Österreichische Erstaufführung von „Schlaflos“ von Peter Eötvös an der Oper Graz: Viel Applaus für die zeitgenössische Oper. Tetiana Miyus und Mario Lerchenberger brillieren in den Hauptrollen.
In Norwegen kann man „Freiheit erleben“. Das zumindest verspricht ein riesiges Werbeplakat in einer abgeranzten deutschen Bahnhofshalle der frühen 1980er-Jahre (Bühne: Heike Vollmer). Hierher hat Regisseur Philipp M. Krenn die Oper „Schlaflos“ von Peter Eötvös in seiner Grazer Inszenierung verlegt. Nicht nur die Freiheit, sondern auch Norwegen, wo das auf Jon Fosses Roman basierende Werk eigentlich spielt, ist bei Krenn zu einem Traum verkommen, einem zynischen Werbeversprechen, das wirklich gar nichts mit dem Leben der Menschen, die darunter gestrandet sind, zu tun hat.
Eine moderne Herbergssuche
Menschen wie Asle und Alida. Obwohl sie beide selbst noch fast Kinder sind, erwarten die Ausgestoßenen ihr erstes Kind. Sie sind auf der Suche nach einer Herberge - doch in der kalten Welt, in der sie leben, ist mit Hilfe ebenso wenig zu rechnen, wie mit Mitgefühl. Nicht einmal von der eigenen Familie. Und so verroht Asle schnell zum verzweifelten Mörder und setzt damit einen tödlichen Strudel in Gang, der letztlich auch Alida mitreißen wird.
Eötvös hat diese triste und verzweifelte Liebesgeschichte in eine „Opernballade“, wie er selbst es nennt, verarbeitet. 2021 wurde sie der Staatsoper Berlin uraufgeführt. Farbenreich und höchst emotional ist die Musik des ungarischen Komponisten, ein Klangfluss voll schillernder Zwischentöne, die das Dilemma der verzweifelt Liebenden hör- und spürbar machen, ohne sie nur plump zu untermalen.
Bahnhof Zoo als Setting der Grazer Inszenierung
Eben diese Zwischentöne sucht man in der Figurenzeichnung (Libretto: Mari Mezei) jedoch teilweise vergeblich. Viele der Charaktere wirken (im Vergleich zu Fosses Vorlage) ein wenig schablonenhaft. Regisseur Krenn steuert dagegen, indem er Asle und Alida zu Kindern vom Bahnhof Zoo, zu Seelenverwandten von Christiane F. macht und damit neue Assoziationsräume öffnet.
Miyus und Lerchenberger begeistern
Tetiana Miyus brilliert in der Rolle der Alida, spielt sie als verlorene Seele, aus der aber doch die schönsten, brillant dargebrachten Klänge der Liebe hochkochen.
Ebenbürtig ist ihr Mario Lerchenberger als Asle - verzweifelt und ohne Perspektive spielt er den jungen Mann, verleiht der Rolle mit seinem starken, hellen Tenor aber auch einen zarten Hoffnungsschimmer.
Auch Nebenrollen gut besetzt
Iris Vermillon (Alte Frau) und Daeho Kim (Asleik) führen eine Riege an toll besetzten Nebenrollen an. Besonders beeindruckend ist das doppelte Vokaltrio (Mana Iwata, Lenka Jombíková, Marijana Nikolić, Natascha Sachs, Eri Scherling-Hidaka und Ju Suk), das, aus zwei Logen singend, Alidas Seelenwelt zum Ausdruck bringt - es sind emotionale wie musikalische Höhepunkte des Abends.
Souverän und präzise führt Chefdirigent Vassilis Christopoulos die Philharmoniker durch die „schlaflosen“ 105 Minuten, an deren Ende die Figuren wieder dort sind, wo sie ganz am Anfang schon waren: Verzweifelt unter einem Plakat voll großer aber leerer Versprechen. Nicht oft gibt es so viel Applaus für zeitgenössische Oper!
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