21.01.2022 10:47 |

„Krone“-Kolumne

Lockerer Umgang mit Sex auch in der Arbeit?

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller darüber, ob man wirklich im Arbeitskontext über Sexualität reden sollte.

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Sicher, zu Beginn wirkt es offen und nahbar, wenn sich im Arbeitskontext Gespräche über private Themen ergeben. Es hüte sich allerdings, wer sich verschätzt mit dem Detailgrad der Erzählungen. Das ist besonders relevant bei Pausen-Gesprächen über Sexualität unter Kollegen.

Am Anfang fand Stefanie es richtig cool in ihrem neuen Team. Alle waren nett. Beim Mittagessen wurde häufig über sexuelle Vorlieben gesprochen, obwohl meist eher unter den älteren Kollegen. Als neue, junge Mitarbeiterin hat sie sich auf die Gespräche eingelassen. Warum? „Ich dachte, dass es wichtig ist, sich mit den Kollegen gut zu verstehen. Die Stimmung war locker. Und so habe ich halt auch einige Details aus meinem Sexleben erzählt.“

Irgendwann wurde die Stimmung seltsam. Bei einem Dienst im Sommer kippte Stefanie wegen Kreislaufproblemen um. Prompt kommentierte das ein Kollege zwinkernd mit den Worten: „Du hast Glück, dass du nicht während meinem Dienst umgekippt bist!“ Diese Art von Schmäh, die eigentlich eine Drohung ist, fand Stefanie nicht lustig. Bewusstlose Menschen können in Sex nicht einwilligen. Sex mit bewusstlosen Menschen ist strafbar. Nach einer solchen Ansage fühlte sich Stefanie nicht mehr wohl in der Gegenwart des Kollegen.

Selbst wenn es nicht grenzverletzend ist, ist es selten angemessen, im Arbeitskontext über die eigene Sexualität zu reden. Sexuelle Vorlieben im Detail mit Kollegen zu teilen, kann professionelles Verhalten im Job unterminieren. Zu unterschiedlich sind sexuelle Werthaltungen, zu unterschiedlich auch die Grenzen der Offenheit einzelner Personen. Zurückhaltung und Respekt vor privaten Details hat nichts mit Gschamigkeit zu tun. In den meisten Jobs gibt es Konkurrenz und Hierarchien. Vielleicht ist die nette Kollegin, der man sein aufregendes Dating-Leben anvertraut, in zwei Jahren die neue Chefin? Vielleicht erleben es jüngere oder ältere Kollegen als grindig, sich bei der Arbeit die angetörnten Sexgeschichten der anderen anzuhören? Vielleicht fühlen sich sexuelle Minderheiten unter Druck gesetzt mitzureden, was sie aber nicht können, ohne sich zu outen?

Es gibt viele gute Gründe, im Zweifelsfall das Sexleben privat zu halten. Selbst Sexualpädagoginnen oder -therapeuten sind mit ihrer Sexualität im Arbeitskontext zurückhaltend - und denen kann man nun wirklich nicht vorwerfen, dass sie ein Problem damit haben, über Sexualität zu sprechen. Aber eben nicht mit jedem. Und nicht immer auf die gleiche Art und Weise. Ist die Stimmung erst einmal sexualisiert, ist auch ganz ohne Knutschen auf der Weihnachtsparty der weitere berufliche Umgang belastet. Und manchmal bleibt dann nichts anderes übrig, als Konsequenzen zu ziehen: Nachdem Stefanie erfolglos versucht hatte, intern in ein anderes Team zu wechseln, ging sie schließlich zu einer neuen Firma. Prinzipiell ist es ja wichtig, eine gute Stimmung im Team zu haben. Aber vielleicht gibt es dazu auch andere Mittel, als die Sexgeschichte vom Wochenende zum Besten zu geben?

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Barbara Rothmüller
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