30.06.2021 14:09 |

Spurensuche im Kino

Film-Tipp: Das Geheimnis der kenianischen Läufer

Mit gehöriger, Corona-bedingter Verspätung kommt die englischsprachige Lauf-Doku „The Secret Of The Kenyan Runners“ der österreichischen Regisseurin Barbara Gräftner bei uns in die Kinos. Wir haben mit ihr und Produzent Robert Winkler im Gespräch hinter die Kulissen geblickt und versucht, das Geheimnis des Erfolgs zu lüften.

Nancy Kiprop ist 41 Jahre alt und siebenfache Mutter. Zwei leiblichen Kindern stehen fünf adoptierte Waisen gegenüber. Früh entdeckte sie ihre Leidenschaft fürs Laufen und feierte damit u.a. drei Siege in Serie beim „Vienna City Marathon“, wo sie 2019 den 19 Jahre alten Streckenrekord verbesserte. Mit diversem Preisgeld gründete Kiprop 2017 die „Nancy Cletius Academy“, in der sie mitunter selbst lehrt und bis zu 125 Schülerinnen im Alter zwischen drei und acht Jahren eine Ausbildung ermöglicht. Der 19-jährige Rhonex Kiprunto ist Langstreckenläufer und gilt mit seinen erst 20 Jahren als Weltbester auf 10.000 Metern. 2018 gewinnt er im finnischen Tampere auf dieser Länge die U-20-Weltmeisterschaft, bei der sein um zwei Jahre jüngerer Freund Solomon Boit den undankbaren vierten Platz belegt. Für ihn ist Laufen mehr als nur Sport. Er kann mit dem Einkommen seine Familie ernähren und den 13 Geschwistern die Schulgebühren zahlen. Dass er nach einem Motorradunfall gehandicapt ist, ist ein Nachteil, aber kein Grund aufzugeben.

Dem Wunder auf der Spur
Diese drei Schicksale Laufwunder stehen im Mittelpunkt des österreichischen Films „The Secret Of The Kenyan Runners“ von Regisseurin Barbara Gräftner („Echte Wiener 2 - Die Deppat’n und die Gspritzt’n“, „Rise Up! And Dance“) und Produzent Robert Winkler. Netto haben sie mehr als ein Jahr im kenianischen Rift Valley verbracht, um dem Geheimnis der von dort stammenden, erfolgreichen Läufer auf den Grund zu gehen. Olympische Medaillen, Weltmeistertitel und Weltrekorde aus dieser Region sind Usus. Was macht kenianische Athleten so nahezu unbesiegbar? Was steckt hinter diesen Erfolgen? Und geht dort wirklich alles mit rechten Dingen zu, oder ist das System von Kapitalismus, Doping und Ausbeutung durchseucht? „Das befürchtete ich anfangs auch“, erzählt Gräftner der „Krone“ im Interview, „aber dem war überhaupt nicht so. Zumindest nicht bei Brother Colm O’Connell, dort geht alles mit rechten Dingen zu.“

Colm O’Connell stammt aus dem irischen Cork, zog über seinen katholischen Orden 1976 als Geografielehrer nach Kenia und brachte den Einheimischen den keltischen Volkssport Hurling bei. Relativ schnell hat der 74-Jährige auf Laufen umgesattelt und seither mit seinen Athleten 35 Weltmeisterschaften eingefahren. Er gilt gemeinhin als Pate des Laufsports und so gut wie jeder welterfolgreiche kenianische Läufer kommt direkt aus seinem Trainingsstall oder hat über Umwege mit ihm zu tun gehabt. Für Gräftner und Winkler war es vor allem wichtig, das Vertrauen zu bekommen. Viele Journalisten, darunter zahlreiche schwarze Schafe, wollten sich schon früher des Themas annehmen, doch erst den beiden Österreichern gelang es, bis hin zur Weihnachtsfeier von O’Connell in der Laufakademie vorzudringen und zu einem Teil des Projekts zu werden. „Wir waren monatelang auch ohne Kamera dabei und da wusste er, dass wir es ernst meinen.“

Beeindruckendes Teamwork
In der St. Patrick’s High School, einem kleinen Dorf rund 300 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Nairobi, trainiert O’Connell seine Schützlinge auf 2400 Meter Seehöhe nach einem Prinzip, das nur von außen eisern aussieht. Frei nach dem Motto „Run, Eat, Sleep, Repeat“ wird dem Laufen nicht alles, aber sehr vieles untergeordnet. 15 Kilometer gelten so nebenbei als „Easy Jogging“ und westliche Annehmlichkeiten wie Luxuszimmer oder Fernseher sind nicht vorhanden. Natürlich haben die jungen Athleten alle Smartphones, aber abends spielt man Karten und Mühle oder löst Bohnen aus. Das Team folgt den Athleten nicht nur beim Training und den Bewerben, sondern blickt auch hinter die Kulissen. Bilder vom gemeinschaftlichen Schlafen in Stockbetten, den ärmlichen Familienverhältnissen und der innigen Freundschaft und Bescheidenheit unter den Athleten nehmen viel Platz ein. Besonders beeindruckend: das bedingungslose Teamwork, das sich quer durch alle Altersgruppen zieht.

Ein großes Augenmerk wird auf die wirtschaftlichen Belange geworfen. Mit dem üppigen Preisgeld bei diversen Marathons oder Leichtathletikbewerben lassen sich in Afrika ganze Existenzen bis hin zu den Urenkeln sichern. „Mit 25.000 Euro kannst du dir in Afrika ein Geschäft aufbauen und gut 20 Leute mitfinanzieren.“ Brother Colm ist mehr Vater als Mentor für die jungen Athleten und sorgt mitunter dafür, dass die schulischen Leistungen nicht leiden und die motivierten Jungspunde lernen, mit Geld richtig umzugehen. „Er umgibt sich nur mit aufrichtigen Managern“, erklärt Gräftner, „sie zahlen auch das Schulgeld mit und achten auf die Balance. Sein Schlüsselsatz ist, dass er den Leuten die Möglichkeit zur Selbstentfaltung gibt. Er glaubt an die Leute und sieht ihn ihnen etwas Größeres als den Sport selbst. Manager gibt es genug, aber nur wenigen kann man vertrauen.“ Die Nähe des Filmteams zu den Athleten und Brother Colm ist spürbar und verhilft dem Film zu einer intensiven Erzählstringenz. Negative Aspekte rund um die wirtschaftlichen und soziologischen Bereiche Kenias werden zwar nicht ausgeblendet, aber doch deutlich hinter die menschlichen Einzelgeschichten gereiht.

Das große Geheimnis
Doch was ist denn nun das große Geheimnis, das die kenianischen Läufer zu den Allerbesten dieser Welt macht? Ein Sportmediziner verortet den Grund dafür in der umstrittenen Vorderfußlauftechnik, die bei Afrikanern deshalb entsteht, weil sie sie ihre gesamte Kindheit meist barfuß verbringen und die Ferse beim Lauf nur antippen, um zu stabilisieren. Ein anderer Aspekt ist die Vorbildwirkung. Die ganz Großen des Sports leben auch in Kenia und sind für die Nachwuchstalente greifbar. „Hier können 16-Jährige mit Weltrekordhaltern laufen und sich dabei motivieren.“ Die vielleicht wichtigste Komponente ist die intrinsische Haltung dem Sport gegenüber. „Wenn die Kenianer merken, dass es beim Laufen weh tut, dann trainieren sie erst richtig“, erklärt Produzent Winkler, „die Menschen kennen dort ganz andere Arten von Leid und Entbehrung, wodurch das Athletische trotz des Schmerzes wie eine Freude wirkt.“ Und im Falle unserer drei porträtierten Läufer dann eben zu Erfolg, Sicherheit und inneren Frieden führt.

Kinostart von „The Secret Of The Kenyan Runners“: 2. Juli.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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