Ralf Rangnick ist sehr zuversichtlich, dass das österreichische Fußball-Nationalteam mit seiner Spielidee erfolgreich sein wird. Der neue Teamchef gilt als Verfechter des proaktiven Pressing-Fußballs. Diesen will der 63-jährige Deutsche trotz geringer Vorbereitungszeit auch mit dem ÖFB-Team umsetzen. „Ich sehe mehr Chancen als Risiken mit diesem Team“, betonte Rangnick bei seiner Antrittspressekonferenz am Sonntagnachmittag in Bad Tatzmannsdorf.
25 Spieler hat Rangnick zu seiner ersten Zusammenkunft ins Burgenland geladen, das Kennenlernen stand am Sonntagabend auf dem Programm. Das erste, auch öffentliche Training folgt am Montagvormittag (10.30 Uhr). Zu seiner Präsentation im Kultursaal eines Thermenhotels erschien Rangnick in Begleitung von ÖFB-Präsident Gerhard Milletich und Sportdirektor Peter Schöttel ganz in schwarz - und mit der Überzeugung, mit dem Team etwas „reißen“ zu können. „Es ist schon eine Weile her, dass die Fußball-Nationalmannschaft Österreichs durch irgendwelche Heldentaten auf sich aufmerksam gemacht hat“, sagte Rangnick.
Der aktuelle Kader habe aber sehr viel Potenzial. „Wir haben jetzt eine richtig gute Mischung aus Erfahrung aber auch Spielern, die gerade erst ihre Karriere so richtig in Gang bringen.“ Einige davon hätten auch schon unter ihm gespielt oder trainiert und seien daher mit seinen Vorstellungen bekannt. Rangnick steht nicht für große Kompromisse. „Für mich ist die Spielidee klar, das ist sie auch als junger Trainer schon immer gewesen.“ Fußball sei ein Mannschaftssport. „Das Ziel ist immer, mit der Mannschaft Leistungen auf den Platz zu bringen, die mehr sind als die zu erwartende Summe der Qualität der Einzelspieler.“
Dann sei Fußball auch noch Zuschauersport. „Es hat immer auch etwas mit Unterhaltung zu tun. Spiele sollten nie langweilig sein, sondern sollten die Zuschauer im besten Sinne des Wortes begeistern.“ Das ÖFB-Team dürfe sich - besonders gegen Spitzenmannschaften - nicht auf die Spielweise der Gegner einlassen, meinte Rangnick. „Das setzt voraus, dass wir proaktiv sind. Das setzt Mut voraus.“ Diese Spielweise habe aber nichts mit der Grundordnung zu tun. Der nominierte Kader gebe ihm sehr viel Flexibilität. „Wir können mit dem Kader problemlos Dreierkette spielen, aber auch Viererkette - mit zwei Stürmern, mit drei. Wir haben auch im Mittelfeld alle Möglichkeiten.“
Mit der Kadergröße wollte Rangnick auch der Belastung Rechnung tragen. Von der U21 wird am Wochenende zusätzlich Patrick Wimmer zum Team stoßen. Der Neo-Teamchef kündigte zudem Rotation an. „Speziell in den Spielen Nummer zwei, drei und vier wird es so sein, dass man auch mit frischen Beinen in die Spiele gehen kann.“ Auch die drei Torhüter - Basel-Legionär Heinz Lindner, Austrias Patrick Pentz und der erstmals nominierte Ex-Schalker Martin Fraisl - sollen sich alle zeigen können. Dennoch will Rangnick schon in der Nations League selbstbewusste Auftritte sehen.
„Gegen viel prominentere Gegner kannst du in Europa nicht spielen“, meinte der bisherige Manchester-United-Coach. „Ich glaube nicht, dass wir in irgendein Spiel gehen werden, in dem die Wettbüros sagen, höchstwahrscheinlich wird Österreich gewinnen. Wenn wir trotzdem gewinnen wollen, müssen wir irgendetwas besser machen als der Gegner.“ Ein Teil davon soll Rangnicks Pressing sein. Die vergangenen WMs und EMs hätten gezeigt, dass die Mannschaften erfolgreich gewesen seien, die neben ausgeprägtem Teamspirit klare Strategien verfolgt hätten. „Wir wollen in den wichtigen Spielphasen, in den Umschaltsituationen und auch bei Standards versuchen, die Mannschaft bestmöglich vorzubereiten. Es geht um eine klare Aufgabenverteilung.“
Die will er seinen Spielern in den kommenden zwei Wochen mit seinem Trainerteam auch in vielen Einzelgesprächen vermitteln. Mit dem von Rangnick geforderten Anlaufen tat sich bei United allerdings selbst Weltstar Cristiano Ronaldo schwer. Österreichs Top-Stürmer Marko Arnautovic und Sasa Kalajdzic gelten ebenfalls nicht unbedingt als Pressing-Spieler. Rangnick macht sich darüber wenig Sorgen. „Es geht nur im Kollektiv, es geht nur zusammen.“ Er habe sich einige Spiele von Arnautovic angesehen. Verglichen mit dem Zeitpunkt seiner Rückkehr aus China wirke der Bologna-Legionär nun körperlich deutlich fitter, deutlich austrainierter. Letztlich liege es aber auch an Arnautovic selbst.
„Marko ist jetzt 33. Es ist nicht mehr so viel Zeit. Wenn Marko neben dem 100. Länderspiel, das er demnächst machen wird, noch irgendetwas gewinnen will mit der Nationalmannschaft, dann müssen wir uns beeilen - dann muss er sich auch beeilen“, betonte Rangnick. Körperlich sei Arnautovic bereit. „Er möchte auch erfolgreich sein.“ Kalajdzic habe nach seinen schweren Verletzungen beim VfB Stuttgart aufgezeigt. „Da sollte man auch den einen oder anderen nicht unterschätzen“, meinte der Neo-Teamchef. Der Zwei-Meter-Mann sei mit 24 noch jung genug. Rangnick: „Dass er Stärken hat im Sechzehner, in der Luft, das wissen wir. Aber warum soll ein Sasa Kalajdzic im Kollektiv mit anderen Spielern nicht auch in der Lage sein, das umzusetzen?“
Mit Alaba muss sich Rangnick vorerst telefonisch besprechen. Der frisch gebackene Champions-League-Sieger wird frühestens zu Wochenmitte in Bad Tatzmannsdorf erwartet. „Madrid ist im Ausnahmezustand seit gestern“, weiß der Teamchef. Ob Alaba gegen Kroatien bereits spielen werde, sei auch vom Zeitpunkt seines Eintreffens abhängig. Rangnick übernimmt die ÖFB-Auswahl auf Platz 34 der FIFA-Weltrangliste - hinter Ländern wie dem Iran oder Costa Rica. Ob das so sein oder bleiben müsse, stellte der Deutsche infrage.
Als er 2012 als Sportdirektor in Salzburg angeheuert hatte, seien die Österreicher noch deutlich weiter hinten gelegen, jenseits von Platz 70. In der für die Clubbewerbe maßgeblichen Fünfjahreswertung ist man in Europa nun bereits Achter. Rangnick: „Ich wüsste nicht, warum in Österreich mit dem Nationalteam nicht auch so eine Entwicklung möglich sein sollte.“








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