10.07.2022 09:55 |

Teuerung spürbar

„Wie soll ich denn meinem Sohn noch etwas bieten?“

Immer mehr Menschen können sich das Leben in Vorarlberg nicht mehr leisten. Bei „Tischlein deck dich“ versorgen sich sogar schon Familien aus dem Mittelstand mit kostenlosen Lebensmitteln.

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„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu euch kommen muss“ - diesen Satz bekommt Silvana Schatzer in letzter Zeit immer öfter zu hören. Sie ist eine der rund 300 Freiwilligen, die bei „Tischlein deck dich“ Lebensmittel ausgeben. An diesem Dienstag stehen rund 250 Menschen bei der Ausgabestelle auf dem Vorplatz des Kapuzinerklosters in Feldkirch an - vor dem Ukrainekrieg waren es rund 90.

Neben Asylwerbern und Flüchtlingen aus der Ukraine mischen sich viele alleinerziehende Mütter und Väter sowie Familien mit mehreren Kindern in die Schlange. Sie machen etwa ein Drittel aus. Es gibt Obst, Gemüse, Fleisch, Getränke und Süßigkeiten für die Kleinen. Jeder, der etwas holt, hat eine Berechtigungskarte. Die bekommt man erst, wenn die Einkommenssituation offengelegt wird. „Viele kommen erst sehr spät zu uns“, berichtet Silvana.

Teils aus Scham, teils aus schlechtem Gewissen, jemandem, dem es noch schlechter geht, etwas wegzunehmen. „Irgendwann geht es sich aber finanziell nicht mehr aus und dann brauchen sie doch Hilfe.“

Viele würden in Tränen ausbrechen, wenn sie über ihre Situation sprechen. „Eine alleinerziehende Mama hat mir kürzlich gesagt, dass sie sich davor fürchtet, wenn eines ihrer Kinder krank wird, weil sie sich nicht einmal mehr das Benzin für die Fahrt zum Arzt leisten kann.“ Kinder sind in vielerlei Hinsicht die Leidtragenden. „Wie soll ich denn meinem Sohn noch etwas bieten?“ Das hatte eine junge Frau gefragt. Sie arbeitet nachts in einer Bäckerei.

Durch die Kurzarbeit musste sie massive finanzielle Einbußen hinnehmen. Die Teuerung hat das Loch in der Haushaltskasse jetzt noch weiter aufgerissen.“

Die Armut ist oft nur eine Rechnung entfernt
Eine Geschichte ist Silvana ganz besonders nah gegangen - jene einer Mutter von Zwillingen, die nun nochmals Zwillinge bekommt. „Sie weiß nicht, wie sie das stemmen soll.“ Ein Extremfall sicherlich - und dennoch steht dieser exemplarisch für tausende Menschen in Vorarlberg, denen ebenfalls der Absturz droht. Bereits jetzt müssen sie jeden Cent umdrehen, kommt dann noch eine zusätzliche Belastung dazu, stecken sie mittendrin in der Armut.

„Das geht oft schneller, als man denkt“, weiß Silvana aus eigener Erfahrung. Sie ist selbst als „Kundin“ zu „Tischlein deck dich“ gekommen. „Ich war frisch geschieden und allein mit meinen vier Kindern.“ Arbeiten war kaum möglich. Zudem leidet sie an einer bipolaren Störung, unter anderem aufgrund von schlimmen Erfahrungen in ihrer Kindheit. Seit zwei Jahren bezieht sie Invalidenpension, ihr jüngster Sohn lebt noch bei ihr. Finanziell kommt sie so gerade über die Runden. Die Arbeit bei „Tischlein deck dich“ gebe ihr Halt und Sinn, sagt sie. „Bei vielen Geschichten von unseren Klienten muss ich sagen: Mei, hab ich es gut.“

Auch „Tischlein deck dich“ leidet unter der Krise
Die aktuelle Preisexplosion trifft aber auch den Verein „Tischlein deck dich“. Die Teuerung und die steigende Zahl an Klienten machen zu schaffen. „Besonders die steigenden Diesel- und Stromkosten sind zu einer echten Belastung geworden“, berichtet Vereinsobmann Elmar Stüttler. Personell sei man ohnehin am Anschlag. „Hoffentlich müssen wir den Leuten nicht bald sagen, dass sie nur noch alle zwei Wochen kommen können.“ Auch Grundnahrungsmittel müssten mittlerweile zugekauft werden - Mehl, Zucker, Reis, Nudeln.

30 bis 35 Tonnen Lebensmittel werden pro Woche insgesamt verteilt. „Wir kaufen jetzt im Monat zwei bis drei Paletten zu. Das sind 1500 bis 1800 Kilo an Nahrungsmitteln. Zum Glück können wir das dank der Spenden auch finanzieren.“

Überaus kritisch beurteilt Stüttler das „Hilfspaket“ der Bundesregierung: „Wir müssten uns ganz auf jene konzentrieren, die ein sehr geringes Einkommen haben. Stattdessen wird das Geld mit der Gießkanne ausgeschüttet. Wer 2000 Euro bekommt, kann sich einschränken und nagt nicht am Hungertuch.“ Silvana würde sich vor allem wünschen, dass mit den Vorurteilen aufgeräumt wird. „Niemand sollte sich schämen müssen, wenn er oder sie zu uns kommt.“

Große Spendenbereitschaft
Positiv stimmt beide die große Spendenbereitschaft der Vorarlberger. Dank der Gönner und dem enormen ehrenamtlichen Engagement von „Tischlein deck dich“ kann für etliche Menschen zumindest die allergrößte Not ein wenig gelindert werden.

Philipp Vondrak
Philipp Vondrak
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