"Du brauchst Eier!"

Wie viele "echte Typen" verträgt der Fußball heute noch?

Fußball
23.11.2011 12:14
Einst gaben g'standene Mannsbilder wie Ogris, Effenberg oder Basler den Takt vor - heute regieren im Fußball verhältnismäßig geradezu Milchbubis á la Lahm, Schweinsteiger oder Junuzovic. Die "echten Typen" und Führungsspieler sterben aus. Doch während man mancherorts bejammert, dass die populärste Sportart der Welt von biederen Langweilern überschwemmt wird, übersieht man gleichzeitig, dass das System sukzessive glattgebügelte Musterschüler nur so heranzüchtet. Und schrille Leithammel hält so mancher Kollektiv-Verfechter ohnehin für entbehrlich.

Roman Mählich war baff. Als die einstige Lebensversicherung von Vastic und Reinmayr bei Sturm Graz die beeindruckende Karriere bei den Austria Amateuren ausklingen ließ, wollte der Kicker die (vermeintliche) Lethargie der Jung-Veilchen nicht wahrhaben. Dass einander Saurer, Metz und Co. nach einem verlorenen Trainingsspielchen nicht an die Gurgel sprangen – so wie er und Reinmayr es seinerzeit bei Sturm taten – , erschien dem heutigen ORF-Analytiker weltfremd. Mählichs sinngemäße Schlussfolgerung, die er in einer ORF-Diskussionsrunde kundtat: Die jungen Kicker von heute seien viel zu brav. Ihnen fehle es am nötigen Biss, am absoluten Siegeswillen.

Der "individualisierte Professionalismus"
Ob der ehemalige technisch versierte Staubsauger von europäischem Format da mal keine argumentative Brezn gerissen hat. Denn dass man sich nach einem verlorenen Trainingsspiel nicht grün und blau giftet, muss keineswegs zwangsläufig ein Indiz für fehlenden Ehrgeiz sein. Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung spricht gegenüber krone.at viel eher von einer Tendenz zum "individualisierten Professionalismus". "Die aktuellen Fußballprofis haben offenbar einen sehr professionellen, distanzierten Zugang zu ihrem Beruf. Wichtiger als das Ergebnis eines Trainingsmatches ist ihnen die eigene Leistung. Sie wollen und müssen sich ja dem Trainer jeden Tag beweisen. Da ist ihnen die individuelle Leistung wichtiger als der Ausgang eines Trainingsspiels."

Kult-Kicker Ogris: "Du brauchst Eier"
Mit der zunehmenden Professionalisierung gehen bisweilen freilich auch eine Verödung des Fußballs und eine Einheitspolitur der Protagonisten einher. Didi Kühbauers "Ihre Frage ist für die Würschte"-Sager ist heute angesichts professioneller Medienschulung in Richtung Phrasendrescherei bzw. strengerer Verhaltensregeln ebenso kaum noch vorstellbar wie die Watschn, die Austria-Ikone Andi Ogris seinem Spezi, dem "Pfeffer Toni", vor einem Derby verabreichte, "um ihn aufzuwecken". Ogris, vor Kurzem in die Jahrhundert-Elf der Wiener Austria gewählt, genießt nicht nur wegen seiner unzähligen Tore für die Veilchen am Verteilerkreis Kultstatus. Es waren auch seine flotten Sprüche und Scharmützel mit seinen Gegenspielern, die ihm einen Fixplatz in den violetten Herzen sicherten.

"Ogerl" war eben noch ein "echter Typ", ein Führungsspieler mit Ecken und Kanten. Einer, der in der Mannschaft als solcher auch anerkannt wurde. "Um in der Mannschaft so viel Akzeptanz zu erhalten, brauchst du Eier", meint er. Einen solchen Typen will er im aktuellen österreichischen Nationalteam "keinen einzigen" erkennen, wie er im Gespräch mit krone.at erklärt: "Wer von denen hat über mehrere Jahre sowohl im Verein als auch im Nationalteam konstant Leistung erbracht? Gar keiner." Dabei, so ist er überzeugt, täte der eine oder andere Führungsspieler jeder Mannschaft gut.

Schöttel: "Wir machen es den Jungen zu einfach"
Ähnlich sieht es Rapid-Trainer Peter Schöttel, einst ein eher ruhiger Kapitän. "Gerade wenn es nicht läuft, kann es nicht schaden, zwei, drei Führungsspieler in der Mannschaft zu haben, die die Ärmel aufkrempeln und die Richtung vorgeben." Dass derartige Eisbrecher immer rarer werden, ist für das grün-weiße Urgestein kein Zufall. "Ich bin der Meinung, dass wir den Spielern schon im Nachwuchsbereich zu viel abnehmen, ihnen zu viele Steine aus dem Weg räumen. Wir machen es ihnen oft zu einfach. Dann wird es natürlich schwierig, dass sich eigenständige Persönlichkeiten entwickeln. Immerhin läuft in einem Spiel ja auch nicht alles rund. Da müssen sich die Spieler auch selbst aus der Patsche helfen, sind dann aber oft überfordert."

Klopp: "Du brauchst solche Typen nicht!"
Doch sind die von Schöttel geforderten "echten Typen" und Führungsspieler tatsächlich das so dringend benötigte Salz in der Fußball-Suppe? Geht es nach dem deutschen Meistertrainer Jürgen Klopp, dann nicht. "Du brauchst solche Typen nicht", murrte er unlängst auf "Sport 1": "Die Legende, dass solche Typen und Führungsspieler gebraucht werden, wird nur von solchen Personen aufrechterhalten, die früher selbst welche waren. Aber im modernen Fußball sind solche Typen überflüssig", erklärt der BVB-Coach, für den das Kollektiv alles, der Einzelne dagegen nichts ist.

"Klopp kann das jetzt natürlich leicht sagen", meint Ogris, "er hat ja ein Super-Team. Problematisch wird's aber, wenn's in der Mannschaft einmal nicht so läuft." Auch Jugendkulturforscher Ikrath unterstellt Klopp, "dass er mit der Thematik selbst ein bisschen kokettiert. Immerhin ist Klopp ja selbst so ein 'echter Typ'." Und solche schrägen Vögel täten dem Fußball sehr wohl gut, allein schon aus marketingtechnischen Gründen. "Sie bringen eine gewisse Diversität ins Geschehen. So lässt sich der Fußball natürlich besser verkaufen."

Arnautovic, das Marketing-Genie
So gesehen ist ein gewisser Marko Arnautovic – aus rein marketingzentrierter Sicht – ein Glücksfall für den österreichischen Fußball. "Er ist auf alle Fälle ein 'echter Typ'", glaubt Ikrath. "Die Rolle eines solchen muss es sein, zu polarisieren. Und das macht er wie kein anderer. Ohne seine sportlichen Leistungen und den tatsächlichen Wert für eine Mannschaft beurteilen zu wollen: Arnautovic beschert dem Fußball eine Öffentlichkeit, die er ohne ihn nie bekommen hätte."

Die Schwärmerei von Ogris für Arnautovic hält sich dagegen in Grenzen. Er erkennt in Arnautovic derzeit (noch) keinen Führungsspieler für das Nationalteam. "Der muss zuerst mit sich selbst ins Reine kommen."

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(Bild: KMM)



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