Mi, 22. November 2017

Alt sieht anders aus

27.08.2009 08:19

Leonard Cohen live in Wiesen

Unter all den lebenden Legenden à la Bob Dylan oder B.B. King ist Leonard Cohen eine, bei der man sich nach einem Konzert ganz besonders laut beglückwünschen darf: "Gut, dass ich das noch erlebt hab!" Zum zweiten Mal seit seinem Live-Comeback im Jahre 2008 beehrte der Großmeister der Musikpoetik am Mittwochabend die Alpenrepublik und gastierte mit einer knapp dreistündigen Show im burgenländischen Wiesen.

Beglückwünschen darf man sich als Zuseher deswegen, weil bei einem Cohen-Konzert keinesfalls die Fantasie das Dargebotene zur erhofften Perfektion erheben muss. Der knapp 75-jährige gebürtige Kanadier klang vor vierzig Jahren garantiert nicht anders, bewegt sich heute nicht minder elegant und geschmeidig über die Bühne und muss auch um die Aktualität seiner Songs nicht bangen. Liebe, Schmerz und Leid fühlen sich auch 2009 so an wie anno 1967, seine politischen Botschaften treffen auf heutige Protagonisten und Zustände genauso genau zu.

Und während zum Beispiel Bob Dylan - Cohens erste Vermarkter sahen in dem Kanadier stets einen neuen Star vom Format eines Robert Zimmermann aufgehen - schon seit Jahren nicht mehr live Gitarre spielt, dreht Cohen seine geliebte Elektroakustik-Klampfe sogar auf eine hörbare Lautstärke. Unter den Legenden die klanglich besterhaltenste ist er wohl auch deshalb, weil er ja nie wirklich zu singen pflegte. In seiner tiefen Tonlage verschwimmt Melodie mit dem Klang bloß gesprochener Worte. Der jede noch so dichte Soundwand durchdringende Bass gibt seinen politischen Songs wie "The Future" oder "Waiting For A Miracle" und textlichen Meisterwerken wie "First We Take Manhattan" und "Who By Fire" - alle vier gab's in Wiesen zu hören - die schlicht unpackbare Anziehungskraft.

Großartige Begleitband
Beim ausverkauften Konzert im burgenländischen Festivalort zeichnete sich aber auch die neunköpfige Cohen-Band aus. Allen voran der spanische Saitenvirtuose Javier Mas, der an diversen Instrumenten von Mandoline und Bouzouki bis zur Gypsy-Gitarre Soli mit einer emotionalen Intensität darbot, dass einfach jeder die Ohren anlegen musste. Der Cohen-Sound in Wiesen verlangte den Zuhörern aber ohnehin ein hohes Maß an Disziplin und Konzentration ab. Die insgesamt recht niedrige Grundlautstärke, zurückgedrängtes Schlagzeug und ein sehr weiches Bassfundament bieten den Stimmen und Solo-Instrumenten zwar viel dynamischen Platz, wirken aber nur, wenn mehrere Tausend Besucher bisweilen mucksmäuschenstill sein können. Die Cohen-Fans in Wiesen konnten das und ließen die aufgestaute Spannung nach jedem Song durchs Beifallventil weichen, das einem sichtlich überraschten Meister der Melancholie übrigens schon beim ersten Schritt auf die Bühne heftig um die Ohren pfiff.

Zwei Dutzend Songs
Mit "Dance Me To The End Of Love" startete Cohen pünktlich um 20.00 Uhr seinen Auftritt in Wiesen. Was folgte, war ein knapp dreistündiger musikalischer Streifzug durch über vier Jahrzehnte Liedermacher-Geschichte, bei dem unter anderem der Gospelsong "Hallelujah" und Klassiker wie "Bird On A Wire", "Suzanne", "I'm Your Man", "Lover Lover Lover", "Tower Of Song" und "So Long, Marianne" nicht fehlen durften.

Nach nicht weniger als sieben Zugaben bedankte sich Cohen mit zerknittertem Hut vor der Brust bei seiner brillianten Band und allen, die zum Gelingen des Konzertabends beigetragen hatten, und entließ schließlich um 23.05 Uhr ein begeistertes und zufriedenes Publikum mit den Worten "God bless you, good night friends" in eine laue, sternenklare Sommernacht.

Von Christoph Andert und Wilhelm Eder
Fotos: Andreas Graf

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