Sackerl und Flaschen

Studien: Glas und Papier nicht besser als Plastik?

Österreich
18.02.2011 09:35
Weg mit der Plastik-Einwegflasche, weg mit dem Plastiksackerl. Immer wieder flammen diese beiden Debatten auf. Für neuen Zündstoff sorgen jetzt zwei Studien: Die Autoren behaupten, Einwegflaschen seien nicht schädlicher als Glasflaschen, und auch die Papiertüte sei nicht "grüner" als das Plastiksackerl. In beiden Studien findet sich aber trotzdem jeweils ein dritter Weg zur Verbesserung des Status quo in Österreich.

Wann auch immer über das nach 200 Jahren noch immer nicht verrottete Plastiksackerl oder den von 90 auf 20 Prozent gesunkenen Mehrwegflaschenanteil im Handel debattiert wird, die Diskussionen laufen stets nach demselben Schema ab: Umweltschützer bzw. das Umweltministerium schlagen gesetzliche Maßnahmen vor, meist Quotenregelungen für den Handel - und die Wirtschaft(skammer) würgt die Diskussion binnen weniger Tage ab.

An den beiden Studien, die teilweise erstmals seit Jahrzehnten brauchbare Daten liefern, werden die einzelnen Parteien nun aber länger zu knabbern haben. Vor allem an der Sache mit den Wegwerf- und den Einwegflaschen. Die vom deutschen Institut für Energie und Umweltforschung (IFEU) im Auftrag von Umweltministerium, ARA sowie vom Fachverband der Nahrungs- und Genussmittelindustrie erstellte Studie kommt zu einem überraschenden Fazit: Plastikwegwerfflaschen sind ökologisch nicht besser oder schlechter als wiederbefüllbare Glasbehältnisse.

Überraschendes Fazit: Glas nicht besser als Plastik
Untersucht wurden PET-Einwegflaschen für Mineralwasser und Limonade (1,5 und 2 Liter) sowie 1-Liter-Glasflaschen für Mineral und Limonade, die vor zehn Jahren noch Fixstarter in den heimischen Haushalten waren, mittlerweile aber vom Aussterben bedroht sind. Der ökobilanzielle Vergleich zeigt "in Summe keinen Vor- oder Nachteil" der PET-Einwegflaschen gegenüber den Glas-Mehrwegflaschen, weder bei Mineralwasser noch bei Limonade, heißt es in der am Freitag veröffentlichten Studie. Lediglich unter der Annahme eines regionalen Vertriebs (bis zu 60 Kilometer) schneiden die Glas-Mehrwegflaschen besser ab.

Im Wesentlichen ist das Ergebnis laut IFEU auf das hohe Recyclingniveau einschließlich des sogenannten Bottle-to-Bottle-Verwertung von Kunststoffflaschen in Österreich zurückzuführen. Es werden nämlich acht von zehn der hierzulande verkauften PET-Einwegflaschen zur Verwertung erfasst. Immerhin aus jeder zweiten Plastikflasche wird wieder Verpackungsmaterial für Lebensmittel. Verbesserungspotenzial sehen die Forscher beim Flaschengewicht sowie beim verwendeten Anteil von PET-Rezyklat. Derzeit enthält eine Plastikflasche etwa 20 bis 35 Prozent einer alten Flasche.

Die Glasflasche kann umwelttechnisch mit niedrigem Ressourcenverbrauch punkten: Das IFEU hat angenommen, dass sie etwa 30 Mal wiederbefüllt wird. Negativ auf die Ökobilanz wirkt sich hingegen die Distribution aus, denn Glasflaschen müssen viel öfter hin- und hertransportiert werden. Ein weiteres Manko ist die erforderliche Reinigung der Flaschen und Kisten.

Der dritte Weg: Plastik-Mehrwegflaschen
Aber es gibt auch einen dritten Weg, der tatsächlich Umweltverbesserungen bringen würde. Das IFEU hat dafür die wiederbefüllbare Plastikflasche auserkoren. Sie ist einerseits leicht und kann andererseits mit geringeren Herstellungs- und Entsorgungslasten aufwarten. Im Vergleich mit Plastik-Einweg und Glas-Mehrweg hat sie das beste Ergebnis erzielt. Einziges Manko: In Österreich ist ausgerechnet diese Variante am Markt gescheitert.

Dass jetzt die Plastik-Mehrwegflasche ein gesetzlich abgesichertes Comeback feiert, ist damit aber noch nicht gesagt. Irgendetwas muss aber passieren, denn Umweltminister Nikolaus Berlakovich wurde Ende 2010 per Entschließungsantrag im parlamentarischen Umweltausschuss beauftragt, bis Mitte 2011 Vorschläge für die ökologische Gestaltung der Getränkeverpackungen auf den Tisch zu legen. Berlakovich hat damit wiederum Wirtschafts- und Arbeiterkammer betraut. Zuvor hatte eine von den Umweltlandesräten der Länder ins Leben gerufene Arbeitsgruppe das sogenannte Ökobonusmodell ausgearbeitet, das aber mit großem Widerstand aus Handel und Industrie binnen kürzester Zeit vom Tisch gewischt wurde. Das Modell hätte vorgesehen, die Mehrwegquote bis 2018 schrittweise auf 50 Prozent zu erhöhen (siehe ausführlichen krone.at-Bericht in der Infobox).

Plastiksackerl teilweise besser als Papier
Zeitgleich mit der IFEU-Studie sind am Freitag Berechnungen zum Thema Plastiksackerl veröffentlicht worden. Die Umweltagentur "denkstatt" hat die Ergebnisse der renommierten Studie "PlasticsEuropa" auf österreichische Verhältnisse umgerechnet und dabei vor allem Papiertragetaschen und das neuerdings schwer in Verruf geratene Plastiksackerl gegenübergestellt. Das Ergebnis ist ähnlich überraschend wie bei der Flaschen-Studie: Papier bringt keine Verbesserung, weil es in Sachen Klimafußabdruck genauso schlecht abschneidet wie das Plastiksackerl. Und auch hier wird als Grund die funktionierende Müllverwertung in Österreich angeführt. Der Plastik-Abfall wird bei uns in hohem Ausmaß energetisch, werkstofflich oder rohstofflich verwertet.

In einigen Fällen ist Papier sogar der Verschmutzer, das Plastik hingegen umweltfreundlicher: "Bei Obst- und Gemüsesackerln ist die Plastikvariante dem Papier vorzuziehen", so Harald Pilz, Autor der "denkstatt"-Studie. Das Papier habe im Vergleich zu den dünnen Plastiksackerln hier einen 50 Prozent größeren Klimafußabdruck.

Der dritte Weg: "Bio-Plastik"
Doch es gibt wiederum einen dritten Weg: das "Bio-Plastiksackerl", z.B. aus Kartoffelstärke und Polymilchsäure gefertigt, das man in einigen Supermärkten in Österreich bereits angeboten bekommt. Hier liegt der Klimafußabdruck laut Pilz im Schnitt etwa 20 bis 40 Prozent unter jenem konventioneller Kunststoffsackerln. "Wo sich Biokunststoffe für den Einsatz als Tragetasche eignen, besteht aus Sicht des Klimaschutzes hier ein, wenn auch absolut gesehen sehr kleines, Optimierungspotenzial", so der Experte.

Grundsätzlich hält Pilz die Plastiksackerl-Diskussion nämlich "für müßig": Im Klimafußabdruck eines durchschnittlichen Konsumenten machen Kunststofftragetaschen gerade einmal 0,5 Promille aus. Plastiksackerl seien insofern ungeeignet als Symbol der Ressourcenvergeudung. Die WKÖ argumentiert ähnlich: Nur 0,02 Prozent des Hausmülls würden durch Plastiksackerl verursacht.

Gesundheits-Aspekte und Ökonomie nicht berücksichtigt 
Was die beiden Studien z.B. nicht berücksichtigt haben, sind gesundheitliche Argumente in Bezug auf die Plastik-Ergzeugnisse. Bedenken hinsichtlich der Schadstoffbelastung von Getränken aus Plastikflaschen sind nach wie vor nicht ausgeräumt, mehrere Studien warnen vor langfristigen Gefahren und gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Was die Studien ebenfalls nicht in einer globalen Sicht berücksichtigt haben, ist die rohstoffintensive Herstellung von Plastiksackerln, für die Tonnen von Erdöl benötigt wird.

Und auch ein dritter Aspekt in der Plastik-Glas-Papier-Debatte wurde in den Studien außer Acht gelassen: die Wünsche des Konsumenten und seine Vorliebe für den bequemen Ausweg - was z.B. das Verschwinden der Mehrwegflaschen aus dem Handel erklärt...

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