanden. Wir würden es lieben, wenn uns das Radio spielt, aber was sollen wir tun, wenn es nicht passiert? Es ist nun einmal so. Ich würde Andy Bell von Erasure sagen, er soll einfach daran arbeiten, selbst immer besser zu werden, jeden Abend zum besten machen. Alles andere ist nicht kontrollierbar. Das ist meine Philosophie.

Das Tolle an euch ist ja, dass ihr immer noch hungrig seid und den Erfolg sucht. Wie schon vor 40 Jahren auch.
Das ist die Herausforderung beim Älterwerden. Ich färbe meine Haare nicht und versuche nicht zwanghaft jung zu sein. Ich bin wer ich bin und weiß, dass wir gut sind. Aber ich weiß auch, dass wir noch viel besser sein können und das geschieht dann, wenn wir weiter hart arbeiten und kreativ bleiben. Man darf einfach nie aufgeben und muss sich sicher sein, in welcher Position im Leben man sich befindet. Es ist auch normal, wenn Andy so denkt wie er denkt. Nur weiterhelfen tut es dir nicht.

Charlie Burchill und du habt eine besondere Beziehung, die seit 40 Jahren hält und unheimlich viele schöne Ergebnisse zutage brachte. Was macht euch zu so einem besonders magischen Gespann?
Es ist ein großes Glück, dass wir uns seit dem achten Lebensjahr kennen. Unsere Eltern wohnten in derselben Straße und seine Mutter kaufte ihm eine Gitarre, die bei ihm zu einer Rakete wurde. Er wurde zu einem unheimlich guten Gitarristen und ich respektiere ihn total. Warum haben wir uns nicht in den Wahnsinn getrieben? Das haben wir! Aber wie bei vielen Beziehungen im Rock’n’Roll hat es immer gebröckelt und es war nicht immer einfach. In der letzten Woche der Albumproduktion hatten wir einen handfesten Streit, bei dem nur herumgeschrien wurde. Ich wusste, es gab einen Teil, mit dem er nicht zufrieden war. Charlie ist aber keiner, der sich schnell artikuliert, er ist viel zu höflich. Wir haben einen tollen Manager, der uns auch sagt, wenn etwas nicht gut ist und das passierte dann. Wir waren trotzdem dafür, Charlie aber nicht. Er sagte ewig nichts und ganz am Ende explodierte er und warf uns alles an den Kopf. Er hatte im Endeffekt Recht, aber warum zum Teufel sagte er das nicht einfach früher? Ich wusste schon vorher, dass es passieren wird. (lacht) Am Ende haben wir schon die Jacken ausgezogen, die Techniker verließen fluchtartig den Raum und wir waren kurz vor einer Schlägerei. Nur wir zwei konnten diese Diskussion beenden. Das taten wir dann doch ohne Gewalt, aber er ist sich noch heute sicher, dass er Recht hatte, obwohl wir ihn überstimmten. Er tut sich einfach schwer, sich gleich zu melden. Am Ende hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil wir uns wirklich hässliche Dinge an den Kopf warfen, aber es ist auch ein Zeichen für eine Passion, die wir für die Band und die Musik haben.

Habt ihr euch früher auch mal richtig geprügelt?
Hie und da kam das vielleicht schon mal vor, aber ich brauche ihn ja an der Gitarre. (lacht) Wir haben aber nie zwei Busse oder verschiedene Hotels gebraucht. Jeder Streit wurde irgendwann geklärt und es gab auch selten einen Gewinner, sondern meist einen Kompromiss, wenn die Gemüter sich beruhigt hatten.

Vor zwei Jahren habt ihr euer „Acoustic“-Album rausgebracht. Stimmt es, dass es „Walk Between Worlds“ entscheidend verändert hat, weil ihr das Album anfangs anders angehen wolltet?
Der Einfluss war schon da, auch wenn man es jetzt nicht hört. Es ging aber eher um den Prozess. Normalerweise komponieren wir eine Hälfte und wenn es dann nicht klappt, dann starten wir neu. In diesem Fall haben wir nach der halben Kompositionsphase einfach aufgehört und stattdessen mit dem Akustikalbum begonnen. Wir haben dieses neue Studioalbum also beiseitegeschoben. Das Akustikalbum machte richtig Spaß und wir sind dann damit getourt. Wir haben dafür eine eigene Band zusammengestellt, eine weitere Gitarre geholt und das Keyboard eingesetzt. Wir wollten die Arbeitsbeziehung nach der Tour beenden, aber die Musiker waren so gut und es hat so gut geklickt, dass wir sie in die zweite Albumhälfte von „Walk Between Worlds“ eingebaut haben. Somit gab es also einen Übergang, den wir so nie geplant hatten.

Du bist auch sehr aktiv auf der Simple-Minds-Facebookseite, gibst den Leuten viele Einblicke in das Leben der Band und erzählst viele Geschichten. Ist das für dich ein essenzielles Werkzeug zur Kundenbindung?
Als das Internet sich rund um 2000 durchsetzte, war das unsere große Chance, mit einer Website wieder Land zu gewinnen. Damals schrieb kein Magazin eine Zeile über uns, wir waren in der Außenwirkung quasi gestorben. Also haben wir damals ein wöchentliches Update gemacht und wenn ich Fan wäre, würde ich mich auch darüber freuen, hinter die Kulissen meiner Lieblingsband blicken zu dürfen. Ich bekam viel Lob für den Umgang damit und fand immer mehr Gefallen daran, in dieser Art mit den Menschen zu kommunizieren. Interviews sind eine großartige Sache, aber echte Fans wollen von ihren Bands so bedient werden, wie von ihrem Fußballklub. Sie wollen jeden Tag eine Geschichte zum Frühstückskaffee haben – auch wenn es nur eine kleine Meldung ist. Natürlich war ich dann durch das gute Feedback motiviert, aber ich war immer authentisch und ehrlich. Ich habe viel über unser Schicksal gesprochen, auch über unsere schwierigen und schlechten Zeiten in der Band. Ich werde zum Beispiel nicht darüber schreiben, warum Mel Gaynor jetzt nicht mehr bei uns am Schlagzeug spielt, das wäre zu persönlich. Da kannst du zwischen den Zeilen lesen, wenn du mehr darüber erfahren willst. Man muss nicht alles ausbreiten, vor allem nicht dann, wenn es andere betrifft. Mel muss arbeiten und hat eine Familie, warum sollte ich ihn online schlechtmachen? Vielleicht arbeite ich später auch wieder mal mit ihm.

Das letzte Österreich-Konzert war 2012 beim Donauinselfest. Es wäre langsam wieder an der Zeit für einen Simple-Minds-Auftritt…
Das ist eine halbe Ewigkeit her. All meine Erinnerungen hier sind großartig. Egal, ob in den Stadien, bei den Festivals oder in den Clubs. Wien ist Wien, so eine Stadt gibt es kein zweites Mal. Als wir das erste Mal dort waren, war das wie ein Märchen, es war eine Ehre und ich werde das nie vergessen. Noch lieber habe ich die Landschaft Österreichs. Ich hoffe, dass die Promoter noch einmal an uns denken, denn ich würde gerne wieder zu euch zurückkehren.

 

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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