Mo, 16. Juli 2018

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29.01.2016 10:35

"Wir Moslems müssen in unserem Saustall aufräumen"

Für den Schriftsteller und Muslim Feridun Zaimoglu muss die Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln schonungslos offen auch innerhalb der islamischen Gemeinschaft geführt werden. Dafür wählt er drastische Worte: "Wir Moslems müssen in unserem eigenen Saustall aufräumen. Denn wir haben einen Saustall." Allerdings sieht der Autor keine Krise des Islam sondern vielmehr eine "Krise des muslimischen Mannes".

"Frauenverachtung ist geradezu ein Gebot im Judentum, im Christentum und im real existierenden Islam - das nur an die Adresse der Heuchler, die vom Abendland schwätzen und nicht ein einziges Mal die Bibel aufgeschlagen haben", sagte der Kieler Schriftsteller türkischer Herkunft der Deutschen Presse-Agentur. "Gleichzeitig ist es aber auch genauso falsch, im relativierenden Ton zu sagen: 'Weil es so ist, müssen wir uns nicht damit auseinandersetzen, wir Moslems.'"

Der 51-jährige Schriftsteller forderte: "Wir Moslems müssen in unserem eigenen Saustall aufräumen. Denn wir haben einen Saustall. Der gelebte Dorf-Islam ist unter aller Sau." Er als Schriftsteller könne sich dabei nicht aus der Verantwortung ziehen: "Das wäre ein bisschen feige."

"Muslimische Männer mit Minderwertigkeitskomplexen"
Die Übergriffe in Köln seien keine Ausreißer gewesen. Es handle sich nicht um eine Krise des Islam, "sondern wir haben eine Krise des muslimischen Mannes. Wir haben eine Krise muslimischer Männer mit Minderwertigkeitskomplexen. Wenn ein Mann unfähig ist, die starke mündige Frau als gesellschaftliche Realität zu sehen, und sich in seiner Herrlichkeit beeinträchtigt fühlt, dann lege ich ihm professionelle Hilfe nahe."

Insgesamt bewertete Zaimoglu die Debatte über die Kölner Silvesternacht als sehr positiv: "Entgegen irgendwelcher seltsamer Vermutungen ist die freie Rede bei uns in Deutschland vorherrschend - und das ist wunderbar." Die sexuellen Übergriffe müsse man geißeln, "so wie man sonst von ostdeutschen Nazis spricht oder westdeutschen Hooligans. Ich verstehe nicht, warum man sich plötzlich an dieser Stelle zurückhalten muss oder wieso die Beschwichtiger dann darauf hinweisen wollen, dass man jetzt vorsichtig sein soll", sagte Zaimoglu. Er zollte den beteiligten Journalisten Anerkennung: "Ein sehr anständiger Umgang mit dem Thema." Das Einzige, was falsch laufe, sei, dass Männer schon wieder über Frauen sprechen würden.

Die Gefahr einer wachsenden Kluft in der Gesellschaft sieht Zaimoglu durchaus: Es fehle an Solidarität untereinander. Die Stimmung sei gekippt wegen bestimmter "seltsamer Entscheidungen" von oben. "Und unten zünden jetzt irgendwelche Vollidioten Flüchtlingsheime an oder träumen von einem reinen Abendland. Die armen Schweine gehen aufeinander los. So war es immer, so wird es immer weitergehen."

"Es geht nicht um Religionen"
Dabei führten die christlichen Kirchen und die islamischen Verbände schon seit einiger Zeit einen Dialog und kämen friedlich miteinander aus, so der Schriftsteller. "Es geht nicht um Religionen, es geht darum, dass Menschen mit religiösem oder nationalem Anstrich - seltsame Borderline-Menschen da draußen - den sozialen Frieden zu Klump schlagen wollen. Und darüber müsste man sich unterhalten", sagte Zaimoglu.

Opfer von Stereotypen oder Vorurteilen sei er selbst noch nie geworden - "Deutschland ist mein herrliches Land". Ja, er habe einen "sauschweren Nachnamen", sagte er lachend. Aber wenn er bei einer Taxi-Zentrale anrufe, seinen Name nenne und zugleich zu buchstabieren beginne, herrsche schnell Heiterkeit.

Zur Person
Feridun Zaimoglu wurde 1964 im anatolischen Bolu geboren. Er verbrachte die ersten zwei Jahrzehnte seines Lebens in München, Berlin und Bonn. 1985 kam er nach Kiel, um dort Kunst und Medizin zu studieren. Zaimoglu arbeitet als Journalist, er schreibt Theaterstücke ("Die zehn Gebote"), Romane ("Siebentürmeviertel", "Leyla") und Drehbücher. Außerdem ist er bildender Künstler. Zu seinen vielen Auszeichnungen gehören Berliner Literaturpreis, Mainzer Stadtschreiber, Kieler Kulturpreis, Grimmelshausen-Preis und Adelbert-von-Chamisso-Preis.

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