27.11.2021 09:02 |

Neues Gesetz regt auf

„Über das Sterben muss man auch reden dürfen“

Ab 2022 steht Schwerkranken mit der neuen Sterbeverfügung Suizid-Hilfe zu. Die steirische Patientenombudsfrau Michaela Wlattnig kann die Kritik an dem neuen Gesetz nicht verstehen, wie sie im Gespräch mit der „Krone“ betont.

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„Krone“: Wann ist ein Leben nicht mehr lebenswert?
Wlattnig: So etwas kann man von außen nie beurteilen. ,Ich weiß, was für dich das Beste ist‘ - das ist ein äußerst übergriffiger Satz. Die Entscheidung, nicht mehr am Leben teilhaben zu wollen, ist eine rein persönliche.

Die Begutachtungsfrist für den Gesetzesentwurf zur Sterbehilfe ist jetzt abgelaufen. Wie beurteilen Sie als oberste Patientenvertreterin und damit künftig unmittelbar Involvierte das Papier?
Die Voraussetzungen, unter denen ein assistierter Suizid in Anspruch genommen werden kann, hat man genau festgelegt. Ich sehe den Entwurf als gelungen.

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Ich sehe den Gesetzesentwurf als gelungen

Pflegeombudsfrau Michaela Wlattnig

Erklären Sie uns bitte einmal das Wichtigste: Wer kann eine Sterbeverfügung überhaupt veranlassen?
Dieses Instrument soll Menschen zur Verfügung stehen, die an einer unheilbaren, zum Tode führenden Krankheit oder an einer schweren, dauerhaften Krankheit mit anhaltenden Symptomen leiden. Und die Person X muss natürlich entscheidungsfähig sein.

Wie läuft der Verfügungsprozess konkret ab?
Zuerst braucht man zwei Ärzte, die unabhängig voneinander eine ausführliche Aufklärung durchführen, einer der beiden muss eine palliativmedizinische Ausbildung haben. Dieses Gespräch ist sehr umfangreich, man wird über Alternativen zur Sterbeverfügung, das zum Tode führende Medikament bis hin zur richtigen Dosierung aufgeklärt. Und natürlich wird auch festgestellt, ob die Person entscheidungsfähig ist.

Und dann?
Zwölf Wochen nach der ersten Aufklärung kann bei Patientenvertretern oder Notaren die Sterbeverfügung errichtet werden. Dort wird man neuerlich aufgeklärt, es gibt ein eigenes Register, in das man eingetragen wird, der Dokumentationsaufwand ist groß. Man kann auch Personen angeben, die Hilfe leisten möchten und sollen, verpflichten kann man jedoch niemanden dazu. Mit dieser Verfügung kann man schließlich das letale Medikament in der Apotheke abholen.

Anders als beim Notar wird die Errichtung einer Sterbeverfügung bei der Patientenanwaltschaft kostenfrei sein. Mit welchem Mehraufwand rechnen Sie?
Es gibt Schätzungen, wonach in der Steiermark mit dem Abschluss von etwa 70 Sterbeverfügungen jährlich zu rechnen ist. Dafür nimmt man statistische Daten wie etwa Suizidraten oder Bevölkerungszahlen her. Da in einer Sterbeverfügung weit mehr Aufwand als in einer Patientenverfügung steckt, rechnen wir mit einem spürbaren Plus an Arbeit.

Haben Sie dafür in Zeiten der Pandemie denn überhaupt ausreichend Personal?
Unsere Personaldecke ist zur Zeit leider ganz dünn. Vor Corona hatten wir rund 2000 Fälle pro Jahr zu betreuen, jetzt sind es 3000, also um ein Drittel mehr. Ich hoffe, dass ich mehr Personal bekomme, damit wir diese neue Leistung auch bestens erfüllen können.

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Ich hoffe, dass ich mehr Personal bekomme, damit wir diese neue Leistung auch bestens erfüllen können

Michaela Wlattnig, seit 2019 steirische Patientenvertreterin

Sie monieren, dass bei dem Thema Sterbehilfe Schwarz-weiß-Denken dominieren würde. Was stört Sie?
Ich wünsche mir, dass der Suizid nicht als ethisch verwerflich dargestellt wird. Wir müssen akzeptieren, dass es Lebenslagen gibt, wo Suizid ein legitimer Wunsch ist. Jemand, der gesund ist, kann ja gar nicht nachvollziehen, wie es demjenigen mit Suizidwunsch gerade geht. Diese Menschen in eine Ecke der Verwerflichkeit abzudrängen, das stört mich. Der Mensch hat auch ein Recht darauf, so aus dem Leben zu scheiden, wie er das möchte.

Wie kommt ein Kranker, der keine betreuenden Angehörigen hat, nicht mobil und in einem Haus untergebracht ist, in dem man Sterbehilfe kritisch gegenüber steht, zukünftig zu seinem Recht?
Er muss uns Patientenvertreter nur informieren - entweder selber anrufen oder von einem Angestellten anrufen lassen. Es wird sicher in vielen Fällen so sein, dass wir zu den Patienten vor Ort hinfahren müssen.

Fakten

  • Wie kam es zur Veranlassung des neuen Gesetzes?
    Notwendig wurde eine Neuregelung, weil der Verfassungsgerichtshof (VfGH) Ende letzten Jahres das Verbot der „Mitwirkung am Selbstmord“ teilweise gekippt und dem Gesetzgeber bis Ende 2021 eine Frist zur Reparatur eingeräumt hatte. Diese geht nun zu Ende.
  • Wie weit ist das neue Regelwerk gediehen?
    Im Oktober wurde ein Vorschlag für ein Sterbeverfügungsgesetz vorgelegt, die Begutachtungsfrist endete am 12. November und war damit sehr knapp bemessen. Mitte Dezember soll das Gesetz im Nationalrat beschlossen werden, damit sich der 1. Jänner 2022 noch ausgeht.

Palliativ- und Hospizbetten sollen nun parallel ausgebaut werden. Wie weit gehen Angebot und Nachfrage in der Steiermark auseinander?
Aktuell gibt es etwa 50 Betten in der Steiermark - regional sehr unterschiedlich verteilt. Ich bekomme oft zu hören, dass man auf ein freies Bett viel zu lange warten muss.

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