Coronapolitik im Wahlkampf? Offenbar will sich die Bundesregierung damit nicht aktiv auseinandersetzen. Nur einen Tag nach der eindringlichen Warnung vor einer „katastrophalen Lage“ seitens der Wiener Ärztekammer spielt das Gesundheitsministerium am Mittwoch alles herunter.
Die Situation sei ähnlich jener des Vorjahres und es bestehe „kein allzu großer Grund zur Sorge“, sagte Katharina Reich, Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit, im Ö1-„Mittagsjournal“.
„Desaster“
Wiens Ärztekammer-Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied hatte hingegen noch am Dienstag eine deutliche Warnung ausgesprochen: „Die Covid-Abwasserzahlen sind ein Desaster. Das wird uns überrollen und ich fürchte mich ehrlicherweise vor den nächsten Monaten.“
Ärzte besorgt: „Viele Patienten fallen um Behandlung um“
Hintergrund: Corona-Tests sind seit dem 1. April nicht mehr kostenlos. Doch nur mit einem solchen positiven Test dürften Ärzte das wirksame Paxlovid verschreiben. Kamaleyan-Schmied: „Viele meiner Patienten können sich den Test aber nicht leisten und fallen daher um eine Behandlung um. Es ist eine Katastrophe.“
Die Covid-Abwasserzahlen sind ein Desaster. Das wird uns überrollen und ich fürchte mich ehrlicherweise vor den nächsten Monaten.
Wiens Ärztekammer-Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied
Doch Reich dementiert: „Sowohl unser Abwassermonitoring als auch unser Dashboard, was die Krankenhausaufnahmen betrifft und auch unsere Sentinel Surveillance – das heißt, die Informationen aus den Ordinationen der niedergelassenen Ärzte – zeigen eine konstante, aber langsame Zunahme bei den Infektionen. Diese Entwicklung ist nahezu entsprechend jener des Vorjahres.“
Es gibt keinen Grund, irgendwie hier besorgt zu sein.
Katharina Reich, Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit
Ministerium: „Keine Anzeichen für Verschärfung der Lage“
Es gäbe auch keine Anzeichen dafür, dass sich die Lage auf den Intensivstationen wieder verschärfen könnte. Die Aufnahmezahlen wegen Covid in den vergangenen Wochen liegen Reich zufolge „im nahezu einstelligen Bereich“. „Es gibt keinen Grund, irgendwie hier besorgt zu sein. Wir haben ausreichend Kapazitäten“, so die Generaldirektorin.
In der kälteren Jahreszeit dürften die Infektionen aber wieder ansteigen. „Auch das so wie letztes Jahr. Es geht jetzt darum, wieder aufmerksam zu werden, wenn wir mehr Innenräume aufsuchen, wenn das Leben weniger draußen stattfindet, auch wieder darüber nachzudenken, wie ich mich verhalte, wenn ich Infektionssymptome bei mir spüre“, sagte Reich.
Auch Influenza und RSV seien derzeit noch keine Themen, da diese Erkrankungen ausschließlich in der kalten Jahreszeit auftreten. „Das beginnt Oktober, November, frühestens. Die Peaks, also die höchsten Zahlen, sind hier Dezember, Jänner, Februar sogar zu verzeichnen. Also da haben wir noch Zeit“, so Reich.
Keuchhusten: Ministerium ruft zur Impfung auf
Bei Keuchhusten sei die Lage hingegen etwas anders. „Wir haben seit vielen Jahren steigende Zahlen, was den Keuchhusten betrifft, daher hier ein großer Impfaufruf: Keuchhusten muss regelmäßig auch aufgefrischt werden“, appellierte die Generalsekretärin.
Streit um fehlende kostenlose Covid-Tests
Zur Kritik der Wiener Ärztekammer, dass der Bund die Covid-Tests in Arztpraxen nicht mehr bezahlt, die aber notwendig sind, um sich das Medikament Paxlovid verschreiben lassen zu können, sah Reich den Ball bei den Verhandlungspartnern.
„In einer Normalsituation, wie wir es jetzt haben, in einem üblichen Infektionsgeschehen ist die Sozialversicherung für die Finanzierung dieser Dinge verantwortlich. Und in welchem Modus, das dann jeweils zwischen der Sozialversicherung der Ärztekammer zu verhandeln ist, obliegt auch der Sozialversicherung“, sagte die Generalsekretärin.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.