Do, 20. September 2018

Schauspielhaus Graz

24.04.2015 14:17

Auf verfaulenden Fundamenten

Oscar Wilde zeigte in seiner "Salome" vorrangig obsessive Sexualität, Einar Schleef hat das Stück Ende der 1990er-Jahre überschrieben, und einen religiösen Eiferer gegen die dekadente Gesellschaft aufgestellt. Ein mehr denn je aktuelles Thema, das Regisseur Michael Simon fesselnd auf die Bühne des Schauspielhauses bringt.

Schleef zeigt eine Gesellschaft am Ende. Fäulnis herrscht überall, und die Menschen versinken nicht nur im geistigen Unrat. Den Gestank kann man in Michael Simons Grazer Inszenierung förmlich riechen.

Dekadenz fördert Fundamentalismus
Dieses dekadente Umfeld fördert religiöse Auswüchse, und so steht der gefangene Prophet Johannes (der Täufer) ein als Fundamentalist da, der vor allem gegen die sündigen und verkommenen Frauen wettert. Kaspar Locher spielt ihn mit irrem Blick und fanatischem Festhalten an seinem Glauben. Dass er die Annäherungen der entflammten Salome von sich weist, ist ebenso logisch, wie deren Reaktion. Sie will ihn besitzen und fordert seinen Kopf.

Derangierte Seelen, widerliche Despoten
Doch auch Evi Kehrstephans Salome ist nicht das verwöhnte Prinzesschen. Vielmehr zeigt sich eine von der Dekadenz und den sexuellen Begehrlichkeiten ihres Stiefvaters gezeichnete Seele, die an ihrem durchgesetzten Willen letztlich keine Freude hat. Als an der Grenze zum Wahnsinn tanzender, seine Macht widerlich nutzender Herodes beeindruckt Stefan Suske. Steffi Krautz gibt die Herodias als manipulierende Mutter und Ehefrau, Thomas Frank gefällt als vergeblich liebender Narraboth, über dessen Leiche Salome gleichgültig steigt. Mit Jan Gerrit Brüggemann und Rudi Widerhofer sind auch die beiden Henker hochkarätig besetzt.

Mediale Unterstützung
Regisseur Michael Simon spielt gekonnt mit den Medien. Auf einer großen Monitorwand wird das Geschehen begleitet, mit Großprojektionen betont. Ein starkes Mittel, das aber, wenn es alleiniger Handlungsträger ist, doch etwas überstrapaziert wirkt. Die Videos stammen übrigens vom jungen Duo Evil Frog. Denise Heschls Kostüme sind so dekadent wie schön.

Aktuelle Pausen-Debatte
Ins Heute wird die Inszenierung mit Diskussionen über Religion und Fundamentalismus in der Pause und mit der Enthauptungsszene, die sich an einschlägigen IS-Videos orientiert, katapultiert. Das gelingt hervorragend. Ein vielschichtiger, fesselnder Abend!

Karten und Informationen erhalten Sie hier

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