23.12.2021 16:00 |

„Krone“-Interview

Glettler: „Am wichtigsten ist jetzt Versöhnung“

Wie feiert Bischof Hermann Glettler den Heiligen Abend? Was sagt er zur wachsenden Spaltung der Gesellschaft und zum neuen Gesetz für Beihilfe zum Suizid? Und warum fasziniert ihn der Heilige Josef? Ein Gespräch.

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„Krone“: Wir erleben heuer die zweiten Weihnachten im Schatten der Pandemie. Die Gesellschaft scheint tief gespalten, viele Menschen fühlen sich überfordert, überrumpelt, bevormundet. Wie können wir wieder zusammenfinden?
Bischof Hermann Glettler:
Uns allen würde ein Innehalten guttun. Ja, es gibt nicht nur eine gereizte Stimmung, sondern echte Zerwürfnisse und Verhärtungen, die bereits Familien und Beziehungen nachhaltig verletzt haben. Aber wir dürfen das Thema auch nicht künstlich aufblähen. Machen wir doch einen weihnachtlichen Stopp – runter vom Gaspedal der Empörung. Zuhören ist wichtiger als recht haben. Verständnis zeigen ist wichtiger als auf der Straße schreien. Und mein persönlicher Tipp: Täglich zehn Minuten Stille. Das wirkt Wunder, wie jedes einfache Gebet.

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Am wichtigsten ist jetzt die Versöhnung. Verbale Aggressionen und Hetze haben bereits sehr viel kaputt gemacht.

Bischof Hermann Glettler

Abstand halten ist das Gebot der Stunde. Doch Kirche lebt von Nähe und Gemeinschaft. Besteht nicht gerade jetzt die Gefahr, dass sich noch mehr Menschen von der Kirche entfernen?
Die Sehnsucht nach realer Begegnung und echtem Miteinander-Feiern ist ungebrochen. Ich bin optimistisch. Überall dort, wo man einen lebendigen Glauben erlebt und eine fröhliche Aufmerksamkeit, werden die Leute wieder in die Kirche kommen. Im Gottesdienst geht es um Begegnung, um wirkliches Hören, Sprechen und Singen, auch um Berührung. Die leibliche Dimension ist gerade bei den Sakramenten enorm wichtig. Gott ist doch Mensch geworden, nicht eine fromme Idee.

Das klingt hoffnungsfroh. Haben Sie auch die Hoffnung, dass die Krise eine Rückbesinnung auf Werte wie Solidarität und Miteinander bewirkt?
Am wichtigsten ist jetzt die Versöhnung. Verbale Aggressionen und Hetze haben bereits sehr viel kaputt gemacht. Wäre nicht das Geburtsfest Jesu die Chance, einander in die Augen zu schauen, wenn nötig, um Entschuldigung zu bitten und die Hand zu reichen? Als versöhnte Menschen können wir die schwierigsten Situationen meistern. Zuhören ist entscheidend! Damit beginnt auch der Glaube an Gott, der aus Lethargie und Verzagtheit herausreißen kann.

Natürlich darf nicht übersehen werden, wie viel Positives passiert. Die meisten Menschen schauen aufeinander. Zum Beispiel wird in Familien Großartiges geleistet.
Neben den Ärzten und Pflegenden auf den Covid-Stationen denke ich dankbar an viele Familien, die die größten Lasten in den Lockdown-Phasen zu tragen hatten. Viele Mütter mussten zugleich Lehrerin, Sekretärin im Homeoffice, Hausärztin, Haushaltsmanagerin und Köchin sein. Auch die Kinder sind zu erwähnen – sie haben trotz Belastungen großes Verständnis gezeigt.

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Am Heiligen Abend werde ich im Hospiz Gottesdienst feiern und anschließend die „Mentlvilla“ besuchen, wo Drogenkranke ein vorübergehendes Zuhause haben.

Bischof Hermann Glettler

Ein Thema, das heuer für viel Diskussionen gesorgt hat: Beihilfe zum Suizid für Schwerkranke wird ab Jänner möglich. Haben Sie Sorge, dass nun eine Tür zur weiteren Liberalisierung von Sterbehilfe aufgemacht wurde?
Überall, wo die Suizidassistenz straffrei gestellt wurde, folgt auch die Freigabe der Tötung auf Verlangen. Ob Österreich eine Ausnahme bleibt? Längst geht es dann nicht mehr um dramatische Einzelfälle. Alte und gebrechliche Personen werden zusehends unter Druck geraten. Sie fühlen sich ohnehin oft nur mehr als Last für die Umgebung. Das neue Gesetz sollte ehrlicherweise „Suiziderklärung“ heißen und nicht „Sterbeverfügung“. Es geht doch nicht um das Sterben, diese kostbare, letzte Phase unseres Lebens, das Gesetz regelt die Beihilfe zur Selbsttötung. Extrem bedauerlich ist, dass die Bedenkzeit vor dem Suizid nicht verbindlich vorgeschrieben wird. Umso wichtiger wird das Füreinander-Dasein und die Ermutigung zum Leben. Jeder von uns ist gefordert.

Ein Ausblick noch auf das bevorstehende Weihnachtsfest: Wie und wo verbringt Bischof Hermann heuer den Heiligen Abend?
Am Heiligen Abend werde ich im Hospiz Gottesdienst feiern und anschließend die „Mentlvilla“ besuchen, wo Drogenkranke ein vorübergehendes Zuhause haben. Die Atmosphäre ist berührend, viel Sehnsucht, viel Verletzlichkeit. In der bischöflichen WG gibt es dann abends das weihnachtliche Räuchern – mit Gebet und Weihrauch durchs ganze Haus. Im Keller vom Bischofshaus, das die erste Schule von Innsbruck war, ist heuer eine wunderschöne Krippe aufgebaut. „Kripperl schaun“ ist möglich.

Apropos Krippe: Welche Figur in einem Krippenspiel würden Sie gerne übernehmen? Und wie würden Sie diese Rolle anlegen?
Die Hirtenrolle würde ja gut zum Bischof passen – und „Chefchen“ gibt es ja auch genug (lacht). Aber ich würde den Heiligen Josef wählen. Der steht oft ratlos daneben und wirkt, als ob er schlafen würde. Ehrliches Bild für die Ermüdung in unserer getriebenen Zeit. Aber Josef bleibt hörend, sodass Gott im Traum zu ihm sprechen kann. Im entscheidenden Moment geht er dann mutig und entschlossen seinen Weg. Dieser engagierte Mensch, der mit Gott innerlich auf Du ist und sich ohne Angst vor dem Gerede der Leute für die Schwachen einsetzt, fasziniert mich sehr.

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