28.11.2021 06:00 |

Freunde werden Gegner

Fronten verhärten sich: Corona spaltet das Land

Die Fronten verhärten sich immer mehr. Impfen: ja oder nein? Die Emotionen gehen hoch. Die Lösung? Aufklären, aufklären, aufklären.

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Es ist ein Nachrichtenverkehr, der beinahe schon als charakteristisch bezeichnet werden kann, für die Zeit, in der wir gerade leben.  Ein User postete vor wenigen Tagen auf Facebook: „Ich habe kein Verständnis für Menschen, die sich nicht impfen lassen. Und ich will, dass alle, die zu dieser Gruppe gehören, von meiner Freundesliste verschwinden.“ Die Reaktion darauf: Zustimmungen wie: „Ich sehe das genauso wie du. Ich möchte mit Corona-Leugnern, die uns abermals einen Lockdown beschert haben, nichts zu tun haben.“

„Ich will keinen Kontakt mehr mit dir haben“
Und dazwischen angriffige Antworten: „Ich wusste gar nicht, dass du ein Impffaschist bist, und verzichte gerne auf jeden weiteren Kontakt mit dir.“ Diskussionen wurden entfacht, Verlinkungen gesetzt, zu Videos von Medizinern, die über die dramatische Lage auf unseren Intensivstationen sprechen – und im Gegenzug von selbst ernannten Wissenschaftern, die erklären, Covid wäre nicht gefährlicher als ein grippaler Infekt.

Ja, die Fronten haben sich verhärtet, verhärten sich laufend mehr; der Message-Verkehr spiegelt letztlich das wider, was – seit vielen Monaten – geschieht: eine Spaltung der Gesellschaft. „Die“, erklärt Psychiater Reinhard Haller, „vermutlich durch Empfindungen der Angst und der Ungewissheit entstanden ist.“

Niemand, „nicht einmal die besten Ärzte der Welt“, hätten am Beginn der Pandemie abschätzen können, wie sich das Virus entwickeln, wie viele Todesopfer es fordern, wie lange es unser Dasein beherrschen wird: „Und fest steht leider: Bis heute sind keine wirklich gültigen Prognosen möglich. Damit müssen wir uns alle abfinden.“ Doch das fällt offenkundig schwer, „weswegen man – jeder für sich – nach Wegen sucht, um mit dem Drama fertigzuwerden“.

Und der Experte für die Tiefen der menschlichen Seele gibt zu: „Auch ich habe mich geirrt. Ich war zunächst davon ausgegangen, dass dieser ,unbekannte Feind‘ Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühle verstärken würde.“

„In der ersten Welle, im ersten Lockdown, war das tatsächlich so“, resümiert die Wiener Soziologin Barbara Rothmüller; doch schon bald danach hätten sich Fronten zu bilden und die Suche nach Schuldigen begonnen. Von ihr durchgeführte Studien haben schließlich schon im Herbst 2020 ergeben, dass bestimmte Bevölkerungsschichten zu „Treibern“ des Virus stigmatisiert wurden: „Wie etwa Personen mit Migrationshintergrund, Obdachlose, Jugendliche oder Kindergärtnerinnen – die teilweise gezielt gemieden wurden, weil als vermeintliche Covid-Verbreiter galten.“ Andererseits wiederum – so das Ergebnis weiterer Umfragen – seien Menschen, die Masken trugen oder bei persönlichen Treffen mit anderen Abstandsregeln einhielten, als überängstlich und hysterisch bezeichnet und oft sogar wegen ihrer Vorsicht beschimpft worden.

„Wir sollten das Gespräch suchen“
Und nicht selten ließen, lassen Meinungsverschiedenheiten über Corona sogar dicke Freundschaften zerbrechen (siehe unten). Die Zahl jener, die eine Impfung völlig verwehren und sich in einer ideologisch bedenklichen Blase befinden, „ist aber nicht extrem groß“, sind sich Haller und Rothmüller einig. Und auch darüber, „dass einige, die jetzt sogar an Demonstrationen teilnehmen, zu gewinnen sind“. Mit Argumenten, in Gesprächen, durch Aufklärung – „einfach, indem man den Kontakt mit ihnen nicht völlig abbricht“. Die Pandemie, sie ist, sie bleibt ein globales Problem.

„Vielleicht begreift nun endlich jeder, dass sie nur zu besiegen ist, wenn Länder, die schon seit Langem ausgebeutet werden, mit Impfstoff versorgt werden müssen – und dass dort in Hinkunft bessere Bedingungen geschaffen werden müssen, von der westlichen Welt“, sagt Barbara Rothmüller. „Vielleicht bringt uns das Virus – das viel stärker ist als wir – dazu, empathischer zu werden“, sagt Reinhard Haller.

Das Ende einer Freundschaft
Sie will nicht, dass ihr Name genannt wird, sie will einfach nicht erkennbar sein - vor allem nicht für den Menschen, über den sie jetzt spricht: „Denn er war mehr als drei Jahrzehnte hindurch mein bester Freund, und wenn ich mich ,oute‘, dann ,oute‘ ich auch ihn“, sagt die Frau, die jetzt auf einer Parkbank in ihrem Heimatort sitzt - und erzählt, warum und wie die Beziehung zu „diesem Mann“ beendet wurde. Wegen Corona.

„Bis zum Ausbruch der Pandemie telefonierten wir häufig stundenlang miteinander, wir trafen uns oft in Lokalen. Wir hatten zusammen Spaß, hatten immer dieselben Ansichten. Politisch und über Personen, die wir beide kennen.“ Aber dann kam die Pandemie: „Und zum ersten Mal hatten wir unterschiedliche Meinungen zu einem Thema. Er meinte, das Virus würde ,überschätzt‘; ging, trotz Lockdown, auf private Partys. Bezeichnete mich als hysterisch, wenn ich ihn darauf hinwies, dass eine Covid-Infektion tödlich verlaufen kann.“

Es kam in der Folge zu vielen Diskussionen zwischen den beiden, per WhatsApp: „Und immer mehr begannen sich die Fronten zu verhärten.“ Schließlich sei eine „normale Konversation, ohne gegenseitige Vorwürfe“ nicht mehr möglich gewesen, „seit einem Jahr haben wir keinen Kontakt zueinander. Was mich schmerzt.“ Die Frau hofft, dass er sich - „trotz allem“ - hat impfen lassen: „Aber ich glaube das nicht. Denn dann hätte er ja umgedacht. Wovon ich leider nicht ausgehe ...“

Martina Prewein
Martina Prewein
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