01.10.2012 12:02 |

Titel verteidigt

Nach Rückstand: Europa schafft das Ryder-Cup-Wunder

Europas Golfer haben mit einer historischen Aufholjagd den Kontinentalvergleich mit den besten Golfprofis der USA für sich entschieden. Die Europäer machten am Schlusstag beim Ryder Cup in Medinah/Illinois einen 6:10-Rückstand wett und schafften mit 14,5:13,5 die nicht mehr für möglich gehaltene Titelverteidigung.

Überragender Spieler in der europäischen Zwölf-Mann-Auswahl war der Engländer Ian Poulter, der alle seine Partien gewann. Das sensationelle Comeback am Sonntag machte aber der Deutsche Martin Kaymer perfekt. Mit einem Putt aus knapp zwei Metern Entfernung sorgte der 27-Jährige für den entscheidenden 14. Punkt beim prestigeträchtigen Kontinentalvergleich. Gestartet hatten die Aufholjagd Luke Donald, Paul Lawrie, Rory McIlroy und Poulter, die mit vier Siegen auf 10:10 gestellt hatten.

Der Mannschaft von Kapitän Jose Maria Olazabal gelang vor 45.000 enthusiastischen Fans im Medinah Country Club bei Chicago damit die exakte Revanche für den Ryder Cup von 1999. Damals hatten die Europäer ihrerseits 10:6 geführt, ehe die Amerikaner in den zwölf Einzeln des Schlusstags noch die Wende schafften und 14,5:13,5 gewannen. Auch jener unvergessliche Wettkampf hatte in den USA stattgefunden und ging als "Schlacht von Brookline" in die Golfgeschichte ein. Die Ereignisse vom Wochenende werden schon als "Wunder von Medinah" bezeichnet.

Europas Golfer haben ihre Erfolgsstory damit um ein Kapitel erweitert. Seit 1979, als erstmals ein gesamteuropäisches Team anstelle einer Auswahl Großbritannien/Irland antrat, lautet die Ryder-Cup-Bilanz nun 10:7 für Europäer. In den letzten neun Austragungen gewannen sie sieben Mal.

Woods schenkt halben Punkt her
Ein 14:14 hätte den Europäern ausgereicht, um den Cup behalten zu können, denn gemäß Reglement wird bei einem Unentschieden der Titelverteidiger zum Sieger erklärt. Vermutlich wäre der bedeutendste Teamwettkampf im Golfsport tatsächlich 14:14 ausgegangen. Aber der enttäuschende Superstar Tiger Woods spielte auf dem letzten Green sichtlich unkonzentriert und gestand seinem italienischen Widersacher Francesco Molinari einen halben Punkt zu. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Europäer ihre nötigen 14 Punkte bereits im Trockenen und lagen sich in den Armen.

Diesen 14. Punkt holte in der vorletzten Partie ausgerechnet Kaymer. Der Deutsche, der 2011 für acht Wochen die Weltrangliste angeführt hatte, hat eine relativ schlechte Saison hinter sich. An den ersten beiden Tagen wurde er nur einmal eingesetzt. Mit einer Deutschland-Fahne lief Kaymer danach über das 18. Grün und wischte sich einige Freudentränen weg. "Das ist ein Gefühl, wie ich es noch nie in meinem Leben hatte. Ich war auf den letzten zwei oder drei Löchern so nervös. Jetzt weiß ich wirklich, was für ein Gefühl es ist, den Ryder Cup zu gewinnen. Es ist das Größte", sagte er nach dem Coup.

Der eigentliche Matchwinner der Europäer war aber eindeutig Poulter. Der 36-jährige Engländer hat am Freitag und Samstag seine drei Doppel allesamt gewonnen und siegte auch im dramatisch verlaufenen Einzel gegen den US-Open-Champion Webb Simpson. Poulters Paradestück war der Sieg im Doppel mit dem Weltranglisten-Ersten Rory McIlroy gegen Jason Dufner/Zach Johnson. Dort spielte er fünf Birdies auf den letzten fünf Löchern. Nur dank dieses außergewöhnlichen Punktgewinns konnten die Europäer den Rückstand vor den Einzeln in einem letztlich noch machbaren Rahmen halten. Ein 5:11 (statt 6:10) wäre wohl nicht mehr aufzuholen gewesen.

US-Amerikaner unter Schock
Während die Europäer feierten, konnten die US-Golfer kaum glauben, wie ihnen geschah. Teamkapitän Davis Love sagte nach der Entscheidung: "Ich kann noch keinen Kommentar abgeben. Wir sind alle fassungslos. Es ist wie ein Schock."

Auch Phil Mickelson blickte ungläubig drein. Der vierfache Sieger von Major-Turnieren hatte an allen drei Tagen auf höchstem Niveau gespielt. Zusammen mit dem ebenfalls entfesselt aufspielenden Ryder-Cup-Neuling Keegan Bradley hatte er seine drei Doppel klar gewonnen. Im Einzel gegen den Engländer Justin Rose sah Mickelson schon wie der sichere Sieger aus. Aber Rose lochte den Ball am 17. Loch von außerhalb des Greens ein und zog mit einem weiteren genialen Birdie am 18. Loch an Mickelson vorbei. Es war das Match, das das Momentum endgültig auf die Seite der Europäer brachte.

Europäer widmen Sieg Ballesteros
Die Europäer spielten am Schlusstag in weißen Shirts und blauen Hosen. Es war das Outfit, mit dem der im Mai letzten Jahres an Krebs gestorbene Severiano Ballesteros am häufigsten seine Schlussrunden absolviert hatte. Captain Olazabal, der mit Ballesteros einst das erfolgreichste Doppel im Ryder Cup gebildet hatte, und das ganze europäische Team bestritten den Ryder Cup im Gedenken an den legendären Spanier, der auch für seinen Kampfgeist berühmt gewesen war. Der Nordire Graeme McDowell fasste die Gefühle der überglücklichen Europäer am besten zusammen: "Wenn 'Seve' das Drehbuch für diesen Ryder Cup hätte schreiben können, dann, glaube ich, hätte er es genau so geschrieben."

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