15.09.2007 22:09 |

Schön melodisch

Maria Mena im Interview

In ihrer Heimat Norwegen ist sie ein Star, seit sie mit 15 zum ersten Mal öffentlich zum Mikro griff. Bei uns lässt sie es langsamer angehen. Dafür stürmt Maria Mena in Österreich nicht als Teenie, sondern als erwachsene Songwriterin mit 21 Jahren, die auf ihrem neuen Album "Apparently Unaffected" ihren sechsten Sinn für Melodien auslebt. Sie hat eine Formel entdeckt, einen Code geknackt - "Musik ist wie Mathematik", sagt sie im Krone.at-Interview.

Jung und süß. Diese Attribute galten für Maria Mena lange Zeit. Und nebenher fielen kaum andere Worte. Dabei legte die 21-jährige Norwegerin einen ganz anderen Start hin, als so manche ihrer Branchenkolleginnen. Ähnlich wie die Britin Katie Melua braucht sie keinen Zielgruppen orientierten Halbmanager zum Schreiben von Melodien und Texten und steht auch im Booklet ihres neuen Albums "Apparently Unaffected" als einzige Interpretin bei "Text".

Die Single "Just Hold Me" - es klingt in echt weniger kitschig - spiegelt ihre ungewöhnliche Art, Melodien zu entwickeln: Auf ihr Handy (!) trällert sie Tag ein Tag aus, alles, was das hübsche Köpfchen und die Seele hergeben. Kopfrechenübungen, könnte man diese kleinen Songfetzen frei nach Maria Menas Definition von Musik nennen. Produzenten haben sodann ihre Mühe, Akkorde und begleitende Instrumente um das enge Gerüst ihrer Vorgaben zu weben. Das Ergebnis: Ein eigenständiges Produkt, dem man den Durchlauf durch die Pop-Maschinerie (ganz so ungebunden lässt einen die Plattenfirma mit 21 dann nun doch wieder nicht) kaum anhört.

Songs wie "This Bootle Of Wine", die Trilogie "If You Stay In My Past" oder "Miss You Love" prägt eine pop-eske Version von Choloraturgesang, wie ihn sonst nur klassische Operndivas veranstalten würden. Ein Refrain endet so gut wie niemals dort, wo man es erwarten würde, sondern zweigt vom Weg ab und schlingt sich irgendwo zur Seite, wo man ihn durch Zuhören erst wieder finden muss. Auf diese Weise verpassen die Songs dem Hörer immer wieder eine gut gemeinte Kopfnuss, mit dem Zeichen, dass hier nichts zum Nebenher-im-Supermarkt-Dudeln gemacht wurde. Dazwischen passte auch noch eine Portion Humor - selbst wenn das Thema von "Apparently Unaffected" ein sehr ernstes ist, wie Maria Mena im Krone.at-Interview erzählt...

Du warst jung und süß – was ist passiert?

(lacht) Das Mädchen ist alt, hässlich und müde geworden! Nein – ha, ha. Ich bin erwachsen und habe erkannt, dass es Gut und Böse auf der Welt gibt. Und ich bin es, die beides analysiert.

Jemand hat über dich gesagt, dass du vierzig Jahre Entwicklung in einer Zeitspanne von vierzehn durchmachen musstest…

Ja, jemand sagte das. Obwohl es auch ich hätte gewesen sein können. Wenn man sich schon mit 15 mit der Musikindustrie herumschlagen muss, wird man schnell erwachsen.

Was war die härteste Lektion, die du in diesen vierzig Jahren gelernt hast, lernen musstest?

Mit Sicherheit eine der härtesten war es, meinen Körper lieben zu lernen. So wie er ist - obwohl er in den Medien hochstilisiert und dauernd begafft wurde. Bloß damit klar zu kommen, war eine der schwierigsten Erfahrungen überhaupt.

Warum?

Ich bekam eine Essstörung nach meinem ersten Album. Zuerst dachte ich, das liegt nur an mir, nicht am Business. Aber jetzt weiß ich, dass es natürlich an all der Aufmerksamkeit lag – natürlich war es die Industrie. Niemand hätte mich davor beschützen können, allte taten das Maximum. Aber es ist unvermeidbar, dass du beginnst, dich ständig zu mustern, wenn du deinen Körper ununterbrochen in Magazinen betrachten musst.

Wie hast du es trotzdem geschafft, dich nicht davon runterziehen  zu lassen?

In dem ich nur Leute in meine Nähe lasse, die mich nicht runterziehen wollen. Das ist nicht immer leicht – es gibt viele Menschen da draußen, die deine Freunde sein wollen. Aber ich hatte schon immer ein gutes Radar für diese Art von falschen Freunden.

Für mich ist es das Größte, nach Hause zu kommen und nicht über Musik und Glamour zu reden. Nur Freunde haben, sonst nichts. Ich habe seither viele Männer-Freunde gewonnen, die sehr ehrlich und aufrichtig zu mir sind. Das macht es irgendwie leichter, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen.

Wie kam es, dass deine Karriere so ruppig begann?

Das tat sie ja eigentlich nicht! Es war total leicht, ich bin sozusagen in mein Leben hineingestolpert. Am einen Tag gehe ich wie jedes andere Mädchen brav zur Schule – am nächsten Tag kommt mein Vater zu mir und sagt: Du hast einen Manager und einen Plattenvertrag, schreib Songs! Es begann, wie eine wilde Achterbahnfahrt. Aber dieses Gefühl verließ mich schnell wieder. Als das Album aufgenommen war, war niemand mehr da, der mir jeden Tag sagte, wie gut ich doch bin.

Findest du, dass du zu naiv warst?

Ja, ich war es. Und gleichzeitig habe ich mir es auch so ausgesucht. Ich bin immer noch sehr naiv, speziell wenn es darum geht, die Größe der Dinge zu verkennen. Zum Beispiel wenn du vor 30.000 Leuten spielst und alle deinen Namen rufen. Es ist ganz gut, wenn du in diesem Fall etwas naiv bist. Natürlich könnte ich mich auf meinem bisherigen Erfolg ausruhen – aber im Musikgeschäft kannst du an einem Tag alle Magazin-Covers füllen und am Tag darauf bekommst du nicht einmal mehr einen Rückruf. Aber ich habe das Glück, unter all diesen jungen Mädchen jemand mit Talent zu sein. Ich kann meine eigenen Songs schreiben und ich weiß, dass ich gut darin bin. Alles, was sonst noch an positiven Eigenschaften dazukommt, ist nur mehr ein Bonus.

Kannst du mir den Unterschied von Maria Mena, wie sie im Song „Just Hold Me“ ist und wie sie sich im Song „Boytoy Baby“ verhält, erklären?

Das komplette Album hat ein Thema, ein sehr starkes; ich habe es nicht bewusst gewählt, es drang einfach durch. Also: Was mich beim Songschreiben sehr beeinflusst hatte, war die Tatsache, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben verliebt hatte – und diese Liebe nach kurzer Zeit wieder verlor. Das hört man in den Songs. Das Album entstand in einer Phase, in der ich mich von diesem Schlag erholte.

Bei „Miss You“ bin ich traurig und verletzt. Dann kommst du drauf, dass du dich nicht vor deinen Gefühlen verschließen kannst – wir kommen zu „This Bottle Of Wine“. Aber irgendwie ist Trinken nicht die Weise, wie du mit der Sache umgehen willst und du beginnst, auf die Söhne anderer Mütter aufmerksam zu werden. Jetzt sind wir bei „Boytoy Baby“. (lacht) Aber auch durch diese Phase kommst du unbeschadet, und beginnst dann, dein Verhalten zu analysieren. Und hiermit wären wir beim Rest von „Apparently Unaffected“.

Wie lange hat das gedauert, wenn ich fragen darf?

Mmmh. Ein Jahr ungefähr. (hält kurz inne) Hey, mir fällt gerade auf, dass ich viel zu ehrlich zu dir bin! Das ist nicht selbstverständlich. Andererseits… ich kann es in diesem Fall ohnehin nicht in der Zeitung lesen, weil ich kein Deutsch verstehe. Machen wir weiter!

Du sagtest, dass du jede Menge Männer-Freunde hast. Was mir aufgefallen ist: In deinem Blog beginnt fast jeder Eintrag mit „Hey Guys“…

Hey, jetzt mach mal halblang. „Hey Guys“ ist die amerikanische Art „Hallo“ zu sagen – den Rest davon kannst du wegstreichen. (lacht) Aber es stimmt, ich habe wirklich keine Mädchen als beste Freunde. Ich verstehe Mädchen nicht. Sie sind einfach zu verwirrt, du kannst ihnen nicht erzählen, was du über sie denkst – sie werden sofort zickig.

Aber mit Männern ist das anders, denen kannst du praktisch alles erzählen. Sie werden dir für eine Minute böse sein, aber dann ist die Sache gegessen. Außerdem haben Männer-Freunde den Vorteil, dass man sich als Frau beschützt fühlt.

Also würdest du dich nicht als sensibles, feinfühliges Mädchen bezeichnen?

Doch, ich bin eines! Aber ich bin so viel Mädchen, dass es verrückt wäre, wenn ich weibliche Freundinnen hätte.

Mmh. Und noch dazu stehst du auf Selbstporträts – eine weitere Sache, die man an deinem Blog beobachten kann. Das ist aber nun sehr „mädchenhaft“, oder nicht?

Ja. Aber die Leute wollen mich ja sehen, mehr über mich wissen. Das ist ja gerade der Grund, warum es den Blog gibt. Außerdem drehe ich mein Gesicht immer ein bisschen zur Seite. Ich kann Frontal-Aufnahmen partout nicht ausstehen. Nicht einmal auf dem Album.

Sieh dir das an! (zeigt auf das Cover von „Apparently Unaffected“, das vor ihr am Tisch liegt) Ich könnte nie im Leben ein Model sein!ll den Fotos von mir? (lacht)

Wie würde für dich die ideale Welt aussehen, in der du als Künstlerin gerne bekannt geworden wärst?

Mmh. Eigentlich ist das Jetzt eine ideale Welt für mich. Ich muss keine Hochglanz-Fotoshootings mehr machen. Außerdem kann ich mir praktisch aussuchen, mit welcher Zeitung oder welchen Journalisten ich reden will. Als ich zum ersten Mal in die USA reiste, wollten alle bloß Fotoshootings mit mir machen. Ich kann mich echt nicht daran erinnern auch nur eine einzige Frage über meine Musik gestellt bekommen zu haben. Sie fragten mich, welche Haarpflegeprodukte ich verwende! Aber das ist Geschichte – ich reise jetzt zum Beispiel mit meinem Freund. Das ist kein Promotion-Trip, das ist wie Urlaub.

Die Songs auf deinem Album pendeln zwischen melancholischen Lovesongs und lustigen, mit Humor erzählten Geschichten. Wann kommt der Punkt für dich, wo du mit dem Spielchen-Spielen aufhörst und richtig ernst wirst?

Er kommt dann, wenn du eine andere Sicht auf die Dinge bekommst. Ich habe Songs wie „Boytoy Baby“ oder „This Bottle Of Wine“ nicht geschrieben, als ich traurig war. Es passierte dann, wenn ich mich ein bisschen freigekämpft hatte. Der Moment, in dem du wieder todernst wirst, kommt dann, wenn dir auffällt, dass die Dinge, die du momentan machst, dein Leben nicht verändern werden. Wenn du darüber Lieder schreibst, überwindest du diese schwierigen Zeiten noch besser.

Wie schreibst du eigentlich Songs, wie manifestierst du deine Gedanken?

Ach, ich benutze mein Handy.

Dein was?

Mein Handy! Hier, (zeigt auf den Tisch) es hat einen Voice-Recorder eingebaut. Ich singe alles, was mir einfällt, hier drauf.

Spiel etwas vor!

(sie spielt eine Datei ab, man hört nur ihre Stimme, ganz leise; sie singt nur eine Zeile, dann beginnt schon die nächste von ungefähr 50 oder 60 Aufnahmen)

Ich weiß, es ist sehr einfach und primitiv. Aber für mich ist es der simpelste Weg, mich auch morgen noch an meine Ideen erinnern zu können. Wenn ich sie nicht aufnehme, kommen sie nie wieder. Es ist mir schon passiert, dass ich einen Song zweimal geschrieben habe, weil ich mich nicht mehr an meine alten Ideen erinnern konnte. (lacht)

Erzähl mir mehr über deine Art, Songs zu schreiben.

Nun ja, üblicherweise muss ich Erlebnisse zuerst ein paar Monate verdauen, bevor ein Song dabei herauskommt. Aus mir sprudeln nicht täglich die Ideen. Aber wenn ich nur einen einzigen Satz im Kopf habe und einmal einen Tag frei, verkrieche mich in meinem Zimmer und die Zeilen stürzen praktisch aus mir heraus.

Würdest du das eine „Gabe“ nennen?

Ja, es ist eine Gabe. Ich meine, keine „GABE“… (verdreht die Augen) Als ich klein war – so erzählt es mir zumindest meine Mutter immer – konnte man mir einen Teil eines Songs vorspielen und ich kannte bereits das ganze Lied. Ich glaube, ich habe einen Code geknackt. Ich verstehe die Formel eines Songs. Musik ist wie Mathematik!

Außerdem habe ich ein Ohr für Melodien – frag mich jetzt bitte nicht woher. Ich spiele außerdem kein Instrument, weil ich mich damit nicht einschränken will. Ich glaube, ich habe eine Vorstellungskraft, die zum Beispiel weit über jene meines Produzenten hinausragt. Er spiele viele Instrumente, aber er kommt immer wieder zu mir und fragt: Wie zum Teufel bist du auf diese Melodie gekommen? Was soll ich dazu spielen?

Das heißt, du weigerst dich, ein Instrument zu lernen, obwohl es dir wahrscheinlich sehr leicht fallen würde?

Ja, weil es mich behindern würde! Ich würde wahrscheinlich sehr schnell drei oder vier Akkorde beherrschen und dann mit diesen  Akkorden Songs schreiben. Das wäre doch langweilig!? Ich will mich nicht mit Regeln belasten, mit Strukturen und mit Wissen, dass ich nicht zum Schreiben von Songs brauche. All das musst du aber berücksichtigen, wenn du dich mit einem Instrument auseinandersetzt. Guck sie dir doch an – die Bands mit ihren Gitarren, die allesamt dasselbe spielen. Aus den eben genannten Gründen!

Macht dich das zu etwas Besonderem?

Es trennt mich zumindest von vielen anderen. Ich finde sogar, dass man mich ganz gut kennenlernen kann, wenn man sich meine Musik anhört. Das kannst du nicht von allen Popsängerinnen da draußen behaupten – auch wenn es bei ihnen vielleicht so wirken soll…


Interview: Christoph Andert

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