Hier war ich glücklich

„Die Wunderbar ist ein Wohnzimmer für alle!“

Vorarlberg
03.07.2022 12:25

„Krone Vorarlberg“-Autor Robert Schneider besucht für seine Serie „Hier war ich glücklich“ mit prominenten VorarlbergerInnen Plätze ihrer Kindheit. Diese Woche war er mit dem Bregenzer Szenewirt Willi Liepert an der Bregenzer Ache.

In Lauterach gibt es ein ganz einzigartiges Naturdenkmal, das mir als Oberländer bisher völlig unbekannt war. Bis mich Willi Liepert, die Seele der legendären Wunderbar aus der Bregenzer Innenstadt, dorthin mitgenommen hat. Es war der Platz seiner Kindheit. Hier hat der gelernte Croupier viele Stunden verbracht, abgehangen, gechillt, wie man auf Neudeutsch sagt. Es handelt sich um die sogenannte Sandplatte, eine hundertfach ausgeschliffene Felsformation mitten in der Bregenzer Ache. Vor Jahrmillionen soll das ein Sandstrand gewesen sein. Das Wechselspiel von Ebbe und Flut ließ die Sandwellen wandern, die dann vielfältige Sanddribbeln, Strudeltöpfe, Rinnen und witzige Naturbadewannen ausgeschürft haben. Ein Paradies für Kinder und Erwachsene gleichermaßen.

„Wunderbar“-Chef Willi Liepert mit „Krone“-Autor Robert Schneider (re.) (Bild: Maurice Shourot)
„Wunderbar“-Chef Willi Liepert mit „Krone“-Autor Robert Schneider (re.)

Es regnet in Strömen, als wir die Böschung hinabsteigen. Die Ache ist reißend, ein Übersetzen unmöglich. Wir bleiben am Ufer. Sofort fällt mir ein aus bemalten Steinen gebautes, hinter Büschen verstecktes Gedächtnismal auf. Das Epitaph für ein 15-jähriges Mädchen, das hier vor acht Jahren beim Fotografieren ertrunken ist. So alt wie mein ältester Sohn jetzt. Alle drei - Willi, Maurice, der Fotograf, und ich - werden sofort still. Das Denkmal hat etwas ungemein Berührendes. Es greift einem tief ins Herz. Kalt lässt es keinen von uns. Weil der Regen nicht enden will, lassen wir Maurice seinen Job erledigen. Der immer gut gelaunte Amerikaner, der wie Bill Ramsey Deutsch spricht, macht seine Schnappschüsse, dann flüchten Willi und ich ins Trockene, in ein Gasthaus in Lauterach.

Robert Schneider: Der Name Liepert klingt nicht gerade einheimisch.

Wir stammen ursprünglich aus Schönwies in Tirol. Mein Vater, der Textilarbeiter war, ging aber schon in ganz jungen Jahren weg und zog nach Bregenz. Dort lebte er in einer kärglichen Wohnung in der Nähe des Klosters Mehrerau. Er hatte es wirklich nicht einfach. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Einmal erzählte er mir, dass er als Bub oft zur Klosterpforte gehen musste, um Suppe zu holen. Dann der Krieg. Mit achtzehn wurde er eingezogen, kam an die russische Front. Kriegsgefangenschaft. Er war, wenn ich an ihn zurückdenke, ein lustiger Mensch. Aber über den Krieg hat er niemals geredet. Das muss ein unglaubliches Trauma für ihn gewesen sein. Für die Kriegsheimkehrer gab es ja keinerlei psychologische Betreuung. Entweder wurde man fertig damit oder nicht. Das hat damals keinen interessiert.

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Meine Eltern waren Sozialisten durch und durch. Rote. Wir waren für die damaligen Verhältnisse ein wirklich offenes Haus.

Willi Liepert

Schneider: Und die Mutter?

Die hat immer so nebenbei im Service gearbeitet und war eine großartige Köchin. Von ihr habe ich die Leidenschaft fürs Kochen, überhaupt für diesen Beruf.

Schneider: Wurdest Du katholisch erzogen?

Nein, ganz und gar nicht. Meine Eltern waren Sozialisten durch und durch. Rote. Wir waren für die damaligen Verhältnisse ein wirklich offenes Haus. Das Mittagessen am Sonntag war ein Highlight. Ich habe noch fünf Geschwister, aber oft saßen vierzehn Leute und mehr am Tisch. Dieses Zemmahocka, das gesellschaftliche Beisammensein, war meinen Eltern sehr wichtig.

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Zocken war immer meine Leidenschaft. Kartenspielen, Jassen...

Willi Liepert

Schneider: Was sind die Bilder deiner frühen Kindheit?

An etwas erinnere ich mich noch sehr gut. Ich wurde zum Einkaufen geschickt. Dafür bekam ich von der Mama einen Schilling und durfte an der Kassa zehn Stollwerck aus einem Plastiksack herausnehmen. Diese weichen Karamell-Bonbons, die die Zähne so verklebt haben. Ein Stollwerck kostete 10 Groschen.

Schneider: Wie ging es dann weiter mit Dir?

Nach der Volksschule bin ich aufs Gymnasium gegangen, habe dort maturiert, danach aber gleich eine Ausbildung zum Croupier gemacht, weil der Kurt, mein älterer Bruder, im Casino administrativ tätig war. Zocken war immer meine Leidenschaft. Kartenspielen, Jassen...

Schneider: Bist Du spielsüchtig?

Nein, weil ich mich gut einschätzen kann. Ich spiele auf meinem Niveau, aber das ist nicht existenzbedrohend.

Schneider: In Deinem Leben als Croupier wirst Du wohl alle Höhen und Tiefen menschlicher Existenz erlebt haben...

Ja. Weil man die Leute immer in ihren Extremen sieht. Da gibt es welche, die keine Augenbraue heben, gleich ob sie 20.000 Euro in wenigen Sekunden gewinnen oder verlieren. Dann gibt es welche, die bei einem Gewinn von 150 Euro vor Freude an die Decke gehen.

Schneider: Da haben sich bestimmt auch tragische Dinge abgespielt.

Es gab einen Mann, der jahrelang ins Casino kam. Nett, immer im Dresscode. Er hat mit hohen Einsätzen gespielt. Im Lauf der Zeit wurden die Einsätze immer geringer. Auch er ließ sich gehen, wurde ungepflegter. Am Ende spielte er nur noch mit fünf Euro. Dann kam er nicht mehr. Das war traurig. Das ist Spielsucht.

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Die Wunderbar ist ein öffentliches Wohnzimmer für alle. Eigentlich ist es wie damals bei mir zuhause.

Willi Liepert

Schneider: Warum die Wunderbar?

Ich brauchte einen Tapetenwechsel. Karin, meine Schwester, hat diese Café-Bar aufgebaut. Sie wollte etwas ganz Besonderes in Bregenz machen. Etwas mit rot-samtigem Interieur. Das hat die Geister damals wie heute geschieden. Man mag die Bar oder auch nicht.

Schneider: Sie hat Kultstatus, ähnlich dem ehemaligen Café Feuerstein in Feldkirch. Was zeichnet so eine Bar in Zeiten von Kaffeehausketten aus?

Sie ist ein öffentliches Wohnzimmer für alle. Eigentlich ist es wie damals bei mir zuhause. Da kommen Oberstüfler aus dem Gymnasium. Die halten sich lieber oben in der Bar auf. Erste Liebe und so. Dann gibt es einen Stammgast, der seit 25 Jahren kommt.

Die Bregenzer „Wunderbar“: beliebt bei Alt und Jung. (Bild: Angelika Drnek)
Die Bregenzer „Wunderbar“: beliebt bei Alt und Jung.

Schneider: Was ist ein guter Wirt?

Er muss ein gesundes Maß an Anteilnahme und Distanz mitbringen. Zu viel Parteinahme ist schlecht, zu wenig auch.

Schneider: Eine Frage des Charakters? Du wirkst ja sehr ausgeglichen und ruhig.

Ja, aber wenn eine Diskussion persönlich beleidigend wird, kann ich sehr wohl eingreifen und sagen: So, Kinder, jetzt ist aber genug!

Schneider: Was ist für Dich Glück?

Wenn ich mit dem, was ich arbeite und mache, im Frieden bin.

Schneider: Bist du im Frieden?

Glaub schon. Aber ich sollte ein wenig leiser treten.

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