Live in Wr. Neustadt

Iron Maiden: Die alten Besen kehren am besten

Wien
11.07.2022 06:30

Rund 25.000 Fans fanden sich Sonntagabend beim restlos ausverkauften Iron-Maiden-Konzert im Stadion von Wiener Neustadt ein. Bruce Dickinson und Co. heizten mit vielen Hits, einer agilen Show und sehr viel Spielfreude ein. An der Logistik gibt es aber noch einiges zu verbessern.

Im Corona-geplagten Jahr 2021 hat sich das Fußballstadion in Wiener Neustadt beim Nova Rock Encore als passende Sommerfestivallocation erwiesen und gleichzeitig für höhere Weihen empfohlen. So wurden die britischen Heavy-Metal-Legenden Iron Maiden nach Niederösterreich geladen, um bei doch recht frischen Temperaturen eine bunte Werkschau ihrer auch schon mehr als 45-jährigen Karriere zu liefern. Der Kultband folgten Fans aus aller Herren Länder. Die rund 25.000 Anwesenden waren grob zwischen Vorarlberg und Rumänien zu verorten und zeigten sich schon im Vorprogramm in guter Stimmung. Lord Of The Lost mussten sich ihren Jubel noch hart verdienen, bei den mehrfach Österreich-erprobten Aussie-Rockern von Airbourne wurde in bierseliger Stimmung dann das erste Mal kurz darauf vergessen, dass in wenigen Stunden eine neue Arbeitswoche ansteht.

(Bild: Andreas Graf)
(Bild: Andreas Graf)

Progressive Einleitung
Iron Maiden stehen wie keine zweite Band im Metal-Genre für Beständigkeit und höchste Qualität. Frontmann, Pilot, Fechter und Geschichtsfanatiker Bruce Dickinson konnte noch nicht einmal ein hartnäckiger Kehlkopfkrebs aus der Bahn werfen, er zeigt sich in Wiener Neustadt in beneidenswerter Form und trifft die hohen Töne auch im Pensionsalter mit akkurater Genauigkeit. Sein theatralisches Gebaren fügt sich perfekt in das zu Beginn noch fernöstlich anmutende Bühnenbild ein. Die ersten drei Songs stammen samt und sonders aus dem 2021 veröffentlichten, aktuellen Studioalbum „Senjutsu“ und gehen dorthin, wo man Maiden schon seit geraumer Zeit verortet: in den progressiven Bereich. Songs mit Überlänge, Tempowechsel, vertrackten Passagen und ausufernden Arrangements sind bei Bassist und Bandboss Steve Harris längst Usus. Dazu tanzt Maskottchen Eddie mit Schwert im Samurai-Outfit über die Bühne.

(Bild: Andreas Graf)
(Bild: Andreas Graf)

Der Showaspekt war bei den Londonern schon immer wichtig, aber er gewinnt mit den Jahren zunehmend an Bedeutung. Die berühmte Spitfire, ein aus dem Bühnenhintergrund ragender Teufels-Eddie, Dickinsons Jetpack-artiger Flammenwerfer oder die traditionelle Union-Jack-Flagge beim Top-Hit „The Trooper“ - neben den ausufernden, hochmelodischen Songs hat das ganze Drumherum durchaus Broadway-Flair. Für den größten Jubel sorgen natürlich die Klassiker. „The Number Of The Beast“, „Fear Of The Dark“ oder „Run To The Hills“ haben allesamt 30 bis 40 Jahre am Buckel und von ihrer Magie nichts verloren. Beherzt auch die Mitglieder. Das Gitarrentrio Adrian Smith, Dave Murray und Jannick Gers spielt sich die Saiten-Bälle zu, Steve Harris - stilecht mit einem Gitarrengurt von seinem Lieblingsverein West Ham United - hält die bunte Band rhythmisch zusammen und Nicko McBrain, optisch am deutlichsten gealtert, verrichtet sein Werk gut versteckt recht stoisch, aber sehr präzise.

(Bild: Andreas Graf)
(Bild: Andreas Graf)

Überraschende Höhepunkte
Über allen steht Bruce Dickinson, der Mick Jagger des Heavy Metal, der mit beneidenswerter Fitness, viel Agilität und einem hippen Dutt erfolgreich dem Alter trotzt. Das singende Bandküken hat zudem noch zusätzliche Energie, weil er mittlerweile nicht mehr selbst mit der „Ed Force One“ zu den Konzerten fliegt. Angeblich aus Umweltgründen, war die Maiden-Maschine doch ein kräftiger Kerosin-Verbraucher. Die überschüssige Kraft geht somit ganz in der Performance auf, die hautenge Lederhose und das Piratenhemd stehen dem schauspielernden Musiker mehr als gut. Die Fans fressen ihren Lieblingen sehr früh aus der Hand und lassen sich die Begeisterung nicht nur bei den Highlights anmerken. Abseits davon finden sich die wahren Perlen. Ein gut zehnminütiges Prachtstück namens „Sign Of The Cross“ und die ebenfalls im Original von Blaze Bayle eingesungene Nummer „The Clansman“ gehören zu den absoluten Highlights des Abends. Nur schade, dass der Sound immer wieder vom Wind verweht wird.

(Bild: Andreas Graf)
(Bild: Andreas Graf)

Die Musiker brillieren mit geübtem Posing. Gers lässt seine Gitarre immer wieder vertikal in die Höhe schnellen, Harris posiert mit einem Bein auf der Monitorbox und Murray kommt aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Ein Maiden-Konzert ist immer ein Triumphzug, hier ist es natürlich nicht anders. Bücher füllen könnte man aber auch mit jenen Hits, die heute keinen Platz im Set finden. „The Evil That Men Do“, „2 Minutes To Midnight“, „The Wicker Man“ oder „Can I Play With Madness“ kriegen beim knapp zweistündigen Auftritt keinen Raum. Wer solche Preziosen einfach einmal eine ganze Tour lang beiseitelegen kann, hat in seiner Karriere definitiv einiges richtig gemacht. Wie gewohnt verändern, verschieben und würzen Maiden ihre Setlist mit jeder neuen Tour, um die Dinge im Fluss halten und nicht in die Routineschleife zu geraten.

(Bild: Andreas Graf)
(Bild: Andreas Graf)

Abzüge in der B-Note
Bei all der Liebe zu einer sich in Topform befindlichen Top-Band, sollte man für zukünftige Events in der Wiener Nachbarschaft nicht auf jene Dinge vergessen, die noch größere Verbesserungen bedürfen. So könnte man das Bechersystem endlich vereinheitlichen und die Menschen nicht immer quer durchs vollgefüllte Stadion jagen. Als eher misslungenes Experiment darf auch die große Leinwand samt Dixie-Klo-Umrandung in der Mitte des Areals gesehen werden. Die Konstruktion kostete vielen Maiden-Maniacs die Sicht auf Feuerwerk und Spektakel. Chaotisch auch die Abreise mit dem Auto, bei der so mancher Fahrer sich über mehr als eine Stunde lang keinen Zentimeter vom Fleck rührte und die Nerven bis zum Äußersten strapaziert wurden. Grosso modo galt aber: up the irons! Die große „Iron-Maiden-Familie“ - Copyright Dickinson - ließ den lauschigen Abend trotz diverser Kinderkrankheiten zu einem besonderen werden. Und einem weiteren „Scream for me, Austria“ steht hoffentlich nichts im Wege.

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