15.05.2022 16:00 |

Taxi-Geschichten

Gegen das Formatradio: Der Sound für die Straße

Wir fahren mit und hören zu. „Krone“-Reporter Robert Fröwein setzt sich auf die Taxi- oder Uber-Rückbank und spricht mit den Fahrern über ihre Erlebnisse, ihre Sorgen, ihre Ängste. Menschliche Geschichten direkt aus dem Herzen Wiens.

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Für mich als Musikfan und -journalist ein seltenes, aber umso schöneres Erlebnis: in meinem Taxi wird auf das Formatradio verzichtet und über den Mainstream-Tellerrand gedacht. Schon nach wenigen Sekunden kommen mir die Klänge aus dem Äther vertraut vor und ich frage zur Sicherheit nach, ob das wirklich die Arctic Monkeys wären. Mein Fahrer Aleksandar nickt bestätigend und reicht mir die CD-Hülle des ungeschlagenen Debütalbums „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“ nach hinten. Die Band gehöre nicht zu seinen allergrößten Favoriten, aber er schätze die Ehrlichkeit und Authentizität, die Sänger Alex Turner in seinen frühen Songs transportieren würde. Ein verstohlener Blick meinerseits in die Seitentaschen seines Mercedes bestätigt mir, dass beim Mittvierziger eine Leidenschaft für gute Klänge vorhanden ist.

Wanda, Amy Winehouse, die Chemical Brothers… das kleine Eck rechts unten könnte von Oasis‘ „Definitely Maybe“ stammen. Mein Interesse an seiner Musik erfreut Aleksandar. „Ich bin wirklich froh, dass du das sagst. Die meisten Leute wollen nur Energy oder Ö3 hören. Das ist aber nicht auszuhalten. Das klingt so, als würden sie immer nur einen Song spielen. Einfach furchtbar.“ Für Aleksandar ist Musik nicht nur, aber vor allem während seines Jobs wichtig. Die meisten Gäste würden sich nicht gerne unterhalten und lieben die Berieselung. Nur selten käme er mit ihnen wirklich über Rock- und Popmusik ins Gespräch und wenn von der Rückbank direkte Senderwünsche nach vorne flattern, nimmt er sie eher zähneknirschend zur Kenntnis. „Manche wollen FM4 oder Ö1 hören, das ist noch okay. Aber meine CDs kann nichts ersetzen.“

Wie groß seine private Sammlung ist, kann Aleksandar nicht spontan beantworten. Ein paar Hundert Platten werden es sein, dito CDs. Seit seine zwei noch recht kleinen Kinder auf die Welt gekommen sind, haben sich die Prioritäten ohnehin verschoben. Das Haushaltsbudget wird eher in Kinderkleidung gesteckt als in Polycarbonat. An den Beginn seiner Sammelleidenschaft kann er sich nicht mehr genau erinnern. „Vielleicht 1985. Da war ich zehn Jahre alt und habe mich durch die Platten meines Vaters gewühlt.“ Im damaligen Jugoslawien war der alte Herr eine größere Nummer in der lokalen Jazz- und Jazzrockszene inkl. zwei goldener Schallplatten. Zvezdana Prašina, zu Deutsch „Sternenstaub“, war der Bandname und der Junior war von klein auf mit dem musikalischen Virus infiziert.

Sein Vater gab ihm auch die Liebe zu den alten Rockhelden mit auf den Weg. Led Zeppelin, die Beatles, die Rolling Stones und vor allem Pink Floyd. Aleksandars absolute Lieblingsband, die für ihn alles vereint, was er so liebt. „Sie hatten einen ganz einzigartigen, sehr psychedelischen Sound. Keine Band klang so wie sie und das ist bis heute noch der Fall.“ Dass er Gitarrist David Gilmour 2016 vor dem Schloss Schönbrunn und Exzentriker Roger Waters ein paar Jahre davor in der Wiener Stadthalle verpasst hat, ärgert ihn im Nachhinein. „Die Kartenpreise waren einfach zu hoch. Ich habe lange überlegt und mich dann dagegen entschieden.“ Die Nachbetrachtung von YouTube-Videos und Erzählungen von Freunden machten ihn aber relativ schnell wehmütig. „Die großen, alten Legenden sterben uns langsam alle weg. Man muss die Chancen noch nützen.“

Vor der Geburt seiner Kinder war Aleksandar Stammgast bei allen möglichen Blues- und Rockkonzerten. Heute gibt er sein Gitarrenwissen und die Leidenschaft für das Audiophile an seinen Nachwuchs weiter - durchaus mit Erfolg. „Der Jüngere hat sich einmal an ein Klavier gesetzt und einfach darauf herumgeklimpert. Ich habe oft versucht, ihm etwas auf der Gitarre zu zeigen, aber das hat nicht so ganz funktioniert. Doch die Tasten haben sich völlig natürlich für ihn angefühlt, obwohl ihm das niemand gezeigt hat.“ Mittlerweile hat ihm Aleksandar eine Melodica besorgt, der Klavierunterricht ist bereits vorreserviert. „Vielleicht wird daraus ja was, man weiß es nie.“

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