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14.04.2026

Krone Extra Tirol Ausgabe April 2026

Lipödem: Wenn das Fettgewebe schmerzt

Zahlreiche Frauen in Österreich leiden an einem Lipödem. Die Diagnose ist schwierig zu stellen, Dr. Markus Killinger klärt auf.

Beim Lipödem handelt es sich um eine schmerzhafte Vermehrung von Fettgewebe im Bereich der Beine und/oder der Arme. Diese Schmerzen äußern sich vor allem als Druck- und Berührungsschmerz, häufig aber auch als Schweregefühl. Der Stamm (Brust, Rücken und Bauch) sind davon nicht betroffen und können durchaus schlank sein. Davon muss man eine schmerzlose Vermehrung von Fettgewebe unterscheiden, diese nennt man Lipohypertrophie und muss nicht behandelt werden.

Es sind zum allergrößten Teil Frauen betroffen, der erste Altersgipfel erstreckt sich vom 15. bis zum 25. Lebensjahr. Das erste Auftreten der Symptome und der Gewebeveränderungen kann aber auch später – beispielsweise im Klimakterium (Wechseljahre) – auftreten.

Die Schwierigkeiten in der sicheren Diagnosestellung bestehen darin, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch keine spezifischen Laborwerte oder bildgebende Verfahren bzw. Gewebeproben zur Verfügung stehen. Zusätzlich können auch zahlreiche andere Erkrankungen ähnliche Erscheinungsformen haben oder zusätzlich zum Lipödem vorliegen. Die Diagnose wird also rein klinisch anhand der Beschwerden und der Verteilung des Gewebes gestellt.

Therapiemöglichkeiten

Die Therapie richtet sich nach den Beschwerden der Betroffenen und besteht aus mehreren Säulen. Dazu gehören unter anderem die Bewegungstherapie, die Kompressionstherapie, das Gewichtsmanagement, eventuell Liposuction (Fettabsaugung) und die psychosoziale Unterstützung.

Die Zusammenarbeit der einzelnen Professionen mit den Betroffenen und untereinander ist dabei essenziell für den gewünschten Therapieerfolg.


Lipödem-Check: Bin ich betroffen?

Bitte beantworte die folgenden Fragen für mehr Aufschluss.

Ein Lipödem zeichnet sich vor allem durch die Kombination von Formveränderung und Schmerzsymptomatik aus.

1. Die Fettverteilung (Proportionalität)

Disproportionalität: Wirken deine Beine (und/oder Arme) im Vergleich zum Oberkörper deutlich kräftiger, obwohl du vielleicht eine schmale Taille hast?

Stopp-Phänomen: Endet die Fettgewebsvermehrung abrupt an den Knöcheln (oder Handgelenken), sodass die Füße (und Hände) im Vergleich sehr schlank aussehen (sogenannte „Reiterhosen“ oder „Säulenbeine“)?

Diät-Resistenz: Hast du festgestellt, dass Sport und Diäten zwar zu Gewichtsverlust am Oberkörper und im Gesicht führen, sich der Umfang an Beinen und Gesäß aber kaum verändert?

2. Schmerz und Missempfindungen

Druckschmerz: Reagieren deine Beine oder Arme bereits auf leichten Druck (z.B. wenn ein Kind auf den Schoß klettert oder eine Katze darüberläuft) empfindlich oder schmerzhaft?

Spontanschmerz: Hast du oft ein Spannungsgefühl, ein „Schweregefühl“ in den Beinen oder Armen oder einen drückenden Schmerz nach langem Stehen oder Sitzen oder längerem Arbeiten mit den Armen?

Wetterfühligkeit: Verschlimmern sich die Beschwerden an warmen Tagen oder bei niedrigem Luftdruck?

3. Neigung zu Hämatomen (Blaue Flecken)

Leichte Berührung: Bekommst du sehr schnell blaue Flecken, oft ohne dass du dich an eine konkrete Verletzung oder einen Stoß erinnern kannst?

Foto: iStock
Foto: iStock

4. Hautstruktur und Tastbefund

Gewebebeschaffenheit: Fühlt sich das Unterhautfettgewebe knotig oder uneben an?

Hautoberfläche: Zeigen sich deutliche Dellen (oft als „Cellulite“ missverstanden, beim Lipödem jedoch oft tiefer und schmerzhaft)?

5. Schwierigkeiten mit Abnehmen und leichte, unerklärliche Gewichtszunahme

Gewichtszunahme bei Hormonumstellung: Hast du in Phasen hormoneller Veränderung unerklärlich viel Gewicht zugenommen (in der Pubertät, Schwangerschaft, Menopause). Bemerkst du trotz gesundem Lebensstil (regelmäßig Bewegung, gesunde Ernährung, Work-Life-Balance) eine Gewichtszunahme bzw. kannst du trotzdem nicht abnehmen?

6. Die Dynamik im Tagesverlauf (Ödemkomponente)

Beschwerden-Zunahme: Merkst du, dass deine Beine oder Arme gegen Abend deutlich praller, schwerer oder schmerzhafter sind als am Morgen (auch wenn die Schwellung nicht so stark ist wie bei einem reinen Lymphödem)?

7. Symmetrie-Check

Beidseitigkeit: Treten die Veränderungen und die Schmerzen an beiden Beinen (oder Armen) nahezu identisch auf? Ein Lipödem ist eine symmetrische Erkrankung. Einseitige Schwellungen deuten eher auf Venenprobleme (eine Abklärung beim Gefäßspezialisten ist sinnvoll = Phlebologe/Phlebologin) oder ein Lymphödem hin. 

8. Familiäre Vorbelastung (Genetik)

Die „Statur“ in der Familie: Gibt es in deiner weiblichen Verwandtschaft (Mutter, Oma, Tanten) Frauen mit einer sehr ähnlichen Körperform oder den beschriebenen Schmerzsymptomen? Es gibt nämlich Hinweise auf genetische Veranlagung und gehäuftes Vorkommen in Familien.


Lipödem & Ernährung: Was wirklich hilft

Die Tiroler Diätologin Edburg Edlinger spricht über die Chancen und Grenzen der Ernährungstherapie bei einem Lipödem.

Dr. Markus Killinger und Diätologin| Edburg Edlinger.Foto: Luca Gábor; Grafik: Kl-generiert von Edburg Edlinger, Simone Beiser
Dr. Markus Killinger und Diätologin| Edburg Edlinger.Foto: Luca Gábor; Grafik: Kl-generiert von Edburg Edlinger, Simone Beiser

Nicht jedes Mehrgewicht ist selbst gemacht. „In meiner Praxis sehe ich viele Frauen mit Lipödem – und fast alle bringen eine lange Diätgeschichte mit. Sie haben vieles ausprobiert, oft vergeblich“, sagt Edlinger.

Wichtig ist: Beim Lipödem funktioniert Abnehmen anders. Mit einer individuellen Ernährungstherapie kann bei manchen der Körperfettanteil reduziert werden. Aber manchmal ist es bereits ein Erfolg, das Gewicht stabil zu halten. Ein gesunder Lebensstil kann einen Lipödem-Schub bremsen – aber nicht immer verhindern.

Gleichzeitig kämpfen Betroffene mit Vorurteilen wie „Iss' weniger, beweg' dich mehr“ Die Realität ist komplexer: Viele essen bereits zu wenig, sind mangelernährt oder entwickeln ein gestörtes Essverhalten. Essen wird zur Belastung statt zur Kraftquelle.

Appell von Diätologin Edburg Edlinger: Bitte verzichten Sie auf Kommentare über Gewicht oder Essverhalten anderer. Solche Bemerkungen erhöhen den Stress, beeinträchtigen das Wohlbefinden – und können jedem Menschen nachhaltig schaden.

Ernährungstherapie

Gibt es eine Lipödem-Diät? „Kurz gesagt – nein. Aber eine Ernährungstherapie kann das Arm- und Beinvolumen positiv beeinflussen. Entscheidend ist eine langfristige, individuell angepasste Ernährungsweise anstelle kurzfristiger Diäten.“

Es gibt keine „verbotenen“ Lebensmittel – entscheidend ist die Balance. Regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Flüssigkeit, Nährstoffe und Freude am Essen stehen im Mittelpunkt. „Extreme Regeln führen oft in die Sackgasse Essstörung,“ gibt die Diätologin zu bedenken.

Eine Ernährungstherapie bedeutet: alltagstauglich, genussvoll und individuell - für mehr Lebensqualität, mit oder ohne Gewichtsreduktion.