Das Osterfest steht vor der Tür. Im Vorfeld sprach Innsbrucks Diözesanbischof Hermann Glettler im Interview mit der „Tiroler Krone“ über Krieg, Versöhnung, Kirchenaustritte und neuen Zukunftsmut.
„Krone“: Herr Bischof, in Ihrem Fastenhirtenbrief stellen Sie das Thema Versöhnung in den Mittelpunkt. Und Sie stellen die Frage: Was zählt am Ende des Lebens? Was zählt denn?
Bischof Glettler: Es zählt, ob jemand im Frieden ist – mit sich, mit anderen, auch mit Gott. Und wirklichen Frieden gibt es nur durch Versöhnung. Für uns alle ein Dauerauftrag, eine Entgiftung des Herzens. Durch Versöhnung wird der Mensch fähig, Konflikte gewaltfrei zu lösen und sich dem Leben neu zu stellen – gerade, weil nicht alles eitel Wonne ist. Versöhnte Menschen sind fröhlicher, belastbarer, ja aufmerksamer. Unversöhntheit saugt viel innere Energie ab. Es geht um ein zentrales Thema fürs Zusammenleben und um Lebensqualität.
Wie kann Versöhnung mit Blick auf den Krieg in der Ukraine gelingen?
Es ist ein furchtbares Dilemma: Einerseits muss man einem Aggressor, der in seiner Zerstörungswut keine Grenzen kennt, die Stirn bieten. Leider geht das nur mit bestmöglichen Waffen. Andererseits nehmen wir mit Erschrecken wahr, dass weltweit eine verheerende Militarisierung im Gange ist. Die astronomischen Summen, die in die Waffenindustrie fließen, fehlen. Wer bekämpft entschlossen die globale Hungerkrise? Wie steht es mit den Klimazielen? Wir haben den Auftrag, möglichst versöhnt zu leben und dem Geist des Friedens Raum zu geben. Geben wir die Sehnsucht nach Frieden nicht auf.
Jeder Austritt schmerzt. Ich orte eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und zugleich eine sinkende Bereitschaft, Teil einer größeren Organisation zu sein.
Bischof Hermann Glettler
In Österreich gab es im Vorjahr wieder mehr Kirchenaustritte. In Tirol waren es insgesamt 8500, wenn man die Zahlen der Diözese Innsbruck und des Tiroler Teils der Erzdiözese Salzburg zusammenzählt. Erodiert die Gemeinschaft der Kirche?
Jeder Austritt schmerzt. Ich orte eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und zugleich eine sinkende Bereitschaft, Teil einer größeren Organisation zu sein. Diese Entwicklung spüren auch andere Interessengemeinschaften, ebenso politische Parteien. Ich will die Lage dennoch nicht dramatisieren. Zur Diözese Innsbruck gehören 359.000 Katholiken. Trotz zahlreicher Verunsicherungen gibt es an vielen Orten eine überraschende Lebendigkeit von Kirche. Und das Interesse nach Spiritualität ist vital. Nur ein Beispiel: In Österreich feiern jeden Sonntag in Summe fast eine Million Menschen die Gottesdienste im Radio, in verschiedenen TV-Sendern oder Online mit.
Kirche möglichst nahe bei den Menschen, das ist mein Ziel.
Bischof Hermann Glettler
Wie wird sich Kirche in Tirol weiterentwickeln?
Ich hoffe, gut. In der Diözese haben wir uns für die nächsten Jahre drei pastorale Leitlinien gesetzt. Erstens wollen wir das Basiswissen des christlichen Glaubens breiter erschließen – Grundkurs Christentum nennen wir das. Darüber hinaus möchten wir verstärkt mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen kommunizieren. Als drittes Ziel haben wir uns die Weiterentwicklung der Seelsorgeräume vorgenommen. Kirche möglichst nahe bei den Menschen, das ist mein Ziel.
Grundkurs Christentum: Was ist die wesentliche Botschaft des Osterfestes?
Ostern ist ein Fest der Zuversicht. Es geht um eine unerwartete Wende vom Tod zum Leben, Gottes Nähe wird oft in größter Not spürbar. Die Feier der Osternacht beginnt mit dem Entzünden der Osterkerze. Das neue Licht ist ein Symbol für den auferstandenen Christus. Wir alle brauchen dieses Licht der Versöhnung. Dort, wo Hass und Feindschaft das Sagen hatten, kann wieder Beziehung wachsen. Wo sich Verzweiflung eingenistet hat, verbreitet sich neuer Zukunftsmut.
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