14.10.2021 06:00 |

Mehr als 30 Jahre alt

Europas Schrottmeiler sind tickende Zeitbomben

Ein riskantes Spiel mit dem Feuer: 84 Prozent der Reaktoren in der EU haben mehr als 30 Jahre auf dem Buckel. Die Überalterung trifft auch das AKW Krško im nahen Slowenien.

Atomkraftwerke sind tickende Zeitbomben, mahnen Umweltschützer, vor allem weil sie meist Uralt-Kolosse mit Technik aus dem vergangenen Jahrhundert sind: 84 Prozent der Reaktoren in der EU laufen bereits mehr als 30 Jahre lang auf Hochtouren, das slowenische AKW Krško hat sogar schon vier Jahrzehnte auf dem Buckel. Der Kampf der Atom-Gegner ist häufig einer gegen Windmühlen - Frankreich etwa will Nuklearenergie nun sogar noch weiter forcieren.

Denkt man an Kernkraftanlagen, kommen den meisten von uns ihre riesigen Kühlturm-Ungetüme in den Sinn: betongraue Architektur-Riesen als monumentale Symbole für Atomkraft, deren simpler Zweck es ist, große Mengen an Wasser herunterzukühlen. Kaum jemand jedoch weiß: AKWs sind hochkomplexe Anlagen, in denen zahnradartig viele kleine Rädchen verlässlich ineinandergreifen müssen. An diesen verschiedenartigen Werkstoffen und Bauteilen nagt freilich auch gefräßig der Zahn der Zeit - da kann die Technik noch so fortschrittlich sein -, sie verschleißen unterschiedlich.

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Die Alterung des Krško-Reaktors wird unzureichend untersucht – das Bedien-Personal ist im Blindflug im Atom-Oldtimer.

Reinhard Uhrig, Anti-Atom-Sprecher (Global 2000)

Kernstück für Ingenieure kaum erreichbar
Einige gut zugängliche Bauteilchen alter Reaktoren können durch Überprüfungen und pünktliche Wartungen unter Kontrolle gehalten werden - vergleichbar mit Oldtimern, die laufen und laufen, wenn der Automechaniker regelmäßig sein Werkzeug zückt. Andere Teile wie das Kernstück, der hochradioaktive Reaktor-Druckbehälter, oder im Beton verlegte Rohrleitungen sind für die Ingenieure kaum erreichbar. Wartungen mutieren zur Sisyphusarbeit, Reparaturen zum schier unmöglichen Unterfangen.

Ersatzteile werden oft nicht mehr hergestellt
Der Neutronen-Beschuss durch die nukleare Kettenreaktion macht den Stahl des Reaktordruckbehälters mit fortschreitendem Alter spröder, zusätzlich sind die AKW-Elemente stets enormen Belastungen ausgesetzt. „Wenn starke Temperaturunterschiede auftreten, etwa bei einer Notabschaltung, kann es zum gefürchteten ,Sprödbruch’ kommen, bei dem der Brennelemente-Behälter reißt und hochradioaktiver Inhalt ausdringt“, warnt Reinhard Uhrig, Anti-Atom-Sprecher von Global 2000.

Da Wissenschafter wegen der gewaltigen Strahlenbelastung keine Proben von diesen Zentralteilen entnehmen können, ist der tatsächliche Zustand des Reaktor-Stahls nur abschätzbar - die Atomaufsicht muss sich auf grobe Annahmen verlassen. „Dazu sind Ersatzteile alter Reaktoren oft nicht verfügbar oder die Hersteller gibt es nicht mehr“, erklärt der Umweltaktivist. Viele der Reaktoren, die hart an der 40-Jahre-Altersgrenze kratzen, wurden noch in Sowjet-Zeiten entworfen.

Nachrüstungen sind kaum mehr möglich
Und in den 1970er- und 1980er-Jahren galten laxere Sicherheitsvorschriften. Die Auflagen wurden nach den Nuklearkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima verschärft. „Diese Sicherheitsstandards können aber in alten AKWs nur teilweise nachgerüstet werden“, zeigt sich Uhrig besorgt.

Noch mehr Sorgenfalten treibt ihm aber speziell der Uralt-Meiler Krško nahe der steirischen Grenze auf die Stirn. Die Überwachung des Alters des strahlenden „Reaktor-Herzens“ sei schlechter als dies die EU-Atom-Regulierungsbehörden für Europa erwarten.

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